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Der mieseste aller Krieger Roman von Díaz Cortez, Rodrigo (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.08.2013
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)
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Der mieseste aller Krieger

Wahrheit, wo Erinnern nicht möglich ist. Auf der Suche nach Inspiration für seinen neuen Roman stößt der junge Schriftsteller Benito in einer alten Zeitung auf die Notiz eines Mordes, in den offenbar sein Großvater Samu verwickelt war, den er nie kennengelernt hat. Und doch vernimmt Benito plötzlich Samus Stimme, die ihm eine große Generationensaga ins Herz diktiert: Es ist die bewegte Geschichte seiner Familie in der Kleinstadt Paitanás, am Rande der Atacamawüste im Norden Chiles, die vier dramatische Jahrzehnte umspannt. Wehmütig und zärtlich blickt Samu auf die Vergangenheit zurück und erweckt Gestalten wie den korrupten Dorfpfarrer, der mit dem Freudenmädchen Trinidad unter einer Decke steckt, oder die wilde Lorenzona, die durch die Wüste reitet, wieder zum Leben. Und er führt Benito zu dem Geheimnis seiner Herkunft, das eng mit den Grausamkeiten der chilenischen Geschichte zusammenhängt. Rodrigo Díaz Cortez wurde 1977 in Santiago de Chile geboren. Er hat bislang einen Erzählband und die Romane Tridente de plata (Mario-Vargas-Llosa-Preis der Universität Murcia) und Poeta bajo (nominiert für zwei weitere Literaturpreise) veröffentlicht. Zurzeit arbeitet er als Taxifahrer in Barcelona, leitet eine Schreibwerkstatt und ist Mitarbeiter einer Kulturzeitschrift.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 14.08.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841206428
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 358 kBytes
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Der mieseste aller Krieger

Paitanás, 19. September 1939

Das Schrillen des Glockenweckers konnte das Paar nicht mehr aus dem Schlaf reißen, denn es war schon tot. Der Strauß Rosen lag über das Bett verstreut, die seidigen Blütenblätter umgaben die hingestreckte Engländerin, die Inglesa. Ihr Engelsgesicht sah aus wie von Pollen bedeckt, und ihre Schlangenaugen waren auf das Grauen gerichtet. Sofanor saß in einer Ecke des Zimmers. Der feine Blutfaden, der sich aus dem Loch in seiner Stirn zog, war bereits getrocknet, und unter dem Schnurrbart hatte sich sein frisches Lächeln bewahrt. In der Atacamawüste erzählt man sich seither diese Geschichte, ihre Geschichte, die sich während der Nationalfeierlichkeiten ereignete. Viele halten sie für eine Legende, aber sie hat sich tatsächlich zugetragen.

Ich habe alles in meinem Gedächtnis gespeichert, Benito, und ich werde dir diesen ganzen Mist erklären, der uns umgebracht hat. Die Zeit verging wie im Flug und vernebelte uns die Sicht mit ihrem Staub; schweigend wie im Stummfilm zog sie vorüber, was mich nervös machte. Du ahnst noch nicht, wem die Stimme gehört, die da zu dir spricht, doch ich sehe deine losen Blätter, die verstreuten Bücher und das Heft unter deinem Kopfkissen - alles wirkt wie von einem Erdbeben durchgeschüttelt. Ein einziges Chaos herrscht in deinem Zimmer, Benito, abgesehen von dem Foto, das an der Wand hängt. Es zeigt einen Mann in tadelloser Uniform und mit einem stillen Bärtchen; er war es, der dich damals mitnahm. Aber wir wollen nicht vorgreifen. Wie gesagt, es war ein Ereignis, von dem die Besucher der Pension noch heute sprechen. Die Ermordung des Paares verhalf dem Chanchoquín zu einer gewissen Berühmtheit. Von da an schoss der Preis dieses Zimmers in die Höhe. Die morbide Neigung der Hauptstädter, einmal am Ort des Verbrechens zu übernachten, bescherte der Ojerosa einige Gäste.

Die Toten brannten darauf, aus der Erde aufzusteigen, um zu tanzen. Sie brauchten das Orchester und die Jungs aus der Schule, die dem Umzug folgten. Durch Straßen, in denen sich ein paar alte Häuser, die Backsteinfassaden mit Zement und Farbe verkleidet, dem von den vielen Erdstößen rissigen Pflaster zuneigten. Und während ein Geier langsam und sicher an einem wolkenlosen Himmel kreiste, probten sie glühend ihren Aufstieg aus der Hölle. Mit wahnhaftem Blick streckten sie die Beine, vollführten Luftsprünge, immer dem Trompeter nach, der beim Blasen seine roten Backen aufpumpte. Der weiße Salpeterstaub stob zwischen den sich im Tanz windenden Geistern auf und verwandelte sich in wirbelnde Staubwolken, die den Schatten der Lebenden folgten. Das einfache Volk, dunkel wie der Kautschuk, tanzt nur in der Benommenheit des Schnapses. Denn es lebt gefangen in seinem versteinerten Willen und macht, das Hirn von der Sonne versengt, nicht die geringsten Anstalten, sich gegen die Machthaber aufzulehnen. Nur manchmal erhascht es einen Blick auf den roten Schein des Fegefeuers.

Die Musik der Trommeln, Becken und Trompeten auf der Straße hatte den Schuss übertönt, und alle zogen sich spät zurück, um schlafen zu gehen. Die Ojerosa vom Chanchoquín hätte wohl aufbleiben müssen, um zu wachen, während die Landsleute ruhten, doch dann wurde sie vom Schlaf übermannt, bis um halb sechs ein Wecker scheppernd Alarm schlug. Die Witwe des italienischen Musikers riss die Augen auf. Dann erhob sie sich und drückte ihr weißes Haar mit einem Wolltuch platt. Noch schlaftrunken verstand sie nicht, warum keiner dieses ohrenbetäubende Ding zum Schweigen brachte. Und nachdem sie laut klopfend an der Tür gerüttelt hatte, beschloss sie, den Schlüssel von der Rezeption zu holen. Während sie

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