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Der Passagier der Polarlys Die großen Romane von Simenon, Georges (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.11.2019
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Der Passagier der Polarlys

Schon bevor die Polarlys den in frostigen Nebel getauchten Hamburger Hafen Richtung Norwegen verlässt, beschleicht Kapitän Petersen ein ungutes Gefühl. Er spürt etwas, was die Seemänner den "bösen Blick" nennen, und ahnt, dass diese Fahrt keine gewöhnliche wird. Auch der inkompetente, ihm von seinem Arbeitgeber als Dritter Offizier zugeteilte junge Niederländer gefällt ihm nicht. Noch weniger der gerade aus dem Gefängnis entlassene Rumtreiber, den der Maschinist als Ersatz für den erkrankten Heizer an Bord genommen hat. Tatsächlich lässt das Unheil nicht lange auf sich warten, denn schon einen Tag nach Lichten des Ankers wird an Bord einer der fünf Passagiere, der Polizeirat Sternberg, ermordet aufgefunden – und an Verdächtigen mangelt es nicht ... Georges Simenon, geboren am 13. Februar 1903 im belgischen Lüttich, gestorben am 4. September 1989 in Lausanne, gilt als der "meistgelesene, meistübersetzte, meistverfilmte, in einem Wort: der erfolgreichste Schriftsteller des 20. Jahrhunderts" ( Die Zeit ). Seine erstaunliche literarische Produktivität (75 Maigret-Romane, 117 weitere Romane und mehr als 150 Erzählungen), viele Ortswechsel und unzählige Frauen bestimmten sein Leben. Rastlos bereiste er die Welt, immer auf der Suche nach dem, "was bei allen Menschen gleich ist". Das macht seine Bücher bis heute so zeitlos.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 04.11.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455006322
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Größe: 516 kBytes
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Der Passagier der Polarlys

1 Der Böse Blick

E r ist eine Krankheit, von der Schiffe in sämtlichen Weltmeeren befallen werden, und die Ursachen liegen im weiten Feld des sogenannten Zufalls.

Bisweilen sind die ersten Symptome gutartig, sodass sie der Aufmerksamkeit des Seemanns entgehen. Da zerspringt zum Beispiel grundlos ein Halteseil wie eine Violinsaite und reißt einen Ausguckträger ab. Oder der Schiffsjunge schneidet sich beim Kartoffelschälen in den Daumen, und am nächsten Tag hat er Nagelumlauf und schreit vor Schmerzen.

Es kann auch mit einem missglückten Manöver losgehen, oder ein unachtsames Boot läuft auf den Vorsteven auf.

Aber das ist noch nicht der Böse Blick. Der setzt eine Serie voraus, die selten ausbleibt. Die nächste Nacht oder der nächste Tag bringt fast immer einen neuen Schaden.

Von da an kommt eines zum anderen, und die Männer können sich nur noch ducken, die Zähne zusammenbeißen und die Schläge zählen. Natürlich wird sich die Maschine gerade jetzt verabschieden wie eine alte Kaffeemühle, nachdem sie dreißig Jahre lang ohne Panne gelaufen ist.

Trotz aller Erfahrungswerte, genauester Aufzeichnungen und Wetterkarten halten sich die Winde unter Umständen drei Wochen lang in einem Gebiet, in dem sich um diese Jahreszeit eigentlich kein Lüftchen regen dürfte.

Und dann ... Der erste Brecher wird einen Mann über Bord spülen, und die Mannschaft bekommt Ruhr, wenn nicht gar die Pest.

Dabei kann man noch von Glück sagen, wenn man nicht auf eine Sandbank aufläuft, die vorher hundert Mal glücklich umschifft wurde, oder wenn man bei der Einfahrt in den Hafen nicht die Mole rammt.

Die Polarlys hatte am Kai 17 festgemacht, in einem der abgelegensten und schmutzigsten Hamburger Hafenbecken. Sie sollte um drei Uhr nachmittags auslaufen, wie auf der Anzeigentafel am Briefkasten der Gangway vermerkt war.

Es war noch vor zwei, als Kapitän Petersen das undeutliche Gefühl hatte, der Böse Blick gehe um.

Dabei stand Petersen mit beiden Beinen auf der Erde - ein kleiner, energischer und robuster Mann. Seit neun Uhr morgens ging er auf Deck auf und ab und überwachte das Stauen der Ladung.

Über dem Hafen lag ein eigentümlich gelblich grauer und schmieriger Nebel, der eisige Feuchtigkeit ausspie, und durch die Schwaden konnte man nur selten einen Blick auf die Lichter der Straßenbahnen und die erleuchteten Fenster erhaschen.

Es war Ende Februar. Wegen der Kälte hinterließen die Nebelschwaden, in denen die Männer hantierten, eine Art eisigen Film auf Gesicht und Händen.

Die Sirenen heulten alle gleichzeitig, und ihr hässliches heiseres Tuten übertönte das Quietschen der Kräne.

Das Deck der Polarlys war fast ausgestorben: Da waren nur vier Mann oberhalb des vorderen Laderaums, die damit beschäftigt waren, die Flaschenzüge zu bedienen und Kisten und Fässer zum Aushaken nach unten zu dirigieren.

Hatte Petersen bei der Ankunft von Vriens, so gegen zehn, eine Vorahnung des Bösen Blicks bekommen?

Das Schiff machte nicht viel her. Es war ein Dampfschiff von etwa tausend Tonnen, das nach Kabeljau stank, und auf Deck stand ständig Frachtgut herum. Es verkehrte regelmäßig zwischen Hamburg und Kirkenes, immer der norwegischen Küste entlang, wobei es auch die unbedeutendsten Häfen anlief.

Die Polarlys war ein kombiniertes Fracht- und Passagierschiff. Sie bot Platz für mindestens fünfzig Personen in der ersten Klasse und noch einmal so viele im Zwischendeck. Sie beförderte Maschinen, Obst und Pökelfleisch nach Norwegen und kehrte mit Tonnen über Tonnen von Kabeljau zurück, sowie Bärenfellen und Robbentran aus dem hohen Norden.

Bis zu den Lofoten waren mehr oder weniger normale Wetterverhältnisse zu erwarten. Danach jedoch war man plötzlich im Bereich des Eises, und es stand eine fast dreimonatige Nacht bevor./

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