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Die entwendete Handschrift Roman von Alioth, Gabrielle (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 05.04.2016
  • Verlag: Lenos Verlag
eBook (ePUB)
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Die entwendete Handschrift

Im Konstanzer Inselhotel wird der angesehene Mittelalterhistoriker Richard Merak tot aufgefunden. Er hätte den Hauptvortrag am Kongress zum 600-jährigen Jubiläum des Konzils von Konstanz halten sollen. Seine Beerdigung bringt Laura nach fünf Jahren in ihre Heimatstadt Basel zurück und zwingt sie, sich noch einmal mit ihrem früheren Leben als Meraks Ehefrau und dem selbstbezogenen Basler Patriziat auseinanderzusetzen. Dabei stößt sie auf Widersprüche zwischen der wissenschaftlichen Arbeit ihres Mannes und den Erkenntnissen seines erfolglosen Rivalen Hans Peterson, der einige Monate zuvor im Rhein ertrunken ist. Laura beginnt den Gründen für die unterschiedlichen Einschätzungen nachzuspüren und kommt bald zum Schluss, dass zwischen dem Dissens und dem Tod der beiden Historiker eine Verbindung bestehen muss. Sie verfängt sich in einem Netz von Heimlichkeiten und wird selbst zur Verdächtigen.

Gabrielle Alioth, geboren 1955 in Basel, war als Konjunkturforscherin und Übersetzerin tätig, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. 1990 publizierte sie ihren ersten, preisgekrönten Roman 'Der Narr'. Es folgten zahlreiche weitere Romane, Kurzgeschichten, Essays sowie mehrere Reisebücher und Theaterstücke. Daneben ist sie journalistisch tätig und unterrichtet an der Hochschule Luzern. Seit 1984 lebt Gabrielle Alioth in Irland. www.gabriellealioth.com.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 05.04.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783857879487
    Verlag: Lenos Verlag
    Größe: 1970 kBytes
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Die entwendete Handschrift

Basel, 22. April 2015

Als sie den Rhein überqueren, blickt Laura unwillkürlich nach rechts. Die Türme des Basler Münsters sind kleiner als in ihrer Erinnerung. Sie musste dem Taxifahrer am Badischen Bahnhof den Weg erklären; er hat noch nie jemanden zum Wolfgottesacker gebracht. Nun fährt er Richtung Zürich.

"Beim Tramdepot Dreispitz", wiederholt Laura, und er wechselt die Spur. An seinem Rückspiegel baumelt ein silbernes Kettchen mit einem Ring, einer Schlange, die sich in den Schwanz beisst. Laura schaut auf die Uhr, sie ist zu spät.

Die Abdankungskapelle ist leer, als Laura sie betritt. Nur die Ausdünstungen der Trauergemeinde hängen noch in der Luft, aus Mottenschränken hervorgeholte Anzüge, englische Rasierwässer, feuchte Taschentücher. Einen Augenblick erwägt sie, ob sie sich in das aufgeschlagene Kondolenzbuch eintragen soll: Laura Merak, Ehefrau des Verstorbenen. Sie lässt ihre Reisetasche im Vorraum der Kapelle, und während sie die Allee hinuntergeht, wirft sie einen Blick auf das fotokopierte Programm, das neben dem Kondolenzbuch auflag. Air aus der Suite Nr. 3 von Johann Sebastian Bach, Begrüssung, Lebenslauf, Würdigungen, noch mehr Bach, nach dem Schlussgebet Il n'y a pas d'amour heureux von Georges Brassens. Laura zerknüllt das Blatt.

Die schwarzgekleidete Schar steht um das Familiengrab, ein Monument aus rotem Sandstein, das einem flach gedrückten Tempel gleicht. Laura erkennt Thérèse in der vordersten Reihe an ihrem pelzbesetzten Beerdigungshut. Auch die anderen Köpfe sind ihr vertraut. Sie stellt sich neben eines der Grabmäler auf der gegenüberliegenden Wegseite, einen leichtgewandeten Engel mit einem Lorbeerzweig in der Hand. Es ist ein strahlend blauer Tag, und der Frühlingswind weht die Worte des Pfarrers von ihr weg. Der Bärlauch zu Füssen des Engels duftet in der Wärme der Sonne. Nach dem Schlusssegen kommt Bewegung in die Gruppe. Thérèse tritt vor, bückt sich und wirft etwas in die frisch ausgehobene Grube, die anderen tun es ihr gleich. Nach einer Weile kann Laura die Vase neben dem Grabmal sehen: Gerberas, Richards Lieblingsblumen. In der Familie Merak hatte jeder eine Lieblingsblume, eine Lieblingsmusik, ein Lieblingsessen.

Thérèse unterhält sich mit dem Pfarrer, einige Trauergäste verabschieden sich mit bedauernden Mienen von ihr, da sie nicht am Leichenmahl teilnehmen können. Laura tritt weiter in den Schatten des Engels zurück, als sie an ihr vorbeigehen. Es sind Richards Kollegen von der Universität, Professoren für neuere Geschichte, Schweizer Geschichte, osteuropäische Geschichte.

"Laura!" Bert Grünfeld hat sie entdeckt. "Ich habe mich schon gefragt, ob du auch hier sein wirst."

Kurz darauf ist sie von Menschen umringt, manche kondolieren ihr, andere lächeln. Lauras Augen füllen sich mit Tränen. Auch in der Gruppe am Grab hat man sie bemerkt, Thérèse dreht ihr ostentativ den Rücken zu, die zwei alten Damen neben ihr tuscheln. Laura versucht, sich an ihre Namen zu erinnern, aber sie sind wie ausradiert.

Mit Bert zusammen geht sie zur Kapelle zurück. Sie hätte gern noch einen Moment an Richards Grab verweilt, aber Thérèse rührte sich nicht von der Stelle. Das Sonnenlicht scheint durch die Frühlingszweige und wirft ein Geflecht von Schatten auf die Gräber. Hier bestatten die alteingesessenen Basler ihre Toten, und die Beschriftungen der Steine lesen sich wie eine Geschichte der Stadt.

Berts schwarzer Anzug knistert, in dem grauseidenen Schal, den er um den Hals trägt, steckt eine Perle. Er erzählt von Richards Projekten am Zentrum für Renaissanceforschung. "Es tut mir wirklich leid", unterbricht er sich.

"Wir waren getrennt."

Bert seufzt. "Ich dachte stets, ihr seid das ideale Paar." Hinter dem exakten Baseldeutsch ist noch immer seine Innerschweizer Herkunft zu hören.

"Das dachten viele."

Laura fährt mit dem Tram zum Bahnhof S

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