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Die Aufforderung des Schlafwandlers zum Tanz von Jacob, Mira (eBook)

  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Die Aufforderung des Schlafwandlers zum Tanz

Da stürzt sich ein Mann von einer Brücke in Seattle - und Amina schießt das Foto, das berühmt werden wird. Doch wie abgebrüht muss man sein, in einem solchen Moment auf den Auslöser zu drücken? Amina verzeiht sich das nicht, verdingt sich fortan als Hochzeitsfotografin. Als ihr Vater sterbenskrank wird, muss sie sich ihrer bewegten Vergangenheit stellen, einer Geschichte, die in den 70er Jahren in Indien begann und nun in New Mexiko ihren Lauf nimmt. Amina beginnt, die Unwägbarkeiten des Lebens anzunehmen, und sich endlich mit den Geistern ihrer Familie auseinanderzusetzen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 575
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732505913
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Originaltitel: The Sleepwalker's Guide to Dancing
    Größe: 729 kBytes
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Die Aufforderung des Schlafwandlers zum Tanz

Prolog

EIN SELBST GEWÄHLTES EXIL

Seattle, Mai 1998

E s war Raserei, blinde Raserei. Drei Nächte in Folge saß Thomas Eapen auf der Veranda, mobilisierte sein gesamtes verbales Arsenal und schickte es ins Gefecht. Es war Sommer, und Thomas sprach so laut, dass er durchs Fliegengitter der Fenster gehört werden konnte. Nicht nur im eigenen Haus; auch die Nachbarn verstanden jedes Wort, seine Frau Kamala konnte nicht schlafen, und Prince Philip, der alte, arthritische Labrador, drehte verzweifelte Runden durch den Hausflur und winselte. Anfang Juni informierte Kamala ihre Tochter Amina per Telefon über das heimische Desaster, aber da sie im Plauderton einer gut gelaunten Fernsehmoderatorin sprach, begriff Amina nicht gleich den Ernst der Lage.

"Ich glaube, innerlich hat er sich schon von uns verabschiedet", fasste Kamala zusammen, und Amina stellte sich vor, wie ihr Vater am Rand der Wüste auf den nächsten Bus wartete.

"Meinst du wirklich?"

"Ich weiß nicht, ich kann nicht mehr klar denken. Seit Samstag habe ich kein Auge zugetan."

"Ach, komm! Du übertreibst!"

"Nein, es ist wahr."

Jeder wusste, dass Kamala schlafen konnte wie ein Baby, egal was ihr nachtaktiver Mann gerade wieder anstellte (Waschbären jagen, Gartenabfälle verbrennen, Trecker in den Graben setzen). Genervt warf Amina den Schlüssel auf den Küchentresen.

"Kommst du gerade von der Arbeit?", fragte Kamala.

"Ja." Amina legte die Post und ihre Kamera neben die Schlüssel. Der Anrufbeantworter blinkte fordernd, aber sie drehte ihm den Rücken zu. "Jetzt mal im Ernst, Ma! Drei Nächte?"

"Wie war's auf der Arbeit?"

"Hektisch. Halb Seattle heiratet nächsten Monat."

"Du aber nicht."

Amina versuchte, beim Thema zu bleiben. "Was sagt er denn?"

"Ach ... dummes Zeug."

"Was für dummes Zeug?"

"Spielt doch keine Rolle. Einfach nur dummes Zeug. Ich habe ihn gewarnt, dass ihm die Zunge verdorrt und abfällt, wenn er so weitermacht, aber es nutzt nichts. Er bringt mich noch um den Verstand."

"Ach, Ma ... Das sagst du doch immer."

"Tu ich nicht!"

"Tust du doch."

"Aber dieses Mal ist es anders." Kamala seufzte.

Die Geräusche der Nacht fanden ihren Weg durch die Telefonleitung, Amina konnte New Mexico förmlich hören - den Wind in den Pappeln, Grillengezirp, das aus der Hochebene der Mesa herüberdrang, und das Klicken der Gartentür. Sie schloss die Augen und hatte das Gefühl, in dem dämmrigen Garten zu stehen, wo Wildgräser in den Kniekehlen kitzelten. "Bist du im Garten?", fragte sie ihre Mutter.

"Hmm. Und du stehst im Regen?"

"Nein, in der Küche." Amina sah auf das Linoleum unter ihren Stiefeln. Ausgeblichen, wie es war, erinnerte es immer noch an frühere Zeiten, als die Crown Hill Apartments mit ihren Marmorkaminen und sonnengelben Küchenböden als gute Adresse für aufstrebende Mittelschichtfamilien galten. Jetzt war dieser Fußboden ausgebleicht, hatte die Farbe von dünnem Urin und schlug Blasen, die schmatzende Geräusche machten, wenn man darauftrat.

"Wie ist das Wetter bei euch?", fragte Kamala.

"Es nieselt."

"Kein Mensch versteht, was dich da hält."

"Ich hab mich dran gewöhnt."

"Das ist doch kein Grund! Kein Wunder, dass dieser schreckliche Mann sich erschossen hat. Das war doch kein Leben - ohne Sonne und dazu diese teuflische Frau mit den kaputten Strumpfhosen!"

"Kurt Cobain war ein Junkie, Ma."

"Weil er nicht genug Sonne bekam."

Amina seufzte. Hätte sie geahnt, dass die Ausgabe des Rolling Stone , die sie bei ihrem letzten Besuch im Badezimmer vergessen hatte, Kamala zur Expertin für Seattle machen würde ("Diese Grunge-Bands! Diese Starbucks-Filialen! Diese Start-ups!"), hätte sie besser darauf aufgepasst. Andererseits hatte es auch sein Gutes. Kamalas Abneigung gegen Aminas Wohnort hatte ihre Besuche au

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