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Der Mensch erscheint im Holozän Eine Erzählung von Frisch, Max (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.12.2012
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Der Mensch erscheint im Holozän

Mit der phantastischen Wachheit des Einsamen registriert Herr Geiser die kleinen Anzeichen einer denkbaren Katastrophe. Das Tal ist durch Unwetter von der Umwelt abgeschnitten. Gefaßt darauf, daß eines Tages der ganze Berg ins Rutschen kommt und das Dorf verschüttet für alle Zeit, liest Herr Geiser im Lexikon, in der Bibel, in Geschichtsbüchern und schreib ab, was nicht vergessen werden soll. Max Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren und starb am 4. April 1991 an den Folgen eines Krebsleidens in seiner Wohnung in Zürich. 1930 begann er sein Germanistik-Studium an der Universität Zürich, das er jedoch 1933 nach dem Tod seines Vaters (1932) aus finanziellen Gründen abbrechen musste. Er arbeitete als Korrespondent für die Neue Zürcher Zeitung. Seine erste Buchveröffentlichung Jürg Reinhart . Eine sommerliche Schicksalsfahrt erschien 1934 in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart. 1950 erscheint Das Tagebuch 1946-1949 als erstes Werk Frischs im neugegründeten Suhrkamp Verlag. Zahlreiche weitere Publikationen folgten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 10.12.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518738856
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 12152 kBytes
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Der Mensch erscheint im Holozän

Es müßte möglich sein, eine Pagode zu türmen aus Knäckebrot, nichts zu denken und keinen Donner zu hören, keinen Regen, kein Plätschern aus der Traufe, kein Gurgeln ums Haus. Vielleicht wird es nie eine Pagode, aber die Nacht vergeht.

Irgendwo klöppelt es auf Blech.

Wacklig wird es immer beim vierten Stockwerk; ein Zittern der Hand, wenn das nächste Knäckebrot angelehnt werden soll, oder ein Husten, nachdem der Giebel eigentlich schon steht, und alles ist wieder eingestürzt –

Herr Geiser hat Zeit.

Die Auskünfte im Dorf sind widersprüchlich, andere behaupten, es sei gar kein Hang gerutscht, hingegen sei eine alte Stützmauer eingebrochen, eine Umleitung der Straße an dieser Stelle nicht möglich. Die Frau von der Post, die es eigentlich wissen müßte, bestätigt bloß, daß der Post-Bus nicht verkehrt, während sie, verhärmt wie immer, zu den üblichen Öffnungszeiten hinter dem kleinen Schalter steht und Briefmarken verkauft, auch Pakete in Empfang nimmt, um sie ohne Hast auf die Waage zu legen, dann zu stempeln. Bund und Kantone, so wird angenommen, tun alles, um die Straße wiederherzustellen. Notfalls können Helikopter eingesetzt werden, sofern kein Nebel ist. Niemand im Dorf glaubt, daß eines Tages oder in der Nacht einmal der ganze Berg ins Rutschen kommt und das Dorf verschüttet für alle Zeit.

Irgendwo klöppelt es auf Blech.

Es ist keine Pagode geworden, aber Mitternacht.

Begonnen hat es am Donnerstag der vergangenen Woche, man konnte noch im Freien sitzen, Schwüle wie üblich vor einem Gewitter, die Mücken stachen durch die Socken, kein Wetterleuchten, es war nur ungemütlich. Kein Vogel über dem Gelände. Die Gäste, ein jüngeres Ehepaar auf Durchreise nach Italien, beschlossen plötzlich den Aufbruch, obschon sie im Haus hätten schlafen können. Eigentlich war es kein Gewölk, nur ein gelblicher Dunst wie vor einem Sandsturm in der arabischen Wüste; kein Wind. Auch die Gesichter erschienen gelblich. Sie hatten nicht einmal ihre Gläser geleert, so eilig hatten die Gäste es plötzlich, obschon kein Donner zu hören war. Kein Tropfen fiel. Erst am andern Morgen rauschte es vor den Fenstern, es zischte durch das Laub der Kastanie.

Keine Nacht ohne Gewitter und Wolkenbruch.

Zeitweise fällt der elektrische Strom aus, was man in diesem Tal gewohnt ist; kaum hat man eine Kerze gefunden, endlich auch Streichhölzer, so ist der Strom wieder da, Licht im Haus, während es weiter donnert.

Schlimm ist nicht das Unwetter –

Das Lexikon in zwölf Bänden, DER GROSSE BROCKHAUS , erklärt die Entstehung der Blitze und unterscheidet zwischen Linien-Blitz, Kugel-Blitz, Perlschnur-Blitz etc., wogegen über Donner wenig zu erfahren ist; dabei sind im Lauf einer Nacht, wenn man nicht schlafen kann, mindestens neun Arten von Donner zu unterscheiden:

1.

der einfache Knall-Donner.

2.

der stotternde oder Koller-Donner, in der Regel nach einer längeren Stille, verteilt sich über das ganze Tal und kann Minuten lang dauern.

3.

der Hall-Donner, schrill wie ein Hammerschlag auf ein loses Blech, das einen schwirrenden und flatternden Hall verbreitet, wobei der Hall lauter ist als der Schlag.

4.

der rollende oder Polter-Donner, vergleichsweise gemütlich, läßt an rollende Fässer denken, die gegeneinander poltern.

5.

der Pauken-Donner.

6.

der zischende oder Schotter-Donner beginnt mit einem Zischen, wie wenn ein Kipper eine Ladung von nassem Schotter ausschüttet, und endet dumpf.

7.

der Kegel-Donner; wie wenn ein Kegel, getroffen von der rollenden Kugel, auf and

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