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Die Ausschweifung Roman von Genazino, Wilhelm (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.11.2015
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Die Ausschweifung

Der Büroangestellte Eckhard Fuchs hadert mit der modernen Welt, dem Älterwerden, mit der Familie im Allgemeinen und seiner Frau Ruth im Besonderen. Nach 16 langen Ehejahren ist nichts mehr, wie es einmal war: Schon die Entscheidung über den alljährlichen Familienurlaub führt zu existenziellen Konflikten. Eckhard Fuchs' Leben ist eine zeitgenössische Tragödie, aufgezeichnet vom minutiösesten Beobachter deutscher Alltagswirklichkeit. Wilhelm Genazino beweist bereits in diesem frühen Roman sein Gespür für die Spannungen, die unter der Oberfläche der Banalität liegen. Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, lebt in Frankfurt. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Kleist-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt Die Liebe zur Einfalt (Neuausgabe, 2012), Idyllen in der Halbnatur (2012), Aus der Ferne und Auf der Kippe (Texte zu Postkarten und Fotos, 2012), Tarzan am Main (Spaziergänge in der Mitte Deutschlands, 2013), Leise singende Frauen (Roman, 2014), Bei Regen im Saal (Roman, 2014), Außer uns spricht niemand über uns (Roman, 2016) und Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze (Roman, 2018).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 304
    Erscheinungsdatum: 16.11.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446251458
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1359 kBytes
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Die Ausschweifung

Herr Fuchs schüttelte sich, als er am Friedberger Platz aus der Straßenbahn stieg. Hier beendete er jeden Abend die Heimfahrt vom Büro in die Wohnung. Fünfzehn bis zwanzig Minuten Fußweg mußte er nun noch hinter sich bringen, dann war er zu Hause. Der Fußweg war für ihn der schönere Teil des Heimwegs. Zuerst legte er das kurze Stück der Bornheimer Landstraße zurück und bog dann links in die Berger Straße ein. Am Ende der Berger Straße, in der Heidestraße, bewohnte Herr Fuchs mit seiner Frau Ruth und seiner achtjährigen Tochter Anna eine geräumige Vier-Zimmer-Altbauwohnung. Vor genau sechzehn Jahren war Herr Fuchs mit seiner Frau in diese Wohnung eingezogen. Damals hatten sie geheiratet, und es war für sie von Anfang an klar gewesen, daß sie nur hier, im Stadtteil Bornheim, leben und wohnen wollten. Beide, Eckhard Fuchs und Ruth Landauer, waren in Frankfurts nördlichstem Stadtteil aufgewachsen und groß geworden. Beide waren sie in Bornheim zur Schule gegangen und konfirmiert worden. Das vierstöckige Mietshaus, in dem sie vor sechzehn Jahren ihre Wohnung gefunden hatten, kannten sie vom Ansehen her seit ihrer Kindheit. Ende der fünfziger Jahre, als Eckhard Fuchs ein Halbwüchsiger war und fast jeden Abend mit seinen Freunden an einer Bornheimer Ecke herumstand, war er auf Ruth aufmerksam geworden. Sie war vier Jahre jünger als er und besuchte damals noch jeden Sonntagmorgen die Christenlehre. 1959 war Ruth siebzehn Jahre alt gewesen und hatte gerade eine ernste religiöse Phase. Eckhard wurde nur deswegen auf sie aufmerksam, weil sie immer nur kurz auf der Straße zu sehen gewesen war. Die Mädchen aus der Umgebung hatten, ähnlich wie die Jungen, kleine Gruppen gebildet, die schlendernd, trödelnd und kichernd ihre Abende verbrachten. Ruth gehörte zu keiner dieser Gruppen, und schon allein deswegen machte sie auf Eckhard einen fortgeschrittenen, ernsten Eindruck. Eckhard war damals einundzwanzig Jahre alt und hatte soeben eine neue Stelle als zweiter Versandleiter in einer Arzneimittelfabrik angenommen. Er war ein stattlicher, gutgebauter Mann, und er konnte es sich leisten, sein Interesse für Ruth zu zeigen. Obwohl der äußere Anschein lange dagegen sprach, wurde aus Ruth und Eckhard rasch ein Paar. Eines Tages hatte er sich aus seiner Jungengruppe gelöst und war dann nur noch in Begleitung von Ruth zu sehen gewesen. Ruth war damals Lehrling in einem Anwaltsbüro gewesen und besuchte die Handelsschule. Es stellte sich heraus, daß ihre religiösen Interessen nur ein Ausdruck ihrer jugendlichen Unbestimmtheit gewesen waren; sie lösten sich in nichts auf, als sie Eckhard kennengelernt hatte. Nach fünf Jahren heirateten sie; er war sechsundzwanzig, sie zweiundzwanzig.

An der Ecke Bornheimer Landstraße/Berger Straße gab es ein großes Fahrrad- und Motorradgeschäft. Es war Ende Februar, die Abende wurden heller und länger, und der Besitzer des Motorradgeschäfts ging wieder dazu über, ein paar seiner schweren Motorräder vor dem Laden aufzustellen. Die kleine Parade verfehlte ihre Wirkung nicht; viele junge Leute hielten sich in der Nähe der amerikanischen, deutschen und japanischen Maschinen auf, betrachteten sie und befühlten sie sogar. Manchmal stellte sich Herr Fuchs ebenfalls vor diesen Motorrädern auf. Was ihm gefiel, war die ungenierte Bewunderung, mit der diese sechzehn- und siebzehnjährigen Jungen die Räder anstaunten. Mit seitlich eingeknicktem Oberkörper, die Arme verschränkt und den Kopf ein wenig hängend standen sie einen knappen halben Meter entfernt vor den Objekten ihrer Sehnsucht; manchmal machten sie ein paar bedächtige Schritte oder beugten den Kopf nieder, weil sie ein technisches Detail aus der Nähe sehen oder, wie Herr Fuchs vermutete, weil sie es einmal riechen wollten. Herr Fuchs war zweiundvierzig Jahre alt; er wußte, daß er sich niemals mehr so eindeutig und ausschließlich nach etwas sehnen konnte wie diese Halbwüchsigen. Aber wenn er sich in

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