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Die gepflegten Neurosen der Mademoiselle Claire Roman von Bassignac, Sophie (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.06.2014
  • Verlag: btb
eBook (ePUB)
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Die gepflegten Neurosen der Mademoiselle Claire

Als die Pariserin Claire in ihre neue Wohnung zieht, stellt sie mit Entzücken fest, dass sie durch den Innenhof all ihren Nachbarn in die Wohnung blicken kann. Für die exzentrische und chronisch gelangweilte junge Frau - die sich ihre Freizeit sonst mit dem Auflisten seltener Krankheiten oder therapeutischem Sex mit ihrem Osteopathen vertreibt - ist es eine willkommene Abwechslung, ihre Nachbarn auszuspionieren. Bald kennt sie all ihre Geheimnisse, wie die antik anmutende Pistole, mit der die Concierge Madame Courtois auf der Jagd nach vermeintlichen Einbrechern durchs Haus schleicht. Doch dann zieht gegenüber der geheimnisvolle Japaner Monsieur Ishida ein, dessen Verhalten Claire Rätsel aufgibt und sie gleichzeitig fasziniert ...

Sophie Bassignac, aufgewachsen in Angers im Westen Frankreichs, lebt heute in Paris. Ihr in Deutschland zuerst erschienener Roman Vielleicht ist es Liebe wurde in Frankreich von der Kritik begeistert aufgenommen und in viele Sprachen übersetzt.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 09.06.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641130862
    Verlag: btb
    Originaltitel: Les Aquariums lumineux
    Größe: 805kBytes
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Die gepflegten Neurosen der Mademoiselle Claire

1

Der Hof des Wohnhauses glich dem Hitchcocks, doch Claire war nicht Grace Kelly. Seit vier Jahren wohnte sie nun schon in diesem alten Viertel von Paris, in dem sie sicher nicht zufällig gelandet war, und sie konnte sich nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. Dieser Hof war eine fünfstöckige viereckige Schachtel mit gepflastertem Boden. In seiner Mitte verbarg die von hohen Grünpflanzen umgebene Statue eines jungen Epheben mit Füllhorn die Mülleimer. Die Eigentümer residierten in zwanzig Wohnungen, während in den Mansardenwohnungen ein ständiges Kommen und Gehen herrschte. Eine subtile Hierarchie auf Grundlage der Tausendstelanteile erinnerte auf der jährlichen Eigentümerversammlung daran, dass, auch wenn die Wahl demokratisch blieb, die Forderungen eines jeden die Quadratmeterzahl besser nicht überstiegen. Im Winter herrschte hier himmlische Ruhe. An schönen Tagen wurden die Fenster geöffnet, und das Leben der Gemeinschaft ergoss sich ungefiltert in den Hof.

"Du machst eine Dummheit", hatte ihr Vater leise geäußert, als er, die Hände in den Taschen, die Wohnung im zweiten Stock besichtigt hatte, die hell war, obwohl sie sowohl nach Süden wie nach Norden lag. Da sie den Einfluss kannte, den dieser Mann auf sie hatte, und fest entschlossen war, diese Dreizimmerwohnung zu kaufen, hatte Claire wohlweislich keine Erklärung von ihm verlangt. Sie hatte alle Wände von einem alten ungarischen Künstler, den sie über eine Anzeige gefunden hatte, gelb streichen lassen. Ein paar Monate später war sie sehr verwirrt gewesen, als sie von seinem Tod erfahren hatte, und hatte sich wieder an diesen sympathischen Mann erinnert, der leicht spöttisch zu ihr gesagt hatte: "Wenn Sie dieses Kanariengelb einmal überhaben, streiche ich Ihnen alles in Blau oder Grün, ganz wie Sie wollen." Sie hatte an die Wohnungen gedacht, die hinter ihr lagen. Was wird aus all dem, was wir tun, nach unserem Tod?, hatte sie sich damals gefragt. Tu nichts, und du wirst nicht sterben. Lass keine Spuren zurück. Diese sehr geheimen Gedanken hatten sie allerdings nicht getröstet.

"Wirst du diesen Ort ertragen?", hatte ihre Mutter gefragt, aus dem Fenster gebeugt.

Claire hatte ihr wohlweislich verschwiegen, dass dieser Hof perfekt ihrer Vorstellung von geschlossenen Orten entsprach. Sie fügte ihn der bereits langen Liste der Gegenstände und Phobien hinzu, die sie faszinierten und zugleich erstickten. Da waren die Sulfide, die sie gerne in größerer Zahl gesammelt hätte, wenn sie die Mittel dazu gehabt hätte, und da waren die Kaleidoskope und die Plastikkugeln mit künstlichem Schnee. Diese türmten sich in vier Kartons im Keller und verloren allmählich ihr gelbliches Wasser. Und was die Phobien betraf, so pflegte sie ihre panische Angst vor dem Ertrinken, vor Tunneln, Höhlen, unterirdischen Gängen und Geisterzügen und erstickte regelmäßig nachts im Traum. Ihrer Meinung nach erklärten diese Störungen sich durch eine schwierige Geburt, einen langwierigen Austritt aus dem Mutterleib. Das Einfachste wäre gewesen, ihre Mutter zu fragen, aber sie hütete sich, dieses gefühlsmäßig hochbelastete Thema anzusprechen, und ließ die Sache daher auf sich beruhen.

Eines Morgens zog beinahe unbemerkt Monsieur Ishida ein. Innerhalb einer Stunde hatten zwei geräuschlose Möbelpacker zwanzig identische Kartons und ein paar neue Möbel in seine Wohnung hinaufgebracht. Am selben Abend beobachtete Claire, wie ihr japanischer Nachbar in seinem Wohnzimmer Tee trank, als hätte er immer schon hier gelebt. Sie fühlte sich sofort von diesem lächelnden und zuvorkommenden Mann angezogen. Sehr rasch und stillschweigend wurde er von den E

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