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Der letzte Satz Roman von Seethaler, Robert (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.08.2020
  • Verlag: Hanser Berlin
eBook (ePUB)
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Der letzte Satz

Gustav Mahler auf seiner letzten Reise - das ergreifende Porträt des Ausnahmekünstlers. Nach 'Das Feld' und 'Ein ganzes Leben' der neue Roman von Robert Seethaler.
An Deck eines Schiffes auf dem Weg von New York nach Europa sitzt Gustav Mahler. Er ist berühmt, der größte Musiker der Welt, doch sein Körper schmerzt, hat immer schon geschmerzt. Während ihn der Schiffsjunge sanft, aber resolut umsorgt, denkt er zurück an die letzten Jahre, die Sommer in den Bergen, den Tod seiner Tochter Maria, die er manchmal noch zu sehen meint. An Anna, die andere Tochter, die gerade unten beim Frühstück sitzt, und an Alma, die Liebe seines Lebens, die ihn verrückt macht und die er längst verloren hat. Es ist seine letzte Reise.
'Der letzte Satz' ist das ergreifende Porträt eines Künstlers als müde gewordener Arbeiter, dem die Vergangenheit in Form glasklarer Momente der Schönheit und des Bedauerns entgegentritt.

Robert Seethaler, geboren 1966 in Wien, ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Seine Romane 'Der Trafikant' (2012) und 'Ein ganzes Leben' (2014) wurden zu großen internationalen Publikumserfolgen. 2018 ist sein neuer Roman 'Das Feld' erschienen. Robert Seethaler lebt in Wien und Berlin.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 128
    Erscheinungsdatum: 03.08.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446268753
    Verlag: Hanser Berlin
    Größe: 1467 kBytes
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Der letzte Satz

Den Kopf gesenkt, den Körper in eine warme Wolldecke gewickelt, saß Gustav Mahler auf dem eigens für ihn abgetrennten Teil des Sonnendecks der Amerika und wartete auf den Schiffsjungen. Das Meer lag grau und träge im Morgenlicht. Nichts war zu sehen außer dem Tang, der in schlierigen Inseln an der Oberfläche schwamm, und einem überaus merkwürdigen Schimmern am Horizont, das aber, wie ihm der Kapitän versichert hatte, absolut nichts bedeutete. Er saß auf einer Kiste aus Stahl, mit dem Rücken an die Wand eines Deckcontainers gelehnt, und spürte das dumpfe, gleichmäßige Hämmern der Schiffsmotoren unter sich. Auf der Kiste lag eine Rolle Tau, aus der ein Eisenhaken ragte. Der Haken war an der Spitze angerostet, das Tau ausgefranst und schwarz vom Öl. Jemand hatte ihm vom Duft des Meeres erzählt, aber es roch nach nichts. Hier draußen gab es nur den Geruch von Stahl und Maschinenöl und den Wind, der von Norden kam und sich nie zu drehen schien. Mahler mochte den Wind. Er hatte den Eindruck, er wehe ihm dumme Gedanken aus dem Kopf. 

Vom Hinterdeck kam der Junge mit dem Tee. Er balancierte das Tablett auf einer Hand und ließ die andere über die Reling gleiten. Mahler sah zu, wie er Kanne und Tasse, beide aus feinem, weißblauem Porzellan, sowie einen Zuckerstreuer und ein Silbertellerchen mit Keksen auf der Kiste drapierte. Die Bewegungen des Jungen waren steif und verhalten wie die eines alten Mannes, doch sein Gesicht war kindlich und glatt.

»Wie lange fährst du schon zur See?«, fragte Mahler.

»Es ist mein erstes Jahr, Herr Direktor«, antwortete der Junge.

»Ich bin kein Direktor, also lass das«, sagte Mahler. »Und nimm die Kekse wieder mit!«

Der Junge nickte.

»Wenn Sie mich jetzt nicht mehr brauchen.«

Mahler schüttelte den Kopf, und der Junge ging. In der Kanne schwammen winzige dunkle Blättchen, dabei hatte er russischen Weißen bestellt. Irgendjemand hatte ihm erzählt, dass weißer Tee die Seele beruhigt. Das war natürlich Unsinn, doch manchmal war es nützlich, an solche Dinge zu glauben.

Der Tee war heiß und er trank langsam. Das war das Einzige, was er heute zu sich nehmen würde. Er fühlte schon lange keinen Hunger mehr, vielleicht würde er morgen wieder essen.

Der stählerne Rumpf unter ihm knarrte und die Griffläufe an der Reling vibrierten. Er glaubte, den Schrei einer Möwe zu hören. Aber das kann nicht sein, dachte er. Sechs Tage auf hoher See und weit und breit kein Land. Oder doch? Er würde später den Kapitän fragen oder den Jungen.

Einmal hatte er eine einzelne Möwe weiß und klein auf den Wellen schaukeln gesehen. Das war im Hafen von New York gewesen, er saß in einer grell ausgeleuchteten Baracke der Zollbehörde, und während die Beamten ihn über Zweck und Dauer seines Aufenthaltes befragten, blickte er immer wieder aus dem verstaubten Fenster über den Hafen hinaus. Zum Schluss wurde er gezwungen, einen ganzen Stoß Papiere zu unterschreiben, und als er danach wieder hinaussah, war die Möwe verschwunden.

Er musste an den Sommer vor drei Jahren denken. Eines Nachmittags war er von den Dielen hochgesprungen, auf denen er zwei Stunden lang still gelegen und den pulsierenden, in allen Farben leuchtenden Schmerz in seinem Kopf beobachtet hatte. Einige Sekunden stand er schwankend im Raum, ehe er zum Schreibtisch taumelte, eines der von ihm eigenhändig mit Linien bemalten Notenblätter aus der Schublade riss und hastig zu kritzeln begann. Ein Vogel hatte gerufen, in der Fichte hinter dem Komponierhäuschen. Sicher einer dieser kleinen rotbraunen, die man kaum je zu Gesicht bekam und die von den Einheimischen Abholer genannt wurden, weil sie angeblich die Seelen der Gestorbenen heimbrachten. Der Ruf bestand aus drei einzelnen Tönen, die im Gegensatz zum Äußeren des Vogels nichts Fröhliches oder Liebliches hatten, sondern einfach nur gemein klangen. Spöttisch, heiser und abgerissen&

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