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Der wilde Detektiv Roman von Lethem, Jonathan (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.01.2019
  • Verlag: Tropen
eBook (ePUB)
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Der wilde Detektiv

Als die arbeitslose Phoebe Siegler erfährt, dass die Tochter ihrer besten Freundin vermisst wird, bricht sie von Brooklyn aus auf, um in der kalifornischen Provinz nach dem Teenager zu suchen. Im dunklen Herzen der Wüste trifft sie auf Aussteiger, die jenseits von Recht und Gesetz in Stammesgruppen leben. Der Einzige, der ihr Zugang zu diesen ehemaligen Hippie- Kommunen verschaffen kann, ist Charles Heist - genannt der "wilde Detektiv". Nach dem Wahlsieg von Donald Trump kündigt Phoebe Siegler ihren Job bei einem Radiosender, weil sie sich mit schuldig fühlt, dass es so weit gekommen ist. Als sie der Hilferuf ihrer Freundin Rosalyn erreicht, fliegt sie nach Kalifornien, um deren Tochter Arabella zu finden. Sie landet in einer Stadt am Rande der Wüste, zu deren merkwürdig zusammengewürfelten Bewohnern auch Charles Heist gehört, den sie den wilden Detektiv nennt. Ihre gemeinsame Suche führt die beiden in die gefährliche Gesellschaft der Stämme, die dort ohne Stromversorgung autonom leben. Während Phoebe und der wilde Detektiv mehr über das verschwundene Mädchen herausfinden, geraten sie in immer größere Lebensgefahr. All dies in einer Zeit, in der es wegen Donald Trump und des Todes von Leonard Cohen sowieso nicht viel zu feiern gibt. Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter die Brooklyn-Romane "Motherless Brooklyn" und "Die Festung der Einsamkeit". Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den "National Book Critics Award", den "Gold Dagger" und das "MacArthur Fellowship". Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 320
    Erscheinungsdatum: 31.01.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783608110777
    Verlag: Tropen
    Originaltitel: The Feral Detective
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Der wilde Detektiv

Kapitel 3

Eine Stimme hinter der Nr. 8 aus Messing rief "Ist offen". Ich drückte die Tür auf. Das übliche Gesetz gleißenden Gegenlichts galt, und in dem Halbdunkel sah ich gar nichts. Es gab weder Diele noch Wartezimmer und schon gar keine Sekretärin, die seine Termine regelte. Ich war in der sogenannten Suite gelandet, einem großen vollgemüllten und unergründlichen Zimmer, das noch dunkler wurde, als die Stimme sagte "Tür zu" und ich gehorchte. In dem kurzen Augenblick, in dem ich Umrisse ausmachen konnte, sah ich den bootsgroßen Schreibtisch, die Gestalt dahinter, die Formen an den Wänden, allesamt leblos. Hier lag niemand im Hinterhalt, da war ich ziemlich sicher. Ich wäre wieder zur Tür hinaus, bevor er um seinen Tisch herum war. Ich hatte Pfefferspray und eine kleine Presslufthupe in der Handtasche. Beides hatte ich noch nie gebraucht, und die Hupe war vielleicht eh nur ein Witz.

"Phoebe Siegler?" Die einzige Lampe im Zimmer stand auf dem Tisch, und ich sah nur Jeans und Stiefel. Die einzige Gesellschaft der Lampe war ein Festnetztelefon, ein schwerer schwarzer Büroapparat. Kein Computer.

"Tut mir leid, dass ich so spät dran bin", haspelte ich.

Er schwang die Füße vom Tisch, rollte mit dem Stuhl ein Stück vor, und jetzt hatten sich meine Augen so weit an die Lichtverhältnisse angepasst, dass ich seine abgewetzte rote Lederjacke sehen konnte, bis ins Detail wie ein Cowboyhemd geschnitten, mit weiß gesäumten Westentaschen und Manschetten. Das Leder war so steif und trocken, als hätte man ein Cowboyhemd in Bronze gegossen und dann mit Farbe besprüht. Eine alberne Jacke, aber irgendwann gehörte sie für mich einfach dazu. Mehr als das, sie wurde sein Markenzeichen. Ich habe nie wieder eine ähnliche Jacke gesehen.

Über der Jacke schob sich sein großer Kopf in den Lichtkegel. Seine Augen waren braun unter buschigen, verschmitzt gewölbten Brauen. Seine Haare strömten aus der breiten Stirn nach hinten, und auch seine Koteletten waren so breit und buschig, als strömten sie aus seinen Wangen. Als wäre sein ganzes Gesicht durch Lücken in einem Haarnetz gestopft worden, ging mir absurderweise durch den Kopf. Wo die Koteletten aufhörten, fingen Zweitagestoppeln an, mindestens. Er erinnerte an die Blattgesichter aus Ton, die man manchmal in den Schuppen von Möchtegerngärtnern sieht. Seine große Nase und die Lippen, die tiefe Kinnspalte und das Philtrum erinnerten an eine Pekannuss oder einen Penis. Ich muss gestehen, dass mich Männer mit Penisgesichtern manchmal anziehen, weswegen ich schon mal mit einem Kahlkopf zusammen war. Aber anfangs find ich sie immer abstoßend.

Diesmal war ich auch entsetzt und ließ mir das anmerken. Er sagte: "Ich bin Charles Heist" und schob sich weiter ins Licht, reichte mir aber nicht die Hand. Inzwischen konnte ich auch das Mobiliar erkennen. Links an der Wand stand ein schmales Eisenbett mit zerwühlten Bettdecken und Kissen entlang der Längsseite. Hoffentlich ging er nicht davon aus, dass ich das als Couch ansah. Rechts standen der angeschlagene schwarze Koffer einer Akustikgitarre, ein Aktenschrank mit zwei Schubladen und ein hoher Kleiderschrank aus Hellholz, der ein ziemlich protziges Stück dänische Moderne abgegeben hätte, wenn er nicht so ramponiert gewesen wäre. Aber das war nur mein Gehirn, das sich an Nebensächlichkeiten stieß wie eine Flipperkugel.

Er half mir auf die Sprünge. "Sie sagten am Telefon, Sie würden jemanden suchen." Ich hatte am Vortag eine Nummer angerufen und war zurückgerufen worden - vielleicht von dem Telefon vor ihm auf dem Tisch.

"Genau, die Tochter einer Freundin."

"Setzen Sie sich." Er deutete auf einen Klappstuhl zwischen Akten- und Kleiderschrank. Er sah zu, wie ich ihn nahm und aufklappte, und schämte sich offenbar kein bisschen seines mangelnden Feingefühls. Ich war erst mal froh, dass der Schreibtisch zwischen uns stand, und vielleicht spürte er das, was ein tieferes Fein

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