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Die Geflüchteten Erzählungen von Nguyen, Viet Thanh (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.10.2018
  • Verlag: Blessing
eBook (ePUB)

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Die Geflüchteten

Menschen im Transitzustand Ein junger vietnamesischer Geflüchteter gerät in den späten Siebzigerjahren in eine Schwulen-WG in San Francisco und erleidet einen profunden Kulturschock; ein dementer Physikprofessor beginnt, seine Frau mit einer Geliebten aus der alten Heimat zu verwechseln; eine junge Frau besucht ihre Halbgeschwister in Ho-Chi-Minh-Stadt und gibt vor im Einwanderungsland Amerika erfolgreicher zu sein, als sie eigentlich ist. Dieser Band versammelt acht Erzählungen über Menschen, die in den Monaten und Jahren nach dem Fall von Saigon aus Vietnam geflüchtet sind und versuchen, in Amerika eine neue Heimat zu finden. Ein fesselndes Zeugnis der universellen Erfahrung von Verlust, Flucht, Vertreibung und der Suche nach der eigenen Identität. Viet Thanh Nguyen, geboren 1971 in Südvietnam, floh nach dem Fall von Saigon 1975 mit seinen Eltern in die USA. Er studierte Anglistik und Ethnic Studies in Berkeley und arbeitet seit seiner Promotion 1997 als Hochschullehrer an der University of Southern California in Los Angeles. Für sein Romandebüt, den internationalen Bestseller "Der Sympathisant" (Blessing, 2017), erhielt er 2016 den Pulitzer-Preis und den Edgar Award.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 08.10.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641234669
    Verlag: Blessing
    Originaltitel: The Refugees
    Größe: 589 kBytes
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Die Geflüchteten

SCHWARZÄUGIGE FRAUEN

S C H W A R Z Ä U G I G E F R A U E N

D a erlangt jemand Berühmtheit. Üblicherweise eine Art Berühmtheit, wie sie sich kein zurechnungsfähiger Mensch wünschen würde - jahrelange Gefangenschaft infolge einer Entführung oder ein demütigender Sexskandal oder weil er etwas überlebt hat, was man normalerweise nicht überlebt. Diese Überlebenden brauchen jemanden, der ihnen beim Schreiben ihrer Memoiren hilft, und ihre Agenten stoßen manchmal auf mich. "Wenigstens taucht so dein Name nirgends auf", sagte meine Mutter einmal. Als ich erwiderte, dass ich gegen eine Erwähnung in den Danksagungen nichts einzuwenden hätte, sagte sie: "Ich erzähle dir jetzt mal eine Geschichte." Diese Geschichte sollte ich nun zum ersten, aber nicht zum letzten Mal hören. "In unserer Heimat", sagte sie, "gab es einen Reporter, der behauptete, die Regierung würde Menschen im Gefängnis foltern. Also macht die Regierung genau das mit ihm, von dem er behauptete, dass sie es mit anderen Menschen machen würde. Sie lassen ihn verschwinden, und er taucht nie wieder auf. Genau das passiert Schriftstellern, die ihre Namen irgendwo draufschreiben."

Als Victor Devoto sich für mich entschied, hatte ich mich schon damit abgefunden, dass mein Name nicht auf Buchumschlägen auftauchte. Sein Agent hatte ihm ein Buch gegeben, das ich als Ghostwriterin für den Vater eines Jungen geschrieben hatte, der in seiner Schule mehrere Menschen erschossen hatte. "Ich kann nachempfinden, dass der Vater sich schuldig fühlt", sagte Victor zu mir. Er war der einzige Überlebende eines Flugzeugabsturzes, bei dem einhundertdreiundsiebzig Menschen gestorben waren, darunter seine Frau und seine Kinder. Er tingelte durch die Talkshows, war dabei zwar körperlich anwesend, aber ansonsten war nicht mehr viel von ihm übrig. Er sprach mit leiser und monotoner Stimme, und in seinen Augen, wenn sie denn aufblickten, schienen sich die Silhouetten trauernder Menschen versammelt zu haben. Sein Verleger sagte, er müsse seine Geschichte unbedingt erzählen, solange das Publikum sich noch an die Tragödie erinnere. Und genau damit war ich beschäftigt an dem Tag, als mein toter Bruder zu mir zurückkehrte.

Draußen war es noch ganz dunkel, als meine Mutter mich weckte. "Keine Angst", sagte sie.

Das Licht im Flur, das durch die offene Tür hereindrang, blendete mich. "Warum sollte ich Angst haben?"

Als sie den Namen meines Bruders nannte, dachte ich nicht an meinen Bruder. Er war schon vor langer Zeit gestorben. Ich schloss die Augen und sagte, ich würde niemanden kennen, der so heißt. Aber sie ließ nicht locker. "Er ist zu Besuch gekommen", sagte sie, zog mir die Bettdecke weg und rüttelte mich an der Schulter, bis ich schließlich aufstand, die Augen noch halb geschlossen. Sie war dreiundsechzig, ab und zu verwirrt, und als sie mich ins Wohnzimmer führte und aufschrie, überraschte mich das nicht. "Genau hier hat er gestanden." Sie kniete im Baumwollpyjama neben ihrem geblümten Lehnstuhl und betastete den Teppich. "Nass." Auf allen vieren folgte sie der Spur bis zur Haustür. Ich berührte den Teppich ebenfalls, er war feucht. Einen Augenblick lang war ich verunsichert. Es war vier Uhr morgens, und eine unheilvolle Stille erfüllte das Haus. Dann hörte ich den Regen in der Dachrinne, und die Angst, die mich im Nacken gepackt hatte, lockerte ihren Griff. Meine Mutter hatte wahrscheinlich die Tür geöffnet, war nass geworden und dann wieder ins Haus gegangen. Mit der Hand am Griff kauerte sie vor der Tür. Ich kniete mich neben sie auf den Boden und sagte: "Das bildest du dir ein."

"Ich weiß, was ich gesehen habe." Sie stieß meine Hand von ihrer Schulter und stand auf. Ihre dunklen Augen funkelten vor Zorn. "Er ist hereingekommen. Er hat geredet, und er wollte dich sprechen."

"Und, Mama, wo ist er jetzt?" Sie seufzte, als sei ich diejenige, die das Offensichtliche nicht kapierte. "Er ist ein Geist

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