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Der Laden Roman. Erster Teil von Strittmatter, Erwin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.10.2016
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
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Der Laden

Erster Teil - 'Die Welt ist voller Geheimnisse. Wenn ich älter bin, werde ich sie ergründen.' Ein folgenschwerer Tag ist jener 15. Juni 1919 für Esau Matt: Die Familie zieht um, von einem Niederlausitzer Heidedorf in ein anderes, nach Bossdom. 'Brod-, Weissbäckerei, auch Colonialwarenhandlung' steht über dem Laden, den die Eltern mit nichts als Geborgtem erworben haben. Von nun an wird Esau Bäckersch Esau sein und bleiben, und der Laden wird tyrannisch in den Familienfrieden eingreifen.

Erwin Strittmatter wurde 1912 in Spremberg als Sohn eines Bäckers und Kleinbauern geboren. Das Realgymnasium verließ er mit 17 Jahren, begann eine Bäckerlehre und arbeitete danach in verschiedenen Berufen. Von März 1941 bis Frühjahr 1945 gehörte er der Ordnungspolizei an, war im Polizeigebirgsjäger-Regiment 18 an Einsätzen in Slowenien, Finnland und Griechenland beteiligt, seit 1942 Bataillonsschreiber und seit 1944 Kriegsberichter. Nach dem Kriegsende arbeitete er als Bäcker, Volkskorrespondent und Amtsvorsteher, später als Zeitungsredakteur in Senftenberg. Seit 1951 lebte er als freier Autor zunächst in Spremberg, ab 1952 in Berlin. 1954 verlegte er seinen Hauptwohnsitz nach Schulzenhof bei Gransee. Dort starb er am 31. Januar 1994.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 536
    Erscheinungsdatum: 17.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841212061
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 2301 kBytes
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Der Laden

Es muß schrecklich sein, immer zu denken: Zwanzig Liter, zwanzig Liter. Ich will mich lieber irren.

Auch der Petroleumkutscher hat eine Geiernase. Ein Netz von Hautgräben, ein kleiner Spreewald, durchzieht sein Gesicht. Für mich ist der Petroleumkutscher mit den Schutzmarken-Cowboys verwandt.

Nee, der heeßt Brando und stammt von Terppe, sagt der Großvater. Er kennt alle sorbischen Kutscher aus Grodk. Aber für mich bleibt der Petroleumkutscher, ob er Brando heißt oder nicht, mit den Cowboys verwandt. Er hat den großen Hut nur daheim gelassen und die wendische Kito-Mütze aufgesetzt, damit die Leute ihn nicht verhöhnen.

Ich habe mir mein eigenes Amerika erbaut, erbaut aus den Erzählungen der Vater-Mutter, aus den Erinnerungen von Tante Magy, aus den Empfindungen, die mir der amerikanische Schaukelstuhl der Großmutter vermittelte, aus Gerüchen, die die alten Schulbücher und die Briefe von Onkel Stefan ausströmen, und ich ordne Brando in mein Amerika ein, von dem ich niemand etwas erzähle. Ich lasse meine Träume wachsen, es sind Pilze im Heide-Moos, die erst groß genug sein müssen, um gefunden zu werden.

Meine Mutter meint, wir sollen feine Kinder werden. Bissel so wie Stadtkinder. Vor allem das Deitsche sollen wir besser reden lernen.

Warum solln wa nich reden wie alle, Mama?

Damit ihr besser furtkommt im Leben.

Ganzes und ganzes das Furtkommen! Wo sollen wir denn hinkommen, Mama?

Das werd ihr denn schon sehn!

Wir haben es gesehen, wirklich, oh je, oh ja.

Sagt nicht immer nee, wenn es nein heißt, sagt die Mutter. Sagt nicht kleene, wenn es klein heißt, sagt nicht Beene, wenn es sich um eire Beine handelt!

Wir sind gehorsam, für eine Weile wenigstens. Wir sagen nicht mehr Schnee, sondern Schnei, und wir sagen auch Chaussei, und die bommligen Blüten des Rotklees werden Kleiblüten. Meine Schwester kommt vom Spielen herein und sagt: Mama, Leihmanns Richard hat mir berotzt!

Es heeßt Lehmanns Richard, verbessert die Mutter.

Ich denke, es heißt nicht heeßt, sagt die Schwester.

Die ertappte Mutter geht drüber hinweg und sagt: Es heißt nicht berotzt, sondern es heißt: Lehmanns Richard hat mir mit Nasenschmutz beworfen. Rotzen ist ein dreckiges Wort, sagt sie, sie weiß nicht, daß auch der Herr Luther solche dreckigen Wörter benutzte. Doktor Martin Luther - die Mutter verehrt ihn, zumindest am Reformationstage im Oktober, verehrt ihn, weil der so mehr fürs Moderne war und sich nicht hat abhalten lassen, die liebe Katharina von Bora von ihren Nonnenleiden zu erlösen und zu heiraten.

Die Mutter ist nicht nur fürs Moderne, sie ist auch fürs Adrette. Sie exerziert mit meiner Schwester, wie sich eine adrette Frau die Schürzenbänder auf dem Rücken zu einem Schmetterling aufbindet, ohne in einen Spiegel zu sehen. Sie belehrt auch uns Jungen. Wenn wir uns eine Frau nehmen, sagt sie uns, sollen wir der nicht nur ins Gesicht sehen, sondern auch auf den Rücken und drauf achten, daß die Flügel ihres Schürzenband-Schmetterlings gleich lang und schön breitgezupft sind. Wenn das nicht is, denn laßt eich uff nischt ein, warnt sie uns.

Menschen, die ihre Tannenbaumkugeln mit Nußdrähten an die Baumzweige hängen, sind für meine Mutter geschmacklich unterbildet. Sie hängt Glaskugeln und Zuckerzeug an weißen Wollfäden auf.

Und Jungs, sagt sie, wenn ihr euch eene nehmt, achtet druff, daß se nähen kann, und wenn se soagt, se kann, dann beseht eich, was se genäht hat, ooch von hinten. Sind die Nähte von links hui pfui und ausgefranst, wird se eich ooch die Strümpe so stoppen, daß ihr hinkt, wenn ihr drin läuft. In Spremberg sagt man nicht lauft .

Unsere Mutter baut uns die Frauen zurecht, die wir einst nehmen sollen. Das Mädchenhaar darf nicht angeklatscht liegen und ranzig riechen, es muß locker sein und duften, und die Unterwäsche der Frauen muß sauber sein wie deren Sonntagsgewand.

Ja, wern se uns denn

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