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Die Angst der Kaninchen Roman von Wartmann, Ursula Maria (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.09.2015
  • Verlag: Querverlag
eBook (ePUB)
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Die Angst der Kaninchen

Ein brütend heißer Sommer irgendwo im Ruhrgebiet: Die Lehrerin Hanne beginnt eine behutsame Liebesgeschichte mit der achtzehnjährigen Jenny. Zum Ärger für den jungen Thorsten, der, seit er zu Hause rausgeflogen ist, bei seiner Tante Hanne lebt. Eifersucht und Intoleranz verleiten den gewaltbereiten Thorsten zu einem verhängnisvollen Plan. Die Angst der Kaninchen erzählt von Menschen, die in einen verhängnisvollen Teufelskreis aus Sehnsucht nach Nähe und ständiger Zurückweisung verstrickt werden. Die atmosphärische Dichte und die beeindruckenden Charakterzeichnungen des Romans lassen niemanden unberührt. Geschickt baut Ursula Maria Wartmann eine psychologische Spannung auf, die die Leserin und den Leser bis zum überraschenden Ende in ihren Bann schlägt. Ursuala Maria Wartmann, geboren 1953 im Ruhrgebiet, lebt in Dortmund. Die lange als Redakteurin und freie Autorin tätige Soziologin verfasste zahlreiche Erzählungen und Hörspiele. Im Querverlag erschien 2003 ihr Roman Die Angst der Kaninchen. Ihre Arbeiten wurden mit mehreren journalistischen und literarischen Preisen ausgezeichnet, zuletzt erhielt Ursula Maria Wartmann den Literaturförderpreis Ruhrgebiet 2001 sowie den Oberhausener Literaturpreis 2002. Ihr zweiter Roman trägt den Titel Rückkehr der Träume (2004)

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Erscheinungsdatum: 10.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783896565877
    Verlag: Querverlag
    Größe: 447 kBytes
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Die Angst der Kaninchen

Prolog

Obwohl es langsam dämmrig wurde, war es noch immer warm. Nicht mehr so schwül wie in den letzten Wochen, aber als Thorsten aus seinem klapprigen Ford geklettert war, hatte er den Geruch von Grillkohle und verbranntem Fleisch in der Nase. Drüben in den Kleingärten saßen sie noch draußen. Die Gärten waren nur durch eine Böschung und eine schmale Straße von dem stillgelegten Zechengelände getrennt. Wenigstens die Hälfte der windschiefen Lauben war von Türken belegt, die ein paar Meter weiter in der Straße direkt neben dem Friedhof wohnten. Thorsten hatte früher oft Fußball in dieser Straße gespielt. Heute hätten ihn keine zehn Pferde mehr dahin gebracht. Genau solche Slums wie diese Buden da vorne. Er spuckte aus und räusperte sich leise. Dann duckte er sich hinter einen Mauervorsprung. Er wartete. Die Schritte kamen näher.

Er hätte nicht gedacht, dass sie es wagen würde, ihm zu folgen. Wahrscheinlich war sie genauso unberechenbar wie ihr Bruder. Timo war nie wirklich auf seiner Seite gewesen, das wusste Thorsten schon seit längerem. Er biss sich in den Knöchel des Zeigefingers, massierte die Haut mit den Zähnen und kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Im Hintergrund des Zechengeländes konnte er den Förderturm sehen. Dahinter die Silhouette des Schlackenbergs, die schon im Schatten lag. Ausgebrannt, ausrangiert. Wie ein gestrandeter Wal. Irgendwann hatte man den Schlackenberg bepflanzt, und keiner, der es nicht wusste, konnte ahnen, was sich darunter befand. Viele gingen hier mit ihren Hunden spazieren und nahmen den Weg über die enge Brücke mit ihren Stahlträgern. Früher war das der Weg der Bergleute gewesen, aber das wusste Thorsten nur vom Hörensagen. Die Welt hatte sich verändert, und wenn er sich drüben die Kleingärten anguckte, konnte er nur sagen, nicht gerade zum Besten.

Turnschuhe. Natürlich trug sie Turnschuhe. Er hatte nie etwas anderes an ihr gesehen, aber wenigstens konnte sie sich darin besser und leiser bewegen als er in seinen Springerstiefeln. Thorsten kauerte sich tiefer in die Hocke und lauschte. Nichts. Ein paar Meter rechts von ihm zeichnete die Abendsonne einen warmen Kupferton auf die Ruinen. Thorsten griff sich an den Rücken und kontrollierte den Sitz seiner Pistole, die er in den Bund seiner Jeans gezwängt hatte. Er unterdrückte ein Kichern. Duisburg, Hauptbahnhof. Ein Türke hatte sie ihm damals besorgt, dem war es egal gewesen, dass er gerade mal dreizehn gewesen war. Mit dieser Knarre hatte er noch vor ein paar Jahren Karnickel abgeschossen, hundert bestimmt, oder noch mehr. Mehr jedenfalls als Klaus oder Mannie, die hatten lieber Dosenbier getrunken und über Weiber gequatscht. Aber ihm hatte es Spaß gemacht. Verdammten Spaß sogar!

Schon damals kannte er jeden Zentimeter hier und jeden Stein. Jedes Schlupfloch. Er liebte dieses Gelände, das vom Ruß zerfressen war, er hatte es damals geliebt, und er liebte es noch immer. Er kannte jede Biegung, die unter dem grauen Unkraut die rostigen Gleise machten. Er kannte die Gräser, die in den Ritzen des morschen Mauerwerks nisteten. Den Hunger der streunenden Hunde, die sich verstohlen die Lefzen leckten.

Und er kannte die Angst der Kaninchen, wenn er ihnen direkt gegenüberstand.

Dies war sein Revier.

An die hohen, schwarzen Kamine klammerten sich Gräser, kraftlos wie ausgemusterte Weihnachtsbäume, und durch das Dach der Maschinenhalle sah man in klaren Nächten die Sterne funkeln. Was, zum Teufel, wusste schon jemand wie die da vom Leben, vom wirklichen Leben? Aber dass sie hierher gekommen war, damit hätte er nicht gerechnet. Sie musste doch wissen, dass er eine Knarre hatte. Aber wahrscheinlich kochte sie vor Wut. Herrgott, er hätte noch was ganz anderes aufziehen können. Er hätte ihr so richtig die Fresse polieren können, oder sie so richtig vergewaltigen. Aber das hat er nicht getan.

Das hat er ihr erspart.

Und sich auch.

Er grinste. Wahrs

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