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Die ganze Geschichte und andere Geschichten von Smith, Ali (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.05.2018
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Die ganze Geschichte und andere Geschichten

Kann man jemals die ganze Geschichte kennen? Oder auch nur einen Teil davon richtig? Oder gar herausfinden, was das alles bedeutet? Witzig und subversiv, spielerisch und phantasievoll zeigt die Sprachakrobatin Ali Smith, wozu Geschichten fähig sind. Sie erzählt von Bäumen und Büchern, Fliegen und Ungeheuern, von Sex, Kunst, Rausch und Liebe, sie stellt den Alltag auf den Kopf und macht das Bizarre normal. In zwölf Geschichten nimmt sie uns mit auf eine verblüffende Reise durch ein ganzes Jahr, von Februar bis Januar, bis der Kalender eine ganz neue Bedeutung gewinnt. So raffiniert, so schockierend, so vergnüglich kann Erzählen sein! Ali Smith wurde 1962 in Inverness in Schottland geboren und lebt in Cambridge. Sie hat mehrere Romane und Erzählbände veröffentlicht und zahlreiche Preise erhalten. Sie ist Mitglied der Royal Society of Literature und wurde 2015 zum Commander of the Order of the British Empire ernannt. Ihr Roman "Beides sein" wurde 2014 ausgezeichnet mit dem Costa Novel Award, dem Saltire Society Literary Book of the Year Award, dem Goldsmiths Prize und 2015 mit dem Baileys Women's Prize for Fiction. Mit "Herbst" kam die Autorin 2017 zum vierten Mal auf die Shortlist des Man Booker Prize.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 14.05.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641199630
    Verlag: btb
    Originaltitel: The Whole Story and other stories
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Die ganze Geschichte und andere Geschichten

Gottesgabe

Es gibt inzwischen so vieles, was du von mir nicht weißt. Zum Beispiel. Eine Katze aus der Nachbarschaft bringt mir seit mehreren Tagen Vögel, tote oder sterbende. Als ich aus Athen wieder nach Hause kam, erwarteten mich im Garten sechs übel zugerichtete tote Vögel und verschiedenes anderes Totes zwischen den gerade aufgehenden Blumen; und schon seit Wochen finde ich nun, wenn ich hinten die Tür aufmache, den Leichnam eines Vogels oder das, was davon noch übrig ist. Oder wenn hinten an der Tür nichts ist und ich zu dem kleinen Rasenstück runtergehe, weil ich mich ein bisschen sonnen will, erwartet mich da meistens eine Schweinerei aus Federn und noch mal Federn und angenagtem Vogel.

Heute Morgen zum Beispiel mache ich die Tür auf und will in den Garten, da ist der nächste Vogel auf der Fußmatte. Er lebt noch. Er liegt auf dem Rücken, die Flügel eingezogen, die Füße in der Luft, und stellt sich tot, doch mit jedem Schlag, den sein Herz tut, erschauert der ganze Körper.

Wem immer die Katze gehört, sie liebt mich oder mein Territorium heiß und innig; es werden nicht nur Vögel über meinen Grund und Boden gezerrt und zerbissen, sondern auch Schnecken und Würmer; ich habe schon Flügel von, allem Anschein nach, Spätfrühlingsschmetterlingen gefunden, die bis aufs Geäder zerkleinert waren, und einmal, mitten auf dem Weg, eine Scheibe Brot, das Endstück eines Laibs von Hovis. Dieses Geschenk muss freilich nicht unbedingt von einer Katze stammen, sondern könnte vom Himmel gefallen sein, aus einem Schnabel in meinen Garten oder aus einem Flugzeug; das logisch herzuleiten wäre aber schwieriger. Ich bin naiv, ich weiß; ich staune immer noch, wenn ich daran denke, dass menschliche Abfallprodukte im selben Moment atomisiert werden, in dem Tausende von Flugzeugen sie in den Himmel ablassen, dass der Kot und der Urin nervöser Fluggäste unbemerkt über uns zu Partikeln zersprengt werden, so winzig, dass sie fast nicht existieren, und durch all die Wolken aller Himmel weltweit zu uns herabschweben. Bei meinem Rückflug, auch zum Beispiel, spülte die Bordtoilette, die ich aufsuchte, mit so starkem Druck, dass gleich eine Menge Kabinenluft mit hinausgesaugt wurde; das hätte beängstigend sein können. Ich hatte aber keine Angst, hatte ich nie beim Fliegen, denn du hast ja nur Angst, etwas zu verlieren, wenn du etwas zu verlieren hast. Nicht du: man. Man hat nur Angst, etc.

In Griechenland habe ich Urlaub gemacht, war nur zum Vergnügen dort. Es war eine gute Idee. Ich bin allein los, ein Geschenk an mich. Als ich am ersten Tag der Woche am Strand saß, kaum zehn Minuten in der kleinen Stadt, das Gepäck neben meinen Füßen und zu viele Sachen am Leib für die Hitze, hinter mir das Stimmengewirr der Männer, die in den gängigsten Sprachen durcheinanderschrien und die Touristen zum Essen in ihren Restaurants zu animieren versuchten, sah ich den über die ganze Mauer bis zum Leuchtturm gemalten Schriftzug, griechische Wörter, die ich nicht verstand, und dann die englischen Wörter love und you.

Am Dienstag kam ich zurück, spät. Am Mittwoch räumte ich im Garten auf, sammelte die toten Vögel mit der Schaufel ein und balancierte sie vor mir her in die Mülltonne. Am Donnerstag fand ich wieder einen, eine junge Blaumeise, für mich unter einen Strauch gelegt. Ich hob sie mit einer Plastiktüte auf, die ich mir über die Hand gestülpt hatte, damit ich den Vogel hineinbekam, ohne ihn anfassen zu müssen. Er war gerade tot, eben erst gestorben, durch die Tüte drang stoßweise Wärme an meine Hände; es war ziemlich kalt an dem Tag, hatte geregnet, und ich war überrascht gewesen, wie leicht und wie vollkommen der tote Vogel aussah, als ich ihn da in dem Schutt fand, der sich unter Sträuchern ansammelt, den sinnlosen Steinchen und den lehmigen Krumen, und wie erledigt, zusammengerollt und leer er war, die Farben noch leuchtend und die Krallen bereits umgeklappt und unbrauchbar.

Heute is

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