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Die dritte Lüge Roman von Kristof, Agota (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.08.2015
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Die dritte Lüge

Lucas kehrt nach Jahrzehnten zurück in die Stadt seiner Kindheit. Er erinnert sich an die Jahre der Einsamkeit, getrennt von seinem Zwillingsbruder Claus, an den Krieg, an den gemeinsamen Unterschlupf bei der Großmutter 'Hexe'. Nun sucht er seinen Bruder. Agota Kristof, geboren 1935 in Csikvánd in Ungarn, verließ ihre Heimat während der Revolution 1956 und gelangte über Umwege nach Neuchâtel in die französischsprachige Schweiz. Als Arbeiterin in einer Uhrenfabrik tätig, erlernte sie die ihr bis dahin fremde Sprache und schrieb auf Französisch ihre erfolgreichen Bücher, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden. Sie wurde mit zahllosen Preisen geehrt wie 2001 mit dem angesehenen Gottfried-Keller-Preis, dem Österreichischen Staatspreis für Literatur sowie dem Kossuth-Preis in ihrem Geburtsland Ungarn. Agota Kristof starb Ende Juli 2011 nach längerer Krankheit in Neuchâtel.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 176
    Erscheinungsdatum: 10.08.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492972420
    Verlag: Piper Verlag
    Größe: 519 kBytes
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Die dritte Lüge

Ich bin in der kleinen Stadt meiner Kindheit - im Gefängnis.

Es ist kein richtiges Gefängnis, es ist eine Zelle im Gebäude der Ortspolizei, einem Haus, das wie alle anderen Häuser der Stadt einstöckig ist.

Meine Zelle muß früher eine Waschküche gewesen sein, Tür und Fenster gehen auf den Hof hinaus. Innen vor dem Fenster hat man später Gitterstäbe angebracht, damit man nicht an die Scheibe herankommt und sie zerschlagen kann. Eine Waschgelegenheit mit Klosett ist durch einen Vorhang abgetrennt. An einer der Wände stehen, am Boden festgeschraubt, ein Tisch und vier Stühle, an der gegenüberliegenden Wand sind vier Betten befestigt, die man herunterklappen kann. Drei davon sind heruntergeklappt.

Ich bin allein in der Zelle. Es gibt nur wenige Verbrecher in dieser Stadt, und wenn es mal einen gibt, bringt man ihn gleich in die Kreisstadt, zwanzig Kilometer weiter.

Ich bin kein Verbrecher. Ich bin nur hier, weil meine Papiere nicht in Ordnung sind, mein Visum ist abgelaufen. Und ich habe auch Schulden gemacht.

Morgens bringt mir der Wärter das Frühstück, Milch, Kaffee, Brot. Ich trinke ein paar Schluck Kaffee, dann gehe ich zum Duschen. Mein Wärter verzehrt den Rest meines Frühstücks und säubert die Zelle. Die Tür bleibt offen, ich kann in den Hof gehen, wenn ich Lust dazu habe. Es ist ein Hof mit hohen Mauern ringsum, die mit Efeu und wildem Wein bewachsen sind. Hinter einer der Mauern, links von meiner Zelle, wenn man herauskommt, liegt ein Schulhof. Ich höre die Kinder in den Pausen lachen, spielen und schreien. Die Schule war schon da, als ich noch ein Kind war, ich erinnere mich daran, obwohl ich nie in diese Schule gegangen bin, aber das Gefängnis war damals woanders, daran erinnere ich mich auch, denn da war ich einmal drin.

Jeden Morgen und jeden Abend gehe ich eine Stunde im Hof herum. Das habe ich mir in meinen Kindertagen angewöhnt, als ich mit fünf Jahren wieder gehen lernen mußte.

Mein Wärter ärgert sich darüber, denn dann sage ich kein Wort und höre auch keine Fragen.

Mit den Augen starr auf die Erde blickend und den Händen hinterm Rücken, so mache ich meine Runden, dicht an den Mauern entlang. Der Boden ist gepflastert, aber zwischen den Steinen sprießt Gras.

Der Hof ist beinahe quadratisch. Fünfzehn Schritt lang, dreizehn breit. Angenommen, ich mache Schritte von einem Meter Länge, dann hätte der Hof eine Fläche von einhundertfünfundneunzig Quadratmetern. Aber meine Schritte sind bestimmt kürzer.

In der Mitte des Hofs steht ein runder Tisch mit zwei Gartenstühlen und an der hinteren Mauer eine Holzbank.

Wenn ich mich auf diese Bank setze, sehe ich den größten Teil des Himmels meiner Kindheit.

Schon am ersten Tag hat mich die Frau aus der Buchhandlung besucht und mir meine Sachen und auch eine Gemüsesuppe gebracht. Sie kommt weiterhin jeden Tag um die Mittagszeit mit ihrer Suppe. Ich sage ihr, daß ich hier genug zu essen kriege, der Wärter bringt mir zweimal täglich eine komplette Mahlzeit aus dem Restaurant gegenüber, aber sie kommt immer wieder mit ihrer Suppe. Ich esse höflichkeitshalber ein wenig davon, dann gebe ich den Topf an meinen Wärter weiter, und der ißt den Rest.

Ich entschuldige mich bei der Frau für die Unordnung, die ich in ihrer Wohnung hinterlassen habe.

Sie sagt zu mir:

- Was macht das schon? Meine Tochter und ich haben bereits alles aufgeräumt. Es waren vor allem viele Papiere. Die zerknüllten Blätter habe ich verbrannt und auch alle, die im Papierkorb waren. Die anderen habe ich auf dem Tisch liegen lassen, aber die Polizei war da und hat sie mitgenommen.

Ich schweige einen Moment, dann sage ich:

- Ich schulde Ihnen noch zwei Monatsmieten.

Sie lacht:

- Ich habe viel zuviel für die kleine Wohnung verlangt. Aber wenn Sie unbedingt wollen, können Sie das ja später bezahlen, wenn Sie wiederkommen. Nächstes Jahr vielleicht.

Ich sage:

- Ich glaube n

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