text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Die Baumschule Berichte aus dem Réduit von Amann, Jürg (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.01.2014
  • Verlag: Haymon
eBook (ePUB)
9,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die Baumschule

Dreiundzwanzig Erählungen - Geschichten mit doppeltem Boden, hintersinnig, listig und voller Humor.

Jürg Amann, geboren 1947 in Winterthur/Schweiz, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2013 in Zürich. Studium der Germanistik in Zürich und Berlin, Literaturkritiker und Dramaturg, seit 1976 freier Schriftsteller. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Ingeborg-Bachmann-Preis, Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Bei Haymon: 'Zwei oder drei Dinge'. Novelle (1993), 'Über die Jahre'. Roman (1994), 'Und über die Liebe wäre wieder zu sprechen'. Gedichte (1994), 'Schöne Aussicht'. Prosastücke (1997), 'Kafka'. Wort-Bild-Essay (2000), 'Am Ufer des Flusses'. Erzählung (2001), 'Mutter töten'. Prosa (2003), 'Übermalungen. Überspitzungen'. Van-Gogh-Variationen (zus. mit Urs Amann, 2005), 'Zimmer zum Hof'. Erzählungen (2006), 'Nichtsangst'. Fragmente auf Tod und Leben (2008) und 'Die Reise zum Horizont'. Novelle (2010). Zuletzt erschienen: 'Wohin denn wir'. Roman (2012) und 'Lebenslang Vogelzug'. Gedichte (2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 157
    Erscheinungsdatum: 30.01.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709973219
    Verlag: Haymon
    Größe: 927 kBytes
Weiterlesen weniger lesen

Die Baumschule

Bericht aus dem Réduit

Wer eigentlich dieser komische Kauz gewesen sei, wurde gefragt, der da drüben im Nietzsche-Haus gewohnt habe, der heute nachmittag abgereist sei, mit Sack und Pack, gegen Süden zu.

Es war Sommer. Aber draußen regnete es und war kalt. Die Gäste in der kleinen Bündner Arvenstube waren im Laufe des Abends näher zusammengerückt.

Pierre Ankaoua, sagte ich, indem ich Wein nachgoß, Pierre Ankaoua, der, wie er sagt, drei Jahre an der Mutterbrust gehangen und alles übrige in konsequenter Weigerung wieder ausgespuckt hat, was man ihm sonst von der Welt noch habe einflößen wollen. Er sei ein junger Franzose, arabischer Abstammung, aber das sei eine lange und sehr, sehr komplizierte Geschichte, die er niemandem zumuten wolle, da er selber mit der Zumutung, die sie bedeute, ja zu leben habe, das sei genug, im übrigen Student der Philosophie und insbesondere Hölderlins, welcher nach langen Irrwegen durch die verschiedensten Käffer und auch die teuersten Hotelbetten der Schweiz nun endlich den Weg hinauf nach Sils und damit auch zu Nietzsche gefunden habe, gab ich wieder, was ich von ihm wußte.

Bei seiner Ankunft, sagte ich, saß ich gerade, in ein Buch vertieft, vor dem Haus in der seltenen Abendsonne. Er bog mit langen, wiegenden Schritten auf den Kiesweg ein, sprang, ja, sprang mit Luftsprüngen, die an Sanftheit denen einer Antilope gleichkamen, auf mich zu und streckte mir die rechte Hand entgegen. Nein, strecken ist nicht das richtige Wort, in einem eleganten Schwung holte er sie hinter dem Rücken hervor, auf dem sie bisher, zusammen mit der linken, gelegen hatte, und bot sie mir dar. Die linke blieb auf dem Rücken.

Bonjour, sagte er, mit einer leichten Verneigung, je vais très bien, ohne daß ich ihn danach gefragt hätte, und dabei schaute er mich mit dunklen, flackernden Augen über seine kleine, runde Stahlbrille hinweg oder noch eher an dieser vorbei in einer so schelmisch fremdartigen Weise an, als wolle er sich über mich oder über sich selber lustig machen. Dann warf er den schmalen Kopf in den Nacken zurück und sein schwarzgekraustes langes Haar über die Schultern, während er schon die ersten Stufen zur Haustür hinauf mit hohlem Kreuz genommen hatte, über deren Querbalken er das schwere Schild zu lesen schien. Ah! murmelte er, indem er die Hände rieb, je suis arrivé, je suis arrivé!

Bevor er eintrat, hielt er einen Augenblick still, setzte seine Füße rückwärts wieder einen Tritt zurück und wendete sich brüsk noch einmal mir zu, indem er, wie es in dieser Vollendung sonst nur auf ägyptischen Darstellungen zu sehen ist, seinen dünnen Oberkörper in den Hüften abdrehte und mit der spitzen Bogennase ebenso wie mit dem herausgeschnellten Zeigefinger der mageren Rechten auf mein Buch zeigte und fragte: qui est ce merveilleux?

Pardon? fragte ich verwirrt, ah, ce ... und als ich ihm den Namen nannte, nickte er verständig und strich sich mit den Fingern über den spärlichen Spitzbart. De loin, de loin ..., hauchte er in die Abendluft. Dann warf er wieder die Hände auf den taillierten Mantelrücken, den Kopf in den Nacken, und mit leichter Rücklage des Oberkörpers stolperte er die letzten Stufen hinauf und verschwand im Innern des Hauses. Während ich etwas verwundert auf die leere Türöffnung starrte, hörte ich noch von drinnen: je vous laisse, je vous laisse... Das war die erste Begegnung.

Ein andermal traf ich ihn in der Küche. Comme le monde est luminaire! begrüßte er mich. Pas lumineux, luminaire, und er ließ das ... re der letzten Silb

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen