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Die Blickfängerin Textlicht Band 6 von Schörkhuber, Eva (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.06.2015
  • Verlag: Edition Atelier
eBook (ePUB)
2,99 €
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Die Blickfängerin

Sie sammelt Blicke wie andere Briefmarken. Blicke, die ihr zufliegen, die sie auffängt und mithilfe ihrer Kamera heimlich festhält - verstohlene, herausfordernde, stolpernde und fragende Blicke, Blicke von Schlafenden Köpfen und von Sprechenden Köpfen. Doch am liebsten sind ihr die flüchtigen, die Augenblicksblicke, die immer etwas unbestimmt sind, denen es nachzujagen gilt. Anhand der von ihr gierig aufgesogenen und penibel archivierten Blicke offenbart sich den Lesern allmählich ihre eigene Geschichte, die Geschichte der Blickfängerin.

Eva Schörkhuber, 1982 in St. Pölten geboren. exil-literaturpreis 2012, Theodor-Körner-Preis 2013. Studiert(e), arbeitet(e) und lebt(e) in Oran, Marseille und Wien (als freie Autorin, als Dramaturgin, Lehrbeauftragte, Lektorin und Redakteurin beim textfeld südost) und schreibt an ihrer Dissertation. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien, zuletzt: Der Stoff, aus dem (in: literatur exil preise 2012), Textadaptionen für die Bühne, zuletzt: Die Schmerzmacherin (Regie: Alex.Riener, Uraufführung 2012 im Theater Drachengasse). Gemeinsam mit Elena Messner Konzeption und Durchführung der Wiener Soundspaziergänge. Ihr Debütroman Quecksilbertage erschien 2014 in der Edition Atelier (auch als E-Book).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 92
    Erscheinungsdatum: 01.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783903005785
    Verlag: Edition Atelier
    Serie: Textlicht Bd.7
    Größe: 4960 kBytes
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Die Blickfängerin

0. Ich sehe

Einige werfen mir einen Blick zu, einige, einige von ihnen, sich ihrer und irgendwo auch meiner gewahr. Sie werfen mir manchmal einen Blick zu, sie, die sich auf den Weg machen den Gang entlang, den kleinen, schmalen, sie, die ihrer Wege gehen über den grauen Linolboden, der immer etwas nach Spülmittel riecht. Was ich nicht sehe. Was ich aber weiß. Die Blicke, die sie mir zuwerfen, ich fange sie immer auf. Flüchtige Blicke. Verstohlene. Herausfordernde. Fragende. Über den Plafond wandernde. Streunende. Von einer Neonlichtzeile zur nächsten stolpernde Blicke. Manchmal wissen sie nicht genau, wohin sie ihren Blick werfen sollen. Und doch löst er sich von ihren Gesichtern und fliegt auf, fliegt an die Decke, an der er sich schließlich entlangtastet. Vorsichtig. Am liebsten sind mir, ich muss es gestehen, die flüchtigen Blicke. Sie haben es sehr eilig, sich von den Gesichtern abzusetzen, aufzufliegen. Die Gesichter haben keine Zeit, ihnen eine bestimmte Absicht mit auf ihren Flug - nein, in ihrem Fall ist es ein Sprung, auf ihren Sprung also zu geben. Diese flüchtigen Blicke, sie sind immer etwas unbestimmt. Zweideutig. Von mir lassen sie sich nicht so einfach, so mir nichts dir nichts ausweisen. Ich verdenke es ihnen nicht. Ich lasse mich gerne hinters Licht führen, von ihnen, den flüchtigen Blicken. Ich registriere sie, ich befrage sie, ich versuche, einen, vielleicht sogar den Grund zu finden, warum sie bei mir gelandet sind. Von ein und demselben Gesicht können unterschiedliche Blicke auffliegen. Einmal unbefangen, einmal mit unverhohlenem Misstrauen. Ich mache mir nichts aus Gesichtern. Die Blicke aber, die merke ich mir, die erkenne ich wieder. So kann es sein, dass ich während meiner langen Tage sehe, wie sich ein und derselbe Blick von verschiedenen Gesichtern löst, damit ich ihn auffangen kann. Je nach Schrittgröße und Gehtempo haben die Blicke in etwa sechs, sieben Schritte Zeit, aufzufliegen. Wenn sie, die sich auf den Weg gemacht haben den Gang entlang, den kleinen, schmalen, wenn sie ihren Weg über den grauen Linolboden, der immer etwas nach Spülmittel riecht, zurückgelegt und den Aufzug erreicht haben, sind sie nicht mehr im Bilde. Sie können mir keinen Blick mehr zuwerfen. Und ich kann ihn nicht mehr auffangen, ihren Blick.

Ich muss gestehen, ich sammle die Blicke, die mir von den einigen, von einigen von ihnen zugeworfen werden. Ich spiele die Bänder noch einmal ab, einmal zeitrafferschnell, einmal zeitlupenlangsam, je nachdem, ob ich an eine Stelle komme, an der mir ein Blick zugeworfen worden ist. Finde ich einen Blick wieder, den ich im Laufe meines langen Tages aufgefangen habe, stoppe ich das Band und fotografiere den Bildschirm. So haben sich während meiner langen Tage, über die Monate und Jahre hinweg, viele, viele Blick-Bilder angesammelt, ein Blick-Archiv, das ich angelegt habe und in größter Ordnung halte. Die Blicke, die mir zugeflogen sind, die ich aufgefangen und festgehalten habe, habe ich nach ihren Absichten einerseits, nach Zeitpunkten andererseits sortiert. Andere Gesichtspunkte sind mir unerheblich erschienen. Die Absichten haben sich durch die Jahre hindurch und mit zunehmender Blick-Menge verfeinert, ja im Grunde immer mehr vereinzelt. Während ich zu Beginn meiner Sammlung über zirka zehn absichtsvolle Kategorien verfügt habe - die suchenden Blicke, die fragenden, die misstrauischen, die unbedarften, die neugierigen, die frechen, die provokanten, die ängstlichen, die panischen - verfüge ich jetzt über zirka zweiundzwanzigtausend - die panisch-suchenden Blicke, die misstrauisch-fragenden, die unbedarft-neugierigen, die neugierig-frechen, die provokant-fragenden, die ängstlichen-und-daher-provokanten, die ängstlichen-und-daher-frech-provokanten und so weiter. Es gibt heute eine nicht zu vernachlässigende Anzahl absichtsvoller Kategorien, denen ich bislang lediglich einen Blick zuordnen konnte, die ich also eigens fü

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