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Die Entdeckung der Langsamkeit Roman von Nadolny, Sten (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.07.2012
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Die Entdeckung der Langsamkeit

Seit seiner Kindheit träumt John Franklin davon, zur See zu fahren, obwohl er dafür denkbar ungeeignet ist, denn in allem, was er tut, ist er extrem langsam. Doch was er einmal erfaßt hat, vergißt er nicht mehr. Er geht zur Marine und erlebt den Krieg. Insgeheim aber träumt er von friedlichen Fahrten auf See und von der Entdeckung der legendären Nordwestpassage. Als Kommandant eines Schiffes begibt er sich auf die Suche ... Sten Nadolnys vielfach preisgekrönter Bestseller ist auf den ersten Blick zugleich ein Seefahrerroman, ein Roman über das Abenteuer und die Sehnsucht danach und ein Entwicklungsroman. Doch hat Sten Nadolny die Biografie des englischen Seefahrers und Nordpolforschers John Franklin (1786-1847) zu einer subtilen Studie über die Zeit umgeschrieben.

Sten Nadolny, geboren 1942 in Zehdenick an der Havel, lebt in Berlin und am Chiemsee. Für sein Werk wurde er unter anderen mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 1980, dem Hans-Fallada-Preis 1985, dem Premio Vallombrosa 1986, dem Ernst-Hoferichter-Preis 1995 und dem Weilheimer Literaturpreis 2010 ausgezeichnet. Nach seinem literarischen Debüt "Netzkarte" erschien 1983 der Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit", der in alle Weltsprachen übersetzt wurde, und inzwischen zum modernen Klassiker der deutschsprachigen Literatur geworden ist. Danach veröffentlichte Sten Nadolny die Romane "Selim oder Die Gabe der Rede", "Ein Gott der Frechheit", "Er oder ich", den "Ullsteinroman" und zuletzt der gemeinsam mit Jens Sparschuh verfasste Gesprächsband "Putz- und Flickstunde". Für seinen Familienroman "Weitlings Sommerfrische" bekam er 2012 den Buchpreis der Stiftung Ravensburger Verlag.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 384
    Erscheinungsdatum: 17.07.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492957939
    Verlag: Piper
    Größe: 2369kBytes
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Die Entdeckung der Langsamkeit

Erstes Kapitel Das Dorf John Franklin war schon zehn Jahre alt und noch immer so langsam, daß er keinen Ball fangen konnte. Er hielt für die anderen die Schnur. Vom tiefsten Ast des Baums reichte sie herüber bis in seine emporgestreckte Hand. Er hielt sie so gut wie der Baum, er senkte den Arm nicht vor dem Ende des Spiels. Als Schnurhalter war er geeignet wie kein anderes Kind in Spilsby oder sogar in Lincolnshire. Aus dem Fenster des Rathauses sah der Schreiber herüber. Sein Blick schien anerkennend. Vielleicht war in ganz England keiner, der eine Stunde und länger nur stehen und eine Schnur halten konnte. Er stand so ruhig wie ein Grabkreuz, ragte wie ein Denkmal. "Wie eine Vogelscheuche!" sagte Tom Barker. Dem Spiel konnte John nicht folgen, also nicht Schiedsrichter sein. Er sah nicht genau, wann der Ball die Erde berührte. Er wußte nicht, ob es wirklich der Ball war, was gerade einer fing, oder ob der, bei dem er landete, ihn fing oder nur die Hände hinhielt. Er beobachtete Tom Barker. Wie ging denn das Fangen? Wenn Tom den Ball längst nicht mehr hatte, wußte John: das Entscheidende hatte er wieder nicht gesehen. Fangen, das würde nie einer besser können als Tom, der sah alles in einer Sekunde und bewegte sich ganz ohne Stocken, fehlerlos. Jetzt hatte John eine Schliere im Auge. Blickte er zum Kamin des Hotels, dann saß sie in dessen oberstem Fenster. Stellte er den Blick aufs Fensterkreuz ein, dann rutschte sie herunter auf das Hotelschild. So zuckte sie vor seinem Blick her immer weiter nach unten, folgte aber höhnisch wieder hinauf, wenn er in den Himmel sah. Morgen würden sie zum Pferdemarkt nach Horncastle fahren, er fing schon an sich zu freuen, er kannte die Fahrt. Wenn die Kutsche aus dem Dorf fuhr, flimmerte erst die Kirchhofsmauer vorbei, dann kamen die Hütten des Armenlandes Ing Ming, davor Frauen ohne Hüte, nur mit Kopftüchern. Die Hunde waren dort mager, bei den Menschen sah man es nicht, die hatten etwas an. Sherard würde vor der Tür stehen und winken. Später dann das Gehöft mit der rosenbewachsenen Wand und dem Kettenhund, der seine eigene Hütte hinter sich herschleifte. Dann die lange Hecke mit den zwei Enden, dem sanften und dem scharfen. Das sanfte lag von der Straße entfernt, man sah es lang kommen und lang gehen. Das scharfe, dicht am Straßenrand, hackte einmal durchs Bild wie die Schneide einer Axt. Das war das Erstaunliche: in dichter Nähe funkelte und hüpfte es, Zaunpfähle, Blumen, Zweige. Weiter hinten gab es Kühe, Strohdächer und Waldhügel, da hatte das Erscheinen und Verschwinden schon einen feierlichen und beruhigenden Rhythmus. Die fernsten Berge aber waren wie er selbst, sie standen einfach da und schauten. Auf die Pferde freute er sich weniger, aber auf Menschen, die er kannte, sogar auf den Wirt des Red Lion in Baumher. Dort pflegten sie haltzumachen, Vater wollte zum Wirt an die Theke. Da kam dann etwas Gelbes im hohen Glas, Gift für Vaters Beine, der Wirt reichte es herüber mit seinem schrecklichen Blick. Das Getränk hieß Luther und Calvin. John hatte keine Angst vor finsteren Gesichtern, wenn sie nur so blieben und ihre Mienen nicht auf unerklärliche Weise rasch wechselten. Jetzt hörte John das Wort "schläft" sagen und erkannte vor sich Tom Barker. Schlafen? Sein Arm war unverändert, die Schnur gespannt, was konnte Tom auszusetzen haben? Das Spiel ging weiter, John hatte nichts verstanden. Alles war etwas zu schnell, das Spiel, das Sprechen der anderen, das Treiben auf der Straße vor dem Rathaus. Es war auch ein unruhiger Tag. Eben wurlte die Jagdgesellschaft von Lord Willoughby vorbei, rote Röcke, nervöse Pferde, braungefleckte Hunde mit tanzenden Ruten, ein großes Gebelfer. Was hatte nur der Lord von so viel Wirbel? Ferner gab es wenigstens fünfzehn Hühner hier auf dem Platz, und Hühner waren nicht angenehm. Sie suchten dem Auge auf plumpe Art Streiche zu spielen. Regungslos standen sie da, kratzten dann, pickten, erstarrten wieder, als hä

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