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Die Bücherjäger Historischer Roman von Husemann, Dirk (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.06.2018
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Die Bücherjäger

Ein Buch, das an eine Kette gelegt ist. Der Florentiner Poggio Bracciolini erkennt sofort, dass er einen Schatz vor sich hat. Er ist Meister im Aufstöbern antiker Texte - ein Bücherjäger, der sich in Klosterbibliotheken einschleicht. Doch diesmal kommt ihm jemand zuvor: Kaum hat Poggio die ersten Zeilen gelesen, ist das rätselhafte Buch verschwunden. Entschlossen nimmt er die Verfolgung der Diebe auf. Denn wenn dieser uralte Text in die falschen Hände gerät, wird er die gesamte abendländische Welt ins Wanken bringen.

Dirk Husemann, Jahrgang 1965, gräbt als Wissenschaftsjournalist, Archäologe und Schriftsteller Geschichten aus. Er studierte Ur- und Frühgeschichte, Klassische Archäologie und Ethnologie in Münster. Neben Historischen Romanen schreibt er Sachbücher und Reportagen, zum Beispiel über die rosaroten Steine von Stonehenge, Fische in der Sahara oder den Sternenhimmel unter den Pyramiden Mexikos. Seine Romane begeistern Leser in vielen Ländern.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 447
    Erscheinungsdatum: 29.06.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732556571
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 3480 kBytes
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Die Bücherjäger

Kapitel 2

O swald von Wolkenstein sang. Zwar verstand Poggio nicht alle Worte. Doch die Weise klang nach Schwermut und jener Form der Melancholie, wie sie die Langeweile eines adeligen Lebens in einer zugigen Burg hervorbringt.

Die beiden Männer ritten hintereinander durch einen verschneiten Wald. Schon lange hatte Poggio keine derart unberührte Landschaft mehr gesehen. In seiner Heimat Italien waren Dörfer zu Städten herangewachsen. Darin hungerten Kalkbrenner, Köhler und Baumeister nach Holz und wollten nicht warten, bis es nachgewachsen war. Wo kein Fürst die Hand über seinen Forst hielt, herrschte Kahlschlag. Poggio erinnerte sich an ein Sprichwort aus der Toskana. Darin spielte ein Eichhörnchen eine Rolle, das von Dorf zu Dorf springen konnte, ohne den Boden zu berühren. Jetzt würde sich das arme Tier seine winzigen Füße wund laufen.

Poggio liebte den Wald. Es war still darin, und das lud zum Nachdenken ein. Bevor Oswald von Wolkenstein zu singen angehoben hatte, war das Klopfen der Pferdehufe der einzige sie begleitende Laut gewesen, nur gelegentlich unterbrochen vom Zischen des Schnees, der von einem Ast glitt und vom Wind zu Staub zerblasen wurde. Sogar die Krähen, deren Rufe sie von Konstanz her begleitet hatten, waren verstummt, seit sie zwischen die Bäume geraten waren. Poggio war es erschienen, als habe die lärmende Welt mit ihren Konzilen und Beschlüssen, ihren Königen und Päpsten zu bestehen aufgehört. Doch jetzt war es mit dieser geradezu heiligen Stille vorbei.

Wolkensteins Stimme zerriss das Schweigen wie ein Lüstling das Gewand einer Jungfrau. Wenn die angestimmte Weise doch nur die Schönheit der Natur gepriesen hätte! Wenn die Laute die stillen Baumstämme umschmeichelt und den Wald bedeckt hätten wie rieselnder Schnee! Doch die deutschen Worte schlugen wie Äxte in das winterliche Paradies.

Poggio warf seinem Reisegefährten einen missmutigen Blick zu. Obwohl dieser schon das vierzigste Jahr erreicht hatte, trug er sein lockiges Haar lang wie ein Jüngling. Es hing unter einer Mütze aus Biberpelz herab. Poggio hatte Oswald noch nie ohne diese Kopfbedeckung gesehen. Nicht einmal in einer Taverne hatte der Tiroler sich barhäuptig gezeigt. Vermutlich hütete er einen kahlen Scheitel als Geheimnis seines Hauptes. Poggio verbesserte sich: Was er ein Haupt nannte, war ein massiger Schädel. Aus dem ragte eine gedrungene Nase hervor. Auf Oswalds üppiger Unterlippe leuchtete hell eine Narbe.

Wolkensteins gesundes Auge war hinauf zu den Kronen der Bäume gerichtet. Das andere war geschlossen. Immer. Viele glaubten, dass Oswald es in einer Schlacht gegen die Sarazenen verloren habe. Und der Tiroler wurde nicht müde, die Geschichte eines Zweikampfes zum Besten zu geben, in dem er jeden arabischen Hieb mit zwei abendländischen Streichen vergolten und den Feind mit blutüberströmtem Gesicht schließlich niedergestreckt habe.

Doch Poggio wusste es besser. Als Kind hatte er Männer gesehen, die einäugig, einbeinig oder einarmig aus dem Krieg heimgekehrt waren. In der Apotheke seines Vaters hatten sie um Kräuter gebettelt, die ihnen die Schmerzen nehmen sollten - und die Träume. Darin waren sie noch immer vollständigen Leibes, um dann umso zerstörter daraus aufzuschrecken. Oswald von Wolkenstein aber trug keine Spur eines Kampfes am rechten Auge. Das Lid war geschlossen wie bei einem Schläfer. Poggio war sicher: Das Organ war nicht ausgeschlagen, sondern zugewachsen. Keine ruhmreiche Schlacht, sondern eine Laune der Natur hatte dem Tiroler den halben Blick auf die Welt genommen.

Poggio hatte Verständnis für seinen Reisegefährten. In einer Welt wie dieser war es allemal einfacher, als verstümmelter Haudegen zu gelten, als ein von Natur aus Missgestalteter zu sein. Doch mit Poggios Wohlwollen war es nun vorbei.

Zug um Zug sog Oswald die kalte, klare Luft ein und sonderte die nächste Strophe seines traurigen Liedes ab. Der Wald hallte davon

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