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Der Schreiber von Koléa von Khadra, Yasmina (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 03.07.2015
  • Verlag: Saga Egmont
eBook (ePUB)
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Der Schreiber von Koléa

Als hoher Offizier der algerischen Armee veröffentlichte Mohammed Moulessehoul seine ersten Romane wegen der strengen Zensurbestimmungen unter weiblichem Pseudonym: Hommage an die Courage der algerischen Frauen in finsterer Zeit. Erst nachdem er im Jahr 2000 mit seiner Familie nach Frankreich geht, kann er das Geheimnis um seine Identität lüften. Yasmina Khadra zählt heute zu den wichtigsten literarischen Stimmen der arabischen Welt und ist einer der erfolgreichsten Autoren Europas. Der Schreiber von Koléa ist sein persönlichstes Buch, sein bestes, sagen viele. In ausdrucksstarker, bildhafter Prosa, mit Tempo und analytischer Schärfe schlägt er sich mit seiner Feder einen Weg durch den algerischen Dschungel und erzählt von einer Jugend in Nordafrika. Der junge Mohammed will Schriftsteller werden. Sein Vater zwingt ihn zu einer Karriere beim Militär. Mohammed flüchtet in die Welt der Literatur. Heimlich beginnt er zu schreiben. Eine folgenschwere Entscheidung, denn die Bürgerkriegsarmee duldet keine Schriftsteller! - Diese leidenschaftliche Stimme geht zu Herzen. Übersetzung: Regina Keil-Sagawe AUTORENPORTRÄT Yasmina Khadra ist der Künstlername des 1955 in Kenadsa (Algerien) geborenen Autors Mohammed Moulessehoul. 1964 tritt er in eine Kadettenschule ein und 1975 dem Vater zuliebe in die Militärakademie. 1992 wird er Kommandochef der Anti-Terror-Einheiten in der Provinz des Oranais. 2000 nimmt er seinen Abschied von der Armee und siedelt nach Frankreich über. Sein umfassendes schriftstellerisches Werk reicht bis in die Mitte der 80er Jahre zurück. Zuletzt erschienen auf Deutsch Die Landkarte der Finsternis und Die Schuld des Tages an die Nacht. Der Schreiber von Koléa erschien unter dem Titel L'écrivain erstmals 2001.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 222
    Erscheinungsdatum: 03.07.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9788711448557
    Verlag: Saga Egmont
    Größe: 1247 kBytes
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Der Schreiber von Koléa

1.

Mein Vater fuhr uns nicht direkt zur Kadettenanstalt in den Mechouar. Kaum waren die ersten Straßen von Tlemcen erreicht, fiel die Starre von ihm ab, und sein Fahrstil wurde nervös. Er beschimpfte die Fußgänger, bedrängte die anderen Autofahrer, und aus seinen Mundwinkeln quoll weißliches Sekret. Etwas in ihm war soeben zerborsten, und mit den Trümmern wurde die ganze Selbstbeherrschung hinweggeschwemmt, hinter der er so trefflich seine Risse verbarg. Eine unglückliche Kindheit war der Grund dafür, dass mein Vater stets die Fassade aufrechterhielt. Von ihm habe ich gelernt, gute Laune niemals für bare Münze zu nehmen, weil unechtes Lachen oft besonders schrill daherkommt, als Ablenkungsmanöver.

Mein Cousin auf dem Rücksitz rieb sich die Augen. Als er wissen wollte, wo wir waren, bekam er nur ein unwirsches Brummen zur Antwort. Der Wagen musste sich noch durch ein paar enge Gassen zwängen, die schwarz vor Müßiggängern und Arbeitslosen waren, kam dann vor einem gedrungenen, schmutzigen Wohnhaus zu stehen. Sergent Kerzaz, der uns auf dem Treppenabsatz in Empfang nahm, begrüßte meinen Vater mit kräftigem Händedruck und bat uns in die Wohnung. Mein Cousin und ich wurden zu einem niedrigen Tisch dirigiert, wo eine Mahlzeit auf uns wartete: Salat, eine Karaffe Wasser und eine Schüssel mit einem zähen Ragout, dessen Geruch mir auf der Stelle den Appetit verschlug. Mein Vater betrieb derweil mit dem Sergenten im Flur Konversation. Sein Schatten zeichnete verlegene Bewegungen an die Wand. Er sprach mit gedämpfter Stimme. Der Sergent, der uns den Rücken zukehrte, nickte mehrmals und wiederholte immer nur: "Jawohl, Herr Leutnant, sehr wohl, Herr Leutnant." Nach einem knappen, gedämpften Gespräch knarrte die Tür einmal kurz, dann fiel sie leise ins Schloss. Mit ausdrucksloser Miene kam der Sergent zu uns herein. "Beeilt euch mit dem Essen", ermahnte er uns, "wir müssen pünktlich sein." Ich versuchte, einen Blick an ihm vorbei durch die Tür zu erhaschen, um zu sehen, ob mein Vater noch da war. Doch der Korridor war leer. Mein Vater hatte sich davongestohlen. Ohne uns auch nur einmal in den Arm zu nehmen. Ich hätte mir doch bloß gewünscht, dass er wenigstens einen Augenblick lang mit mir geredet, mir die Hände fest auf die Schultern gelegt oder mir übers Haar gestrichen hätte, ohne meinem Blick auszuweichen. Zwar nicht genug, um mich ernsthaft zu trösten, aber vielleicht genug, um mich kurzfristig aufzumuntern und mich, und sei es nur ein Lächeln lang, über den Moment dieser Trennung hinwegzutrösten, die einem Bruch, ja einer Zerreißprobe gleichkam.

Sergent Kerzaz war ein Mann, der es eilig hatte. Im Handumdrehen war er in seinen Drillich geschlüpft, hatte seine Stiefel gewichst und forderte uns auf, ihm zu folgen. Weder Kader noch ich hatten genügend Zeit, geschweige denn den Mut gehabt, auch nur ein Stück Brot anzurühren. Stumm trotteten wir hinter ihm her, hatten Mühe, den Anschluss zu halten. Unser Führer stammte aus Algeriens tiefem Süden und hatte den schnellen Schritt der Söhne der Wüste drauf. Kaum waren wir durch die ersten paar Gassen gekommen, merkten wir schon, dass wir beinahe hinter ihm her rannten. Nicht ein einziges Mal hat er sich nach uns umgedreht. Er machte nur noch immer längere Schritte, zog die Schultern ein und wirkte völlig unnahbar. Um uns herum gingen die Leute im turbulenten Alltagsgewirbel ihren Geschäften nach. Rund um die Auslagen der fliegenden Händler herrschte dichtes Gedränge. Verschleierte Frauen und Bauern mit Turban beherrschten das Bild. Die plärrenden, brabbelnden Kleinkinder, die Marktschreier mit ihren Rufen verliehen dem Ganzen die heitere Atmosphäre eines Volksfestes. Die Hitze, die sich in Grenzen hielt, umfing die Welt in einer balsamischen Umarmung, der etwas Gefühlvolles, beinahe Menschliches anhaftete. Es war ein schöner Tag, wie geschaffen, um einfach nur herumzuschlendern. Fast hätte man sich im Frühling gewähnt. Aber

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