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Die Bilder unseres Lebens Eine Familie zwischen Film und Freiheit von Thorn, Ines (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.03.2020
  • Verlag: Aufbau Verlag
eBook (ePUB)

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Die Bilder unseres Lebens

Die Zeit, die uns trennt. Mit Leidenschaft hat die Familie Lindemann das Kino 'Die Schauburg' in Leipzig betrieben. Bis sie nach dem Krieg enteignet wird. Besonders Mutter Ursula fällt es schwer, sich an die Vorgaben der neuen Machthaber zu halten. Ihr Mann Gerhard kommr versehrt von der Front zurück und versucht mühsam, wieder ins Leben zu finden. Auch ihre Tochter Sigrid, die sich kaum an Friedenszeiten erinnern kann, ist verunsichert. Ob die Ausbildung zur Lehrerin das Richtige für sie ist? Nur Stefan, der Sohn, hält an seinem alten Traum fest. Und um Filme machen zu können, beschließt er sogar, die Heimat hinter sich zu lassen und nach West-Berlin zu gehen. Schon bald merken die Lindemanns, wie schwer es ist, familiäre Bande aufrechtzuerhalten, wenn man getrennt ist durch den Eisernen Vorhang. Authentisch und hochemotional: ein großes Familienepos während der deutschen Teilung

Ines Thorn wurde 1964 in Leipzig geboren. Nach einer Lehre als Buchhändlerin studierte sie Germanistik, Slawistik und Kulturphilosophie. Sie lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.

Im Aufbau Taschenbuch sind lieferbar: Die Walfängerin , Die Strandräuberin sowie Ein Stern über Sylt .

Bei Rütten & Loening sind zudem erschienen Ein Weihnachtslicht über Sylt und 'Der Horizont der Freiheit'.    

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 448
    Erscheinungsdatum: 10.03.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783841219589
    Verlag: Aufbau Verlag
    Größe: 2231 kBytes
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Die Bilder unseres Lebens

Kapitel 1

Am Morgen hatte die Nachbarin ihr erzählt, dass es in Gutjahrs Lebensmittelladen Eier geben sollte, und Sigrid war sofort losgelaufen.

Frau Gutjahr hatte ihren trotz des Hungers überall wohl genährten Bauch unter der Schürze gestreichelt und dabei gesagt: »Die Amerikaner sind da. Sie haben die letzten Volksstürmer verhaftet und das Völkerschlachtdenkmal besetzt. Der Bürgermeister, der olle Freyberg, und noch ein paar von denen da oben haben sich umgebracht. Geschieht ihnen ganz recht. Wir kleinen Leute von der Straße waren denen immer egal.« Ihre Stimme klang selbstzufrieden, als wäre die Welt nun ein bisschen mehr nach ihrem Geschmack.

»Du musst aufpassen, Sigrid, euer Willi, der rannte noch vorgestern in der Uniform rum und hat vor dem Gasthaus Adler Reden ans Volk gehalten. Den müsst ihr in der Wohnung einsperren. Und das ganze Nazizeug vernichten. Und beeilen müsst ihr euch«, ergänzte sie, während sie drei Eier in Zeitungspapier wickelte. »Ich wette, in den meisten Häusern glühen gerade die Kachel- und Küchenöfen. Ich habe ja schon vor zwei Jahren gesagt, dass der Krieg verloren ist, damals nach der Pleite von Stalingrad. Wollte keiner hören. Sogar die Gestapo ist deshalb gekommen, mitgenommen hätten sie mich, wenn unser Laden nicht kriegswichtig gewesen wäre.« Ihr Kleinbürgerstolz füllte den ganzen Laden, legte sich in die leeren Regale, hockte auf der Kasse.

Sigrid vergaß die Eier und hetzte durch die Trümmer nach Hause. Die halbe Stadt war bei dem Bombenangriff vom 4. Dezember 1943 zerstört worden, doch in der Antonienstraße standen die meisten Häuser noch. Sigrid wusste nicht, ob sie froh oder erschrocken sein sollte. Der Krieg war vorüber, und sie konnte es einfach nicht glauben. Keine nächtlichen Bombenangriffe mehr, keine Verdunkelungen und vielleicht sogar bald kein Hunger mehr? Unvorstellbar nach sechs Jahren Krieg. Aber was kam nun?

Eilig ging sie die Stufen nach oben in den ersten Stock, riss die Tür auf. Ihr Großvater Willi saß in seiner SA-Uniform auf dem Küchensofa und erzählte seiner Frau, was ihm gerade durch den Kopf ging - wirres Zeug, wie schon seit Monaten, denn Willi war senil geworden. »Der Führer, du wirst es erleben, Wilma, der schenkt uns allen so ein Volksauto. Und dann fahren wir durchs Deutsche Reich bis ins Baltikum. Mit dem Volksauto.«

»Opa, du musst dich ausziehen!«, unterbrach Sigrid ihn. »Warum soll der Opa sich ausziehen?«, fragte Großmutter Wilma, die am Herd stand und in einem Topf rührte. »Gib mir mal die Eier, die sollen hier mit rein.«

»Bis ins Baltikum«, krächzte ihr Mann.

»Sigrid, die Eier!« Wilma wandte sich ungeduldig um. Früher war sie eine sanfte Frau gewesen mit einem ewigen Lächeln auf den Lippen. Der Krieg hatte sie hart gemacht, er ließ keine Zeit für Sanftmut und Lächeln und Höflichkeit. Die meisten Männer sprachen in knappen, schnarrenden Sätzen miteinander, und den Frauen waren die Worte vergangen. Dafür seufzten sie. Aber Wilma konnte nicht schweigen. Sie hatte noch einiges zu sagen. Gestern und jetzt und später.

»Ich hab keine Eier. Die Amerikaner sind da, sind schon am Völkerschlachtdenkmal.«

Mit ein paar Schritten war sie am Sofa und riss das Hitlerbild von der Wand. »Wir müssen alles vernichten«, rief sie, die Aufregung hatte ihre Stimme ganz hell gefärbt. »Opa muss die Uniform ausziehen. Und das Jesuskreuz, das früher hier hing, muss wieder her. Wo ist es?«

Jetzt kam Bewegung in Wilma. »Das Kreuz ist im Schlafzimmer unter dem Bett. Willi, zieh dich aus.«

»Mit dem Volksauto bis ins Baltikum. Der Führer hat's gesagt.«

»Die Uniform, Opa.«

»Halt ihn fest«, sagte Wilma bestimmt, dann öffnete sie ihrem Mann die Hose und zog mit einem so kräftigen Ruck daran, dass Willi beinahe vom Sofa gerutscht wäre. Als Sigrid versuchte, die Arme aus der Uniformjacke zu ziehen, krallte ihr Opa sich fest. »Mit der Uniform ins Baltikum«, sagte er und

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