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Die Fabeln von der Begegnung von Strauß, Botho (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 22.07.2019
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Die Fabeln von der Begegnung

Neue Geschichten von Botho Strauß, dem bedeutendsten Physiognomiker der Literatur in Deutschland. In seinen hellsichtigen Erzählungen, Wahrnehmungen und Überlegungen geht es immer um den einen, einzigen Augenblick, in dem sich das Leben ändert, die Liebe sich auflöst, die scheinbar stabilen Zusammenhänge verschwimmen. Unter dem Vergrößerungsglas seines tief eindringenden Blicks wird dieser Augenblick festgehalten. Das hat zumeist unheimliche Konsequenzen. Denn wenn es auch von außen so aussieht, als würden 'die Sinne sich wieder aufrichten wie Gras, das man eine Zeitlang niedergetrampelt hat', so bleiben doch winzige Narben zurück, die sich in der Zeit zu seelischen Katastrophen addieren. Botho Strauß, 1944 in Naumburg/Saale geboren, lebt in der Uckermark. Bei Hanser veröffentlichte er neben einer vierbändigen Werkausgabe seiner Stücke zuletzt die Prosabände Mikado (2006), Die Unbeholfenen (Bewußtseinsnovelle, 2007), Vom Aufenthalt (2009), Sie/Er (Erzählungen, 2012), Der Aufstand gegen die sekundäre Welt (Aufsätze, 2012), Die Fabeln von der Begegnung (2013), Kongress (Die Kette der Demütigungen, 2013), Allein mit allen (Gedankenbuch, 2014), Herkunft (2014) und Oniritti Höhlenbilder (2016). Im Herbst 2019 erscheint von ihm zu oft umsonst gelächelt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 248
    Erscheinungsdatum: 22.07.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446266360
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 1819 kBytes
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Die Fabeln von der Begegnung

In diesem Fall hieß ich Toss und war zunächst der Typ von Mann, der auf Empfängen an der Wand lehnt und von den meisten Frauen unwillkürlich als eine Art Ablage benutzt wird. Sie stecken ihm eine zusammengerollte Zeitung zwischen Arm und Brust, da sie das Blatt gerade bei einer Begrüßung behindert. Sie lassen ihn einen Kaffeebecher halten - immer nur vorübergehend! -, wenn sie sich bücken und an einer Schließe ihres Schuhs hantieren. Sie schieben ihm einen Bleistift hinters Ohr, mit dem sie gerade die Telefonnummer einer wichtigen neuen Bekanntschaft notierten. Ja, sie stecken ihm sogar ihre Zigarette - vorübergehend - in den Mund, wenn unversehens der Mann auftaucht, der sie nicht rauchen sehen soll. Aber sie legen ihm auch vertraulich ein Plaid über die Schulter, wenn ihnen im Saal zu heiß wird, und hoffen darauf, daß er's ihnen nachträgt, ja, sie kosten schon vor die passenden Worte, mit denen sie sich später bei ihm bedanken und irgendwie erkenntlich zeigen werden.

So war mein Empfinden, solange ich als stille Ablage diente. Später, wenn ich mich dann im Kreis der Gäste bewegte, war ich oft bis zur Blödigkeit geniert.

Auf jeden ging ich zu mit zum Wangenkuß geschürzten Lippen, erzwang ihn auch dort, wo man mir nur eine leblose Rechte hinhielt. Mein Gott! Ich bin ein für allemal fertig mit dergleichen Geselligkeiten - man soll mich nicht länger mit Leuten quälen! Es geht doch nur schief, schon beim ersten Schritt auf sie zu vergreife ich mich in den Konventionen.

Herr Toss war also ein Gimpel der gewöhnlichsten Umgangsformen. Einer, der zu jedem Menschen schon bei der ersten Begrüßung sagte: "Ich habe mir immer gewünscht, näher mit Ihnen in Kontakt zu treten." Dieser Satz wurde von einem prüfenden Blick begleitet und im Tonfall eines strengen Prinzipienmeisters vorgebracht. Den einen schien es, als wäre Herr Toss ein homme isolé und in seiner weltweiten Einsamkeit ein wenig affig geworden und hätte sonderbare Allüren angenommen. Bei manchen hingegen weckte er die Vorstellung, aus einem Jenseits voll schicklichen Benehmens herabgestürzt zu sein unter die ungeschliffenen Gesellschaftsmenschen von heute. Denn es schien unter ihnen ein galanter Tor zu wandeln, ein linkischer Gast, der die reicheren, jedoch beim Sturz zerbrochenen Manieren besaß.

Vielleicht befand er sich aber auch erst kurz vor dem eigentlichen und endgültigen Sturz. Jedenfalls geriet er, sobald sich ein Gegenüber fand, das ihm vielleicht nur eine belanglose Frage stellte, sogleich unter den Drang, seine ganze Seele zu enblößen. Es ging so weit, daß er sich in ungeheure (und das heißt: seinem wehrlosen Gegenüber nicht geheure) aufrichtige Bekenntnisse steigerte, sein Innerstes billig verschleuderte, wobei allerdings nicht selten das eine Bekenntnis Sturm lief gegen ein anderes, gerade zuvor von ihm abgelegtes.

Eigentlich dachten alle: der Mann ist gänzlich durch den Wind. Es muß ihm Schreckliches zugestoßen sein. Was in ihm vorging, drang ungebremst nach außen:

"Energetisch betrachtet, läßt sich Liebe als eine Angelegenheit von zwei Generatoren beschreiben. Man liebt eine Person und lädt sich aufgrund des körperlichen Reibungswiderstands mit einem Mehr, einem Überschuß an Begierde auf, der von denselben zweien gar nicht insgesamt verbraucht werden kann. Dies macht es fast unumgänglich, daß man sich so bald als möglich an eine dritte Person wendet, um das Zuviel bei ihr abzuführen. Mit anderen Worten: je heftiger sich zwei Liebende lieben, um so eher wird einer von ihnen, zunächst nur einer, zum Betrüger. Mit einem gewissen Recht ließe sich sogar behaupten, daß außer dem unmittelbaren Körperglück und der kurzen Selbstaufgabe darin beinah alles menschliche Liebesverhalten auf Täuschung und Scharlatanerie beruht. Man ist unweigerlich ein Scharlatan, ein Betrüger, wenn man anfängt zu lieben."

So sprach er zu dem einen, der indes nicht länger

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