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Der Tod des Schamhaars 20 Stories aus 30 Jahren von Zingler, Peter (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.03.2015
  • Verlag: Vitolibro
eBook (ePUB)
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Der Tod des Schamhaars

Es gibt Kurzgeschichten, die altern nicht. Diese erotischen Stories sind so aktuell wie unsere Irrtümer, mitmenschlichen Schwächen und der ewig problematische / reizvolle Umgang von Männern und Frauen. 'Als ich vor etwa 30 Jahren, damals noch im Gefängnis, mit dem Schreiben begann, waren es Kurzgeschichten, immer wieder, immer weiter Kurzgeschichten. Es gab so viele Themen, und ich fand es einfacher, sie kurz und bündig zu erzählen. Ich konnte gar nicht verstehen, warum man unbedingt Romane braucht, um eine gute Geschichte zu erzählen. Später waren meine Reportagen auch immer auf den Punkt. Warum muss Erzähltes ausufern, nur weil man es aufschreibt? Ich wollte viel erzählen und deshalb kurz. Da einen die Dinge am meisten beschäftigen, die einem fehlen, ist es nur verständlich, dass im Gefängnis die Erotik zum Thema Nummer eins wird und Phantasien und Erzählungen geradezu erzwingt. Wer hungrig ist, denkt laufend ans Essen, und das Erträumte ist oftmals viel besser als das, was wirklich auf den Tisch kommt. Die hier vorliegenden erotischen Stories, Beziehungsgeschichten, Krimis oder Alltagsereignisse sind teilweise Jahrzehnte alt, aber sie haben nichts an Aktualität verloren.' Peter Zingler 2015 Peter Zingler, geboren 1944, aufgewachsen im Rheinland. Schulabbruch, dann Ein- und Ausbrecher. Lebte in Marokko, Sizilien, Jamaika und in internationalen Gefängnissen. Seit der letzten Haftentlassung 1985 Journalist, Buch- und Filmautor, Regisseur. Er schrieb 20 Bücher, 70 Kino- und Fernsehfilme, darunter allein 19 Tatort-Folgen, erhielt den Grimme Preis, den Goldenen Löwen und den Goldenen Gong.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 160
    Erscheinungsdatum: 04.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783869405100
    Verlag: Vitolibro
    Größe: 727 kBytes
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Der Tod des Schamhaars

Die Hamstertour

Francesco war der Vater aller Dinge. Das galt für unsere Familie, für Mutter, Sophie und Eva, meine Schwestern, meinen kleinen Neffen Gino und mich, wie für unsere kleine dunkle Welt im Kellergeschoss des zerbombten Hauses. Francesco war ein schöner Mann. Schwarzes, dichtes Haar, garniert mit grauen Fäden, ein buschiger Schnurrbart, die stets dunkel getönte Haut, gepaart mit warmen Augen und einem heiteren Mund, machten ihn zu aller Freund. Obwohl nicht mein Vater, war er für mich immer ansprechbar. In seinem harten Deutsch erklärte er mir alles, was ich wissen wollte und drückte sich vor keiner Frage. Kam er mit der Sprache nicht weiter, benutzte er Arme, Beine und wie Lieder klingende italienische Laute. Auch Mutter hielt große Stücke auf ihn. "Ein guter Italiener. Nicht so ein verräterischer Itaker wie die anderen!" Francesco hatte die Dreiundvierziger Wende in Italien nicht mitgemacht, war nach Deutschland gegangen und hatte sich hier zur SS gemeldet, statt wie seine Landsleute im Süden bereits den Frieden zu genießen. Er und Sophie waren verheiratet und hatten ein gemeinsames Baby.

Das Wichtigste: Er war es, der uns alle ernährte. Francesco war Schuster von Beruf. In einer Zeit, in der Geld nichts wert war und nur Ware zählte, schnitt, nähte, nagelte, klebte und band er die schönsten, bunten Fußbekleidungen für Damen, die ich je gesehen habe. Irgendwoher hatte er sich ein Schustereisen organisiert, Hammer, Schere, Ahle und Kordel. Nur Nägel waren knapp. So sammelte ich tagsüber auf der Straße benutzte Streichhölzer, die Francesco mit einer Rasierklinge halbierte, anspitzte und, bevor er sie durch Leder und Gummi trieb, anfeuchtete, damit sie später aufquollen. Er arbeitete im "Flur", der ehemaligen Waschküche. Da der Treppenaufgang verschüttet war, benutzten wir die Waschküchentür, um ins Freie zu gelangen. Auf dem dunklen Betonfußboden, der sich zum Gully hin senkte, stand außer seiner Werkecke noch der Waschkessel, in dem das Wasser für unser wöchentliches Bad erhitzt wurde. Unter der Decke war im Zickzack eine Drahtwäscheleine gespannt, auf der ständig die Windeln meines kleinen Neffen hingen.

Der Raum besaß nur ein kleines Fenster zur Außentreppe. Deshalb arbeitete Francesco stets im gelben Dämmerschein einer drahtverkleideten Kellerlampe. Er selbst verließ das Haus nie, zumindest nicht am Tage, wenn ich wach war. Daher mussten Mutter und Sophie seine Produktion im Tausch gegen Essbares unters Volk bringen. Hamstern nannte man das damals, und es ging die Kunde, die Bauern würden in ihren schmutzigen Gummistiefel über vier Lagen persischer Seidenteppiche trampeln, während ihre Frauen wegen der vielen Brillantringe beim Melken behindert seien.

Ich war stets mit Mutter unterwegs, denn sie und Sophie gingen immer getrennt. Größere Streuung versprach bessere Ausbeute. Eines Tages fuhren wir nach Porz, um von dort ins Bergische Land zu laufen. Ich trug einen Kinderrucksack, der mir trotz seines Namens viel zu groß war und mir mit dem unteren Ende in den Kniekehlen scheuerte. War er beladen, drückten die Tragschlaufen so hart auf meine Schultern, dass sich abends rote Striemen zeigten, die erst Tage später verschwanden. Ich klagte nie.

Ich war vier Jahre alt und stolz darauf, zum Unterhalt der Familie beitragen zu dürfen.

Am frühen Abend waren wir zurück auf dem Bahnhof Porz, Taschen und Rucksäcke gefüllt. Wir erwarteten den letzten Zug. Als er einlief, war er wie immer hoffnungslos überfüllt. Auf Dächern, Puffern, sogar auf dem Loktender saßen Leute, störten sich nicht an Ruß und Staub, sondern versuchten noch vor dem Absteigen, heimlich ein paar "schwarze Diamanten" mitzunehmen.

Etwa vierzig Leute wollten mitfahren. Mutter rannte mit mir an der Hand den Zug entlang und spähte nach Bekannten. Es gab keine. An einem offenen Fenster saß ein älterer Mann. Mutter sprach mit ihm, hob mich hoch und er nahm mich an und setzte mich sam

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