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Der Pfandleiher Roman von Wallant, Edward Lewis (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.10.2015
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Der Pfandleiher

Sol Nazerman ist der Pfandleiher von Spanish Harlem. Sein Laden ist ein Umschlagplatz für verlorene Träume und verpfuschte Leben. Abends fährt er zurück nach Mount Vernon, wo er zusammen mit seiner Schwester, ihrem Mann und ihren Kindern lebt, die er mit den Erträgen seines Geschäfts unterstützt. Sol ist dem Holocaust entkommen - anders als seine Frau und Kinder. Er musste miterleben, wie sie im Konzentrationslager ermordet wurden. Emotional abgestumpft beobachtet er die Verzweiflung, die ihn umgibt, und führt seine Pfandleihe mit der Härte und Verschlossenheit eines Gangsters. Erst ein dramatischer Einbruch in die Gleichförmigkeit seiner Tage bricht seine Erstarrung auf und lässt ihn vielleicht einen ersten Schritt zurück ins Leben machen. Edward Lewis Wallants wichtigstes Buch ist eines der bewegendsten Werke der modernen Literatur.

Edward Lewis Wallant wurde 1926 in New Haven, Connecticut, geboren. Nach dem Kriegsdienst studierte er in New York Gestaltung und arbeitete in der Werbung. Mit "The Human Season" (1960) und "Der Pfandleiher" (1961) zählte er rasch zu den bedeutendsten Autoren seiner Generation - neben Philip Roth, Norman Mailer und Saul Bellow. Noch vor Veröffentlichung seines dritten Romans "Mr Moonbloom" verstarb er überraschend, mit nur 36 Jahren, an einem Gehirnschlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 05.10.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827076915
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 357 kBytes
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Der Pfandleiher

1

Seine Schritte knirschten auf dem festgebackenen Sand. Links von ihm war der Harlem River, rechts, auf der anderen Straßenseite, das Community Center, und dahinter lag die riesige, dicht besiedelte Stadt. Um halb acht Uhr morgens war es für New Yorker Verhältnisse ruhig. In dieser relativen Stille klangen seine Schritte schwer und schleppend und drangen ihm lauter, unmittelbarer in die Ohren als das Tuckern der Schiffe auf dem Fluss, als das Erwachen des Verkehrs auf der nahen 125th Street.

Knirsch, knirsch, knirsch.

Es klang fast so behaglich wie Schritte auf sauberem weißem Schnee. Doch der Anblick der großen, massigen Gestalt mit dem aufgedunsenen Gesicht, den gleichgültigen, von den dicken Gläsern einer merkwürdig altmodischen Brille verzerrten dunklen Augen verscheuchten jeden Gedanken an Behaglichkeit.

Cecil Mapp, ein kleiner, magerer Neger, saß auf dem Holzbalken, der das Flussufer säumte, und litt unter einem monumentalen Kater. Trübäugig starrte er zu Sol Nazerman hinüber, dem Pfandleiher, und musste bei der Erscheinung des schweren, schlurfenden Mannes an ein metallenes Gefährt denken. Wie ein Panzer oder so was, dachte er. Der Anblick des großen weißen Mannes hob Cecils Laune merklich; diese unbeholfene, vorsichtige Gangart ließ eine Not ganz anderen Kalibers erahnen. Minutenlang vergaß Cecil seine rabiate Gattin, vor die er am Abend wieder hintreten musste, vergaß sogar, was für ein Elend es war, den ganzen Tag lang mit zitternden, unwilligen Händen Wände zu verputzen. Unwillkürlich lächelte er sogar, als Sol Nazerman näher kam, und er dachte heiter: Der Mann leidet!

Er winkte ihm, hob dabei die Brauen, als begrüßte er einen Freund auf einer Party.

"Ja hallooo, Mr Nazerman. Das wird ein richtig schöner Tag heute, meinen Sie nicht?"

"Ein Tag halt", räumte Sol gleichgültig ein und blickte leicht zur Seite.

Während er weiterstapfte, betrachtete er das ruhig dahinfließende Wasser. Ironischerweise fiel ihm die trügerische Schönheit des Flusses auf. Trotz seiner ölig grünen Trübheit, trotz der nicht identifizierbaren Gegenstände, die auf seiner schmutzigen Oberfläche trieben, war er in seinem beharrlichen Streben irgendwie eindrucksvoll.

Sol starrte mit zusammengekniffenen Augen in den Augustmorgen: das trüb-goldene Licht auf den hintereinandergestaffelten Brücken, die Industriegebäude, die zufälligen Lichtreflexe entlang dem Fluss, die entfernt an eine bedeutsame, altehrwürdige europäische Stadt denken ließen.

Dass Sol sich davon hätte blenden lassen, war allerdings nicht zu befürchten, die Beschädigungen an Körper und Geist waren ihm ständige Mahnung - einer wie er war gegen Illusionen gefeit.

O ja, ja, ein netter, friedlicher Sommertag; still, gefahrlos, voller Menschen, die in der verschwenderischen, verheißungsvollen Hitze ihren Angelegenheiten nachgingen. Ein schläfriger Morgen in einer riesigen Stadt. Sol blickte im Gehen träge auf die verschachtelte Landschaft, und die Langeweile beschwerte seine Lider.

Auf einmal hatte er das Gefühl eines Keulenschlags. Wie ein einfahrender Schmerz stand, hinter seinen Augen, ein unauslöschliches Bild, und er war sekundenlang blind für den rosigen Morgen - was er stattdessen sah, war eine flutlichthelle Nacht voller Schreie. Es entfuhr ihm ein Stöhnen, und er riss die Augen auf. Vor ihm lagen nur die übereinandergeschichteten Details von tausend Gebäuden im stillen Sonnenlicht. Eine Minute später entsann er sich kaum noch der Höllenvision; er seufzte nur über die Erinnerung an einen kurzen Schmerz, und seine wie verglast wirkenden Augen waren so ausdruckslos und abweisend wie zuvor. Nach einer weiteren Minute gab er sich wieder den üblichen flüchtigen Spekulationen über seine Umgebung hin.

Was war das hier eigentlich, dieser schäbige Abschnitt seines allmorgendlichen Wegs ins Geschäft, den er als kleine Entspannung empfand? Ein großes sandiges Dreieck, zwei

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