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Die Familie Roman von Maier, Andreas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.06.2019
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Die Familie

Am Ende dieses Romans ist der Erzähler Andreas 28 Jahre alt und studiert in Frankfurt am Main, wo er sich unter anderem mit Wahrheitstheorien auseinandersetzt. Andreas Maier erzählt, wie es gerade die Hindernisse in seinem Leben waren, die seinen Protagonisten zu einer derart abseitigen Beschäftigung veranlassten. In seinem ironisch-komisch, zugleich Gefühle nicht aussparenden Duktus sucht er dem auf die Spur zu kommen, was ihn zur Beschäftigung mit der Unterscheidung zwischen "wahr" oder "falsch" bzw. "Lüge" beinahe unweigerlich geführt hat. Die Gründe liegen in der Kindheit: Konflikte des fünf Jahre älteren Bruders mit dem CDU-Vater: "Realpolitik" (der Vater ist Kreistagsabgeordneter) vs. einem ethisch "reinen" "Fundamentalismus" (der Bruder gründet, kaum fünfzehn, den ersten Grünen-Verband in der Stadt mit). Der Protagonist ist damals zwölf und lernt erstmals, wie offen zutage liegende Wahrheiten von engsten Verwandten dauerhaft bestritten werden. Der Schüler schaut den Diskussionen, etwa im Sozialkundeunterricht oder bei der Blockade vor dem Kasernentor, nur noch zu, ohne einzugreifen, und beginnt sie als Gesellschaftsspiel zu lesen. Für die Universität ist das eine schlechte Vorbereitung. Als Student beginnt der Protagonist zu begreifen, dass Öffentlichkeit auf Unwahrheit, Verdrängung und kollektiver Rationalisierung beruht. Der neue Roman von Andreas Maier konfrontiert den Protagonisten mit dem Riss, der die Welt durchzieht: dem Konflikt von Einzelwesen (einzelner Mensch vor Gott, vor der Wahrheit) kontra Gesellschaft (nicht wahrheitsfähig, aber dennoch genauso existent und unabänderbar). Und erste Erkenntnisse, wonach diese Dichotomie nicht zu heilen ist: dass wir in beiden Sphären existieren. Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik. Er lebte wechselweise in der Wetterau und in Südtirol. Andreas Maier lebt in Hamburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 200
    Erscheinungsdatum: 17.06.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518761236
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1836 kBytes
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Die Familie

1

D ie Familie besaß das mit Abstand größte Grundstück am Usa-Ufer. Es war so riesig, daß auf der gegenüberliegenden Straßenseite im Mühlweg mindestens zehn Häuser Platz hatten. Das Gelände maß über zweihundert Meter in der Länge und nahm fast die ganze Strecke von den Vierundzwanzig Hallen, unserem Eisenbahnviadukt, bis hin zur Barbarastraße ein. Von dem Viadukt waren wir in meiner Kindheit nur durch eine kleine Gerberei getrennt, die zwischen uns und der Bahnstrecke lag. Alles andere gehörte uns.

Die Familiensage lautete so: Die Bolls waren in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus dem Vogelsberg oder der Rhön in die Wetterau gekommen und hatten hier den Steinmetzbetrieb gegründet, der Gründer hieß Melchior Boll. Die Firma war am Usa-Ufer angesiedelt, an dem ich später aufgewachsen bin. Mein Urgroßvater Karl hatte auf dem Gelände einen großen Obstgarten, hielt dort Hühner und Ziegen, hatte zahlreiche Apfelbäume und ein riesiges Faß, aus dem er den Anwohnern Apfelwein ausschenkte. Die Nachbarn brachten ihre Gläser mit, und dann saßen sie auf Bänken im Schuppen neben dem Faß, aßen Walnüsse und tranken Süßen und im neuen Jahr den fertigen Apfelwein.

1970 zogen meine Eltern auf das Grundstück. Vorher hatten wir im Haus meiner Großeltern in Bad Nauheim gewohnt, woran ich mich allerdings nicht erinnern kann. Mein bewußtes Leben setzt mit der ersten Zeit auf dem Friedberger Grundstück ein.

Ich habe nur fragmentarische Erinnerungen an den Anfang. Die Steinwerkefirma meines Großvaters (Wilhelm), Urgroßvaters (Karl) und Ururgroßvaters (Melchior) war noch in Betrieb; unser Teil mit dem neuen Wohnhaus war von dem Firmengelände durch nichts abgegrenzt, es gab keinen Zaun, keine Mauer, nicht einmal eine optische Begrenzung, man konnte einfach über das Feld nach drüben zur Firma spazieren, ohne das Trottoir betreten zu müssen. Meistens sah ich meine Mutter in ihrem hellen Übergangsmantel hinüberlaufen, sie war zu der Zeit Direktorin der Firma, das Büro wurde von der alten Falkschen Mühle beherbergt, einem Fachwerkgebäude aus unvordenklichen Zeiten, das ebenfalls auf dem Grundstück stand und dem das Mühlrad fehlte. Es fehlte auch der Flußlauf, denn dieser war um die Jahrhundertwende verlegt worden. Die mühlradlose Mühle stand jetzt einfach an der Straße, fünf Meter von dieser entfernt. Sie war das älteste Gebäude im Viertel.

Um unser neues Haus herum befand sich ein freies Geländestück, das am Anfang noch fast unbepflanzt war, bis auf einige übriggebliebene Apfelbäume. Die Obst- und Gemüseplantagen, die laut der Familiensage Urgroßvater Karl dort gehabt haben soll, mußten offenbar alle im Zuge des Hausbaus verschwunden sein. Nun war überall bloß neuangelegte grüne Wiese.

Alles, was ich auf diesem Gelände erlebte, hatte für mich mythische Züge und kam mir vielfach vergrößert vor. Zum Beispiel grub mein Vater mit ein paar Leuten eines Tages eine Grube von vielleicht zwei oder drei Metern Länge, mehr als einem Meter Breite, und in die Tiefe ging es ebenfalls einen Meter. Wozu diese Grube diente, weiß ich nicht mehr, aber für uns Kinder war sie tagelang eine urtümliche Behausung, wir überdachten sie, legten Decken hinein, fantasierten Abenteuer ... Wie andere ihre Baumhäuser bestiegen, kletterten wir in jene Grube hinab. Vor allem war es abenteuerlich, in diese Grube hinunterzugelangen, denn für mich war sie immens tief. Auch das Herauskommen war nicht einfach, ich mußte immer auf etwas hinaufklettern, und meistens zog mich irgendwer nach oben. Es muß die früheste Zeit im Mühlweg gewesen sein, bevor mich die große Angst befiel, die mich dann meine ganze Kindheit über weitgehend von meiner Umwelt (und solchen Grubenabenteuern) fernhielt.

Vielleicht war ich damals noch frei für Eindrücke, und der Grubenaufenthalt bedeutete für mich den ersten Eindruck von "unter der Erde sein". Ich hatte mit Sicherheit keine Assoziation mit

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