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Die Engel von Sidi Moumen Roman aus Marokko. von Binebine, Mahi (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 19.06.2015
  • Verlag: Lenos Verlag
eBook (ePUB)
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Die Engel von Sidi Moumen

Jaschin erzählt die Geschichte seines Lebens - und wie er es beendete. Inspiriert von der Geschichte um die Attentäter von Casablanca vom 16. Mai 2003, hat Mahi Binebine einen Roman über marokkanische Jugendliche geschrieben, die von Islamisten zu einem Selbstmordanschlag in einem Luxushotel verführt werden. Jaschin wächst mit acht Brüdern in Sidi Moumen auf, einer Barackensiedlung vor den Toren Casablancas. Den Tag verbringt er mit den "Etoiles", seinen Freunden im örtlichen Fußballklub. Die Jugendlichen schlagen sich mit allerlei Gelegenheitsarbeiten durch: Sie durchwühlen die Abfallberge und verkaufen das Brauchbare, putzen Schuhe von Touristen, stehlen auch mal und prügeln sich. Der Fußball ist einer der wenigen Lichtblicke in ihrem Leben. In dieser Lage kommt Abu Subair gerade recht: Er unterstützt die Jungen mit Geld und Jobs. Sie freunden sich mit ihm an und lauschen seinen Einflüsterungen. Abu Subair verheißt ihnen das Paradies, dessen Pforte ganz nahe sei - was hätten sie denn schon zu verlieren? Angesichts von Armut und Gewalt, von unerfüllten Träumen, von Enttäuschungen, Wut und Trauer hat der Fanatismus der bärtigen Extremisten leichtes Spiel. Mahi Binebines Roman ist gut recherchiert, voller Tragik aber auch reich an Humor. Er wurde unter dem Titel "Les Chevaux de Dieu" verfilmt.

Mahi Binebine, geboren 1959 in Marrakesch (Marokko). Studium der Mathematik in Paris. Lehrer. Hinwendung zur Literatur und Malerei. Heute gilt er als bekanntester Maler Marokkos, seine Bilder hängen u.a. im New Yorker Guggenheim-Museum. Sein schriftstellerisches Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt und u.a. mit dem Prix de l'Amitié Franco-Arabe ausgezeichnet. Nach Jahren in Frankreich und den USA lebt Mahi Binebine seit 2002 wieder in Marrakesch.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 157
    Erscheinungsdatum: 19.06.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783857879050
    Verlag: Lenos Verlag
    Übersetzt von: Übersetzung: Renschler, Regula
    Größe: 3156kBytes
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Die Engel von Sidi Moumen

3

Nabîl hatte dunkelblonde Haare und helle Augen. Eigentlich müsste seine Wiege anderswo gestanden haben. Er glich uns überhaupt nicht. Wenn er an Festtagen seine Lumpen auszog, hätte jeder geschworen, dass er aus der anderen Welt stammte. Ein umgekehrt Illegaler; einer dieser Christenmenschen aus dem Norden, die nach Art der Hippies ein wenig an unserer Armut nippen wollen. Nabîl aber war wirklich einer der Unsrigen. Wir waren auf demselben Mist gross geworden, hatten uns im gleichen Dreck gewälzt. Seine Schönheit hatte er von seiner Mutter, Tamu, einer Prostituierten, die sich entschieden hatte, ihre Reize den Nichtstuern von Sidi Moumen anzubieten; eine Pasionaria des billigen Sex. Mit ihren fast kommunistischen Tarifen war sie durchdrungen von der Mission eines Service public. Tamu wurde grosser Respekt entgegengebracht, in unserem Viertel und auch in den benachbarten Bidonvilles. Nicht wenige meinten, sie könnte, wenn sie sich besser zurechtmachen würde, ihr Gewerbe ohne weiteres überall ausüben, sogar in den Vierteln der Reichen. Ihr heiteres Gesicht mit den Goldzähnen strahlte einen herzhaften Charme aus, und ihre in Seidendschellabas eingehüllten achtzig Kilo milchweisses Fleisch machten die Männer verrückt, wenn sie vorüberging. Sie trat auch manchmal als Sängerin bei Zeremonien auf, wenn Hochzeiten, Beschneidungen oder Namensgebungen 2 gefeiert wurden. So kam es, dass die Frauen der Cité ihre Dienste in Anspruch nahmen, obwohl sie ihr immer auch ein wenig misstrauten. Tamu war nicht im mindesten nachtragend, sie war sich ihrer Talente bewusst und bot ihr Können auch in den armseligsten Behausungen gerne an. Wie keine Zweite konnte sie eine Soiree auf Touren bringen. Mit Leib und Seele stürzte sie sich ins Festgetümmel, tanzte und wiegte sich mit ihrem Tamburin im Arm in den Hüften, als stünde sie unter Strom. Sie flirtete mit den Augen wie die indischen Tänzerinnen, und die Herzen der Männer flogen ihr zu. Ihre hohe Stimme tönte aus den Lautsprechern, die auf dem Dach montiert waren und das Glück in die umliegenden Baracken trugen.

Nabîl lebte allein mit seiner Mutter in einer abgelegenen Hütte in der Nähe des öffentlichen Brunnens. Tagsüber musste er draussen bleiben, denn zu Hause empfing seine Mutter ihre Kunden. Aus diesem Grund gehörte er zu den Ersten, die am Morgen auf der Deponie aufkreuzten, und er verliess sie erst bei Anbruch der Dämmerung. Er arbeitete für Hâmid, der ihn gut behandelte und auch beschützte. Wehe dem, der es gewagt hätte, ihn den Sohn einer Hure zu nennen! Hâmid, der schnelle Fäuste hatte, bestrafte den Schuldigen auf der Stelle. Nach Murâds Verschwinden wurden Nabîl und ich unzertrennlich. Manchmal half ich ihm auf der Deponie beim Suchen nach Knochen, Glas und Metallstücken. Ich stöberte nach Hörnern von Schafböcken, die im Suk, wo man Kämme aus ihnen machte, sehr gefragt waren. Ich hatte es auch übernommen, den Gummimantel von den elektrischen Kabeln abzulösen, um das Kupfer zu gewinnen. Wenn er mir sein Taschenmesser lieh, schaffte ich zehn Drahtrollen pro Tag. Nabîl musste drei Jutesäcke füllen, die ihm mein Bruder am Morgen gab. Er entledigte sich seiner Arbeit stets mit links; ob es regnete oder stürmte, am Abend waren die Säcke gefüllt und ordnungsgemäss zugebunden. Eingesammelt wurden sie von einem einäugigen Alten mit einer Holzkarre, die von einem spindeldürren Maultier gezogen wurde. Hâmid nahm sich nicht einmal die Mühe nachzusehen, ob Nabîl seine Arbeit gut gemacht hatte. Er vertraute ihm. Nabîl schummle nicht, meinte er, im Unterschied zu den übrigen Schlingeln, die sich vor der Arbeit drückten und ihre Zeit mit Leimschnüffeln verbrachten. Obwohl Nabîl mehr verdiente als die anderen, hinderte ihn seine Freigebigkeit daran, etwas zurückzulegen. Immer wieder teilte er sein Essen mit mir, eine Büchse Sardinen, ein Brot und eine grosse Flasche Coca-Cola. Wir machten es uns in dem Unterschlupf bequem, den er

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