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Die flüsternden Seelen Roman von Mankell, Henning (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.04.2014
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag
eBook (ePUB)
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Die flüsternden Seelen

Felisberto, ein alter Schwarzer, sitzt am Feuer und erzählt von seiner weitverzweigten Familie: von der über dreihundert Jahre alten Stammesmutter Samima, die zwar tot ist, aber als lebender Geist bei ihren Nachfahren äußerst gegenwärtig. Von Zeca, dem Hinkenden, der einen Pfeil zu schmieden vermag, mit dem man sogar den Teufel töten kann. Aber Felisberto erzählt auch von weißen Menschen. Von Dom Estefano und Dona Elvira zum Beispiel, deren Diener er war, und von dem Klavier, das verlassen am Hafen stand und eines Nachts von ganz allein zu spielen begann. Eine große Erzählung des Afrika-Kenners Henning Mankell von afrikanischen Menschen und ihrer Begegnung mit den Europäern, im Grenzbereich zwischen Traum und Realität, Mythos und politischer Geschichte. Henning Mankell, geboren 1948 in Stockholm und aufgewachsen in Härjedalen, lebte als Theaterregisseur und Autor in Schweden und Maputo (Mosambik). Seine Romane um Kommissar Wallander sind internationale Bestseller. Zuletzt erschienen bei Zsolnay 'Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein' (2015), die Neuausgabe von 'Die italienischen Schuhe' (Roman, 2016), 'Die schwedischen Gummistiefel' (Roman, 2016) und der frühe Afrika-Roman 'Der Sandmaler' (2017). Im Herbst 2018 erscheint sein allererster Roman, 'Der Sprengmeister'.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 17.04.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783552057029
    Verlag: Paul Zsolnay Verlag
    Originaltitel: Berättelse pa tidens
    Größe: 1365 kBytes
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Die flüsternden Seelen

5.

In einer Nacht außerhalb von Umbeluzi bot ein Mann den Vorübergehenden seine Augen dar. Er hieß Felisberto, und sein Lächeln glänzte in der tropischen Dunkelheit.

Er streckte seine Hände aus, aber nicht, um zu bekommen, sondern um zu geben. Ein Mann, der die ganze Zeit unerreichbar schien, aber trotzdem ganz nah.

So empfing er mich und ließ mich sein Gesicht sehen.

In einem Märchen ganz ohne Worte erzählte dieser Mann, der so alt war, daß er vielleicht schon tot war, die Geschichte, von der ich erst im nachhinein begriff, daß es meine eigene war, das Märchen von mir selbst.

Vielleicht ist Afrika das Ich aller, ein Ursprung und ein Traum?

In Afrika sah ich nie jemanden auf einen Bus warten, von dem keiner wußte, ob er kommen würde. Die Reise unternahm man trotzdem, entlang unsichtbarer innerer Wege, in Fahrzeugen, die an bunte Insekten erinnerten.

Als der Bus schließlich doch kam, war man wieder da und machte entzückt diese Reise aufs neue, in einer Wirklichkeit, in der auch ich existierte.

In Afrika sah ich nie jemanden aus Trauer weinen, ohne daß da auch ein Haß glühte.

Ein Lächeln war immer zu haben, kostete nichts, wurde mit einer Großzügigkeit verschenkt, die ich nicht für möglich gehalten hätte.

In Afrika lernte ich, daß man eine Heimkehr an einen Ort erleben kann, an dem man nie zuvor gewesen ist.

Neben den großen Flüssen, Sambesi, Kongo und Rovuma, sah ich auch immer das dunkle Wasser des Ljusnan.

Flüsse sind wie Geschwister, getrennt, aber doch aus derselben Quelle geboren.

In Afrika findet man schließlich seine eigene Identität, wenn man zu der heimlichen Unterströmung vorgedrungen ist, die alle Quellen verbindet.

In Afrika wandte sich das Leben zur Erde, zu den schon Toten, damit die Zukunft sichtbar wurde.

Die Menschen ritzten Karten und Erinnerungen in ihre Haut, und sie lächelten, als wüßten sie, daß Blicke die eigentliche Sprache sind.

In Afrika sah man verwundert diese Weißen an, die Angst vor der Angst selbst zu haben schienen.

Diese ernsten Männer, die in endlosen Karawanen hinauszogen und bereit waren, Menschen zu unterwerfen, die nicht einmal wußten, daß es zur Freiheit ein Gegenteil gibt.

Die Weißen schleppten ihre Teegeschirre in den Dschungel hinaus, und in der Dämmerung nahmen sie ein Bad, zogen sich um und ließen sich dann an gedeckten Tischen nieder.

Die Träger hockten in einigem Abstand an ihren Feuern.

Jenseits der bevorstehenden Zeitalter.

In Afrika begegnete ich Menschen, die mich an die Alten erinnerten. Diejenigen, die in einem norrländischen Marktflecken im Altersheim wohnten. Diejenigen, die längst tot waren, die ich aber als Kind gesehen hatte.

Sie spielten leichthin mit ihren letzten Atemzügen, wie Federn auf einem unsichtbaren Wind treibend.

Zu sterben, das war, als kehre man nach einem Ausflug zurück. Zu dem Leben, das es da gab, dem Leben unter den schon Toten.

In Afrika hörte man immer Gelächter, das in der Nacht abhob und den Himmel mit flatternden Flügeln erfüllte.

In Afrika war der Mensch plötzlich da, ausgebrochen aus den kalten Zeiten der Ideologie, genau wie er gemeint war.

In Afrika ist das Leben noch möglich.

Der alte Mann in der Dunkelheit außerhalb von Umbeluzi erzählte das mit seinem Schweigen. Indem ich sein Gesicht sah, konnte ich die flüsternde Stimme des Kontinents hören. Eine rauhe Stimme, aber auch das Wimmern eines Neugeborenen und der lockende Laut einer jungen Frau.

Dies war die Geschichte, die Felisberto er

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