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Die Frau des Obersts Roman von Liksom, Rosa (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 24.02.2020
  • Verlag: Penguin Verlag
eBook (ePUB)
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Die Frau des Obersts

Die grausame Verbindung von Ideologie und Liebe In einer Nacht lässt eine Frau ihr langes Leben in einem Dorf im Norden Finnlands Revue passieren. Schon mit vier Jahren schien ihr Schicksal besiegelt zu sein, als sie im Haus der Eltern den Oberst kennenlernt, ihren späteren Ehemann. Achtundzwanzig Jahre älter als sie, macht er aus ihr eine glühende Nationalsozialistin. Beide verehren sie Hitler, und mit seinen Erfolgen wächst ihre alles verzehrende Liebe zueinander. Doch mit dem Fall Nazideutschlands zieht die Gewalt in die Ehe ein - und sie muss alle Kräfte aufbieten, um sich zu befreien, von ihrem tyrannischen Mann und den falschen Versprechungen. "Die Frau des Obersts" ist ein messerscharfes, unerbittliches Zeugnis über die Allmacht der ideologischen Verblendung, über Abhängigkeit und Unterwerfung und die Kraft der wahren Liebe. Rosa Liksom, 1958 in Nordfinnland geboren, lebt heute in Helsinki und hat lange Zeit im Ausland verbracht (u.a. in der Sowjetunion, Dänemark und den USA). Sie studierte Anthropologie, arbeitete in den unterschiedlichsten Jobs und debütierte 1985 mit Kurzgeschichten, die in viele Sprachen übersetzt wurden. Ihr erster Roman ist 1999 unter dem Titel 'Crazeland' auch auf Deutsch erschienen. 'Abteil Nr. 6' ist ihr dritter Roman, er wurde 2011 mit dem wichtigsten finnischen Literaturpreis ausgezeichnet, dem Finlandia-Preis, und ist mit 100.000 verkauften Exemplaren in ihrem Heimatland ein Bestseller. Neben dem literarischen Schreiben verfolgt Rosa Liksom eine künstlerische Karriere und malt, macht Comics und Kurzfilme.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 24.02.2020
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641241742
    Verlag: Penguin Verlag
    Originaltitel: Everstinna
    Größe: 1075 kBytes
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Die Frau des Obersts

Das Sommerlager der Lottas stand an. Ich fuhr mit dem Bus nach Kittilä und wanderte mit meinen Siebensachen tief in den Wald hinein bis zu einer Heide zwischen einer Flussschleife und einem See. Mehrere Mädels und Frauen waren dort schon bei der Arbeit, und ich machte mich mit den anderen daran, das Lager aufzubauen. Ein Stück weiter südlich lag ein Teich, der im Eiltempo von Moos erobert wurde, und im Norden ein hübscher, stiller Wildmarksee mit klarem Wasser und einem sandigen Südufer. Mich im Wald herumzutreiben war mir sehr vertraut. Mein Vater hatte sich in Deutschland für die Pfadfinderbewegung begeistert, das Ganze nach Rovaniemi mitgebracht und mich mit sieben Jahren zu den Pfadfindermädchen mitgenommen. Bei den Wölflingen lernte ich, was ein anständiger Mensch ist: zuverlässig, hilfsbereit, wohlerzogen, gehorsam, pflichtbewusst, arbeitsam, mutig und patriotisch.

Trotz all der hehren Lehren prügelten wir uns, piesackten uns gegenseitig, ärgerten die Kleineren und lernten zu leben. Weil ich eine eifrige Pfadfinderin war, durfte ich mehrmals zum Sommerlager nach Deutschland und lernte so auch die deutsche Sprache. Juden raus! Wie schön das damals in meinen Ohren klang - und wie schlimm es jetzt klingt. Wir Mädchen der Familie waren außer Pfadfinderinnen auch kleine Lottas, und zwar schon zehn Jahre bevor die eigentliche Kleine-Lotta-Organisation gegründet wurde. Unsere Familie hatte der Weißen Garde angehört und war ein Vorbild für alle Finnen.

Bei den Kleinen Lottas lernte ich, wie man einen Tisch deckt und Spitzendeckchen häkelt. Nach dem Befreiungskrieg achtzehn sammelten wir Knochen für die Seifenherstellung und Löwenzahnwurzeln als Kaffee-Ersatz. Ich klaubte überdies Zapfen zusammen, und zwar so viele, dass ich einen Stern an die Brust meines Lottakleids bekam. Die Kleider habe ich alle aufgehoben, obwohl nach dem Friedensschluss der Befehl erging, sie zu vernichten. Stattdessen habe ich sie ganz zuunterst in die Aussteuertruhe gestopft, die drüben in der Bettkammer in der Ecke steht.

Im Lager von Kittilä war die Frau des Propstes unsere Lottageneralin. Sie war fürsorglich, scharfsinnig, sorgfältig und genau, stellte sich immer auf die Seite des Lebens und gegen den Tod und war so gesehen Pazifistin. Sie brachte uns bei, wie man guten Kaffee kocht, wie man tausend Mann auf einen Schlag verproviantiert, wie man Verwundeten medizinische Hilfe leistet, wie man Geld für die Weißen Truppen sammelt. Ich lernte, dass eine Frau fleißig bis zur Selbstaufopferung und gehorsam sein und sich gründlich auf ihr künftiges Los als Soldatenmutter vorbereiten muss. Dass zum Mannsein ein Stück Tyrannei gehört und dass der Mann der Frau moralisch überlegen sein soll, dass die Liebe ein Kampf ist, der aufseiten des Mannes mit Hass anfängt und mit dem moralischen Sieg des Mannes aufhört, und dass die Frau lernen muss, das zu akzeptieren und den Mann trotzdem in aller Unschuld und Reinheit zu lieben.

Eines Tages hatten wir im Lager ein paar Stunden frei und durften machen, was wir wollten. Manche lasen in der Bibel, andere sangen Kirchenlieder, wieder andere spielten Nachlaufen. Ich spazierte zum nächstgelegenen Sumpfmoor, um zu sehen, was für ein Moltebeerenjahr es werden würde. Ob die Moltebeeren schon blühten. Ich schob mich gerade durchs Erlengestrüpp, als der trockene Heideboden unter meinen Füßen nachgab und die ganze Welt schwankte, als säße ich in einem Schaukelstuhl. Vor meinen Augen tat sich ein schrecklich schöner, weiter Sumpf auf. Wie ein Reh sprang ich von einem Bleichmoosfloß zum nächsten und kreischte wie eine Fanatikerin. Mein Gehüpfe rührte das Wasser auf, und dadurch entstiegen den Tiefen der Erde solche Gerüche und Gase, dass ich mich am Ast einer Krüppelkiefer festhalten musste, um nicht ohnmächtig zu werden. Verschiedenste Farben flimmerten in meinem Kopf, ich sah Lichter und Schatten in allen erdenklichen Spiegelungen. Kiefern mit braunen Stämmen ra

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