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Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen von Ferrero, Ernesto (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 11.02.2015
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
eBook (ePUB)
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Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen

Mit über achtzig lebt Quirina in einem Dorf in den Bergen und kommt noch gut alleine klar: mit Kreuzworträtseln und dem Studium der großen Enzyklopädie, vor allem aber der Pflege des geliebten Gartens, Urbild kosmischer Harmonie. Doch eines Morgens ist er mit Maulwurfshügeln übersät, und Quirinas geregelte Welt steht Kopf. Was soll sie tun? Plötzlich geben sich die Besucher die Klinke in die Hand, und jeder weiß guten Rat: Die Dorfbewohner kennen alte Hausmittel, die Tochter in der Stadt recherchiert im Internet und schickt ihre neurotische Katze, ja sogar der weltfremde Schwiegersohn ruft an und zitiert Beispiele aus Geschichte und Literatur. Unglaublich, wie viele kluge Köpfe sich mit dem Maulwurf beschäftigt haben: von Marx bis Shakespeare, Nietzsche und Darwin bis zu Kafka, Primo Levi und John le Carré ... Je mehr Quirina - und mit ihr der Leser - über den Quälgeist erfährt, umso interessanter wird das Tier, bis die alte Dame ihren Feind schließlich vor allzu heftigen Vernichtungsaktionen in Schutz nimmt - und schmerzlich vermisst, als die Wühlerei unvermittelt ein Ende hat. Doch wer weiß, nächstes Frühjahr ...

Ernesto Ferrero, langjähriger Cheflektor bei Einaudi und Verlagsleiter bei Garzanti und Mondadori, Autor, Übersetzer und Herausgeber, ist seit 1998 Leiter der Turiner Buchmesse. Sein Roman "N." wurde 2002 mit dem Premio Strega ausgezeichnet. Die Illustratorin Paola Mastrocola ist eine bekannte italienische Autorin philosophischer Tiergeschichten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 104
    Erscheinungsdatum: 11.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783956140389
    Verlag: Verlag Antje Kunstmann
    Größe: 1460 kBytes
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Die Geschichte von Quirina, dem Maulwurf und einem Garten in den Bergen

D as Holztürchen öffnete sich mit einem schier endlosen Klagelaut. Ich muss die Angeln ein bisschen ölen, dachte Quirina, ein solches Ächzen hört man sonst nur in Kriminalfilmen. Wenn eine Tür so knarrt und die Musik dabei anschwillt, wird gleich der Mörder aus dem Schatten treten und sich auf sein Opfer stürzen, das in panischem Schrecken verzweifelt aufschreit. Meist sieht man den Mörder nicht, die Einstellung wechselt, und in der nächsten Szene liegt das Opfer bereits grauenhaft entstellt am Boden. Quirina ließ sich nicht gern in Schrecken versetzen, nicht einmal von einem Film. Man erlebt schon genügend Schrecknisse im Alltag, und die schlimmsten sind die, die man nicht sieht. Deshalb wechselte sie das Programm, sobald eine Tür knarrte. Ein Knarren kommt nie von ungefähr, sagte sie sich. Irgendwo treibt sich da ein Mörder herum.

Vor Quirina taten sich nicht düstere Zimmerfluchten voller finsterer Bedrohungen auf, sondern ein kleiner Garten, den sie täglich liebevoll pflegte und in dem sie jeden Winkel kannte, jede Pflanze, ob groß oder klein, jedes Kleeblatt. Noch vom Tau der Nacht bedeckt lag er im Licht eines strahlenden Maimorgens. Zwei Wochen zuvor hatte es geschneit, und über den dunklen Zacken der Tannen schimmerte der Schnee auf den Bergen. Quirina kannte alle Gipfel beim Namen, als seien sie Verwandte und gehörten zu dem unübersehbaren Familienclan, der aus der glücklichen Ehe ihres Urgroßvaters Battista mit ihrer Urgroßmutter Battistina hervorgegangen war. Sie hatten zwölf Kinder gehabt, die sich ihrerseits mit dem gleichen Eifer vermehrten.

Quirina blickte sich um. Jeden Morgen prüfte sie, ob alles in Ordnung war, ob der Wind nicht die Klappstühle oder, schlimmer noch, den weißen Sonnenschirm umgeworfen hatte, den sie doch vorsichtshalber am Abend zuvor geschlossen hatte; ob die Pflanzen an ihrem Platz waren oder nicht etwa anderswohin gewandert und eine Stelle besetzt hatten, die die Ordnung störte. Denn auf Ordnung war Quirina sehr bedacht, auch im Garten: In ihren Augen war sie ein Ausdruck geistig-moralischer Disziplin.

In der Familie sprach man fast verschämt vom Gemüsegarten, als eigne sich die raue Bergwelt - bis wenige Jahrzehnte zuvor eine bitterarme Gegend hart arbeitender, kärglich lebender Bauern - nicht für die Annehmlichkeiten und Zierden eines Blumengartens. Tatsächlich aber war für Nutzpflanzen lediglich eine kleine sonnige Rabatte entlang der Mauer vorgesehen, die gegen den Nordwind schützte. Dort wuchsen Rosmarin, Salbei, Schnittlauch und Basilikum, Tomatenstauden und Bataillone von Salatköpfen und Zucchini mit ihren ausladenden Blättern. Alles Übrige war Rasenfläche, in akkurat abgezirkelter Symmetrie, unterbrochen von zwei großen Hortensien, einer japanischen Pfingstrose, einem kleinen Beet mit Zinnien und einem großen Quadrat antiker Rosen, die Quirinas Tochter Maria Piera, eine passionierte Botanikerin, besonders liebte.

Eines war sicher: Der Gemüse- oder Blumengarten sollte trotz seiner bescheidenen Ausmaße ein Gefühl für Proportionen vermitteln, für eine kosmische Harmonie, in der jedes einzelne Element seine Existenzberechtigung aus dem Zusammenleben mit den anderen bezog und erst durch diese Wechselbeziehung seine besonderen Eigenschaften entfalten konnte. So wie es eigentlich in jeder Familie und in jeder Gruppe sein sollte. In dem undurchdringlichen Chaos, in das sich die Welt verwandelt hatte, vermittelte dieser Ort ein Gefühl der Vollkommenheit und der verlorenen Ordnung. Sobald Quirina das Türchen hinter sich schloss, blieb die Welt draußen. Niemals würde sie die Zeitung, die sie abonniert hatte, und damit das tägliche Übermaß an Katastrophen, Gewalttaten und Unglücksfällen in diesen Garten mitnehmen.

Genau in der Mitte des Rasens stand der alte Birnbaum, den Quirinas Großtante Annetta vor mehr als hundert Jahren gepflanzt hatte. Gewissenhaft trug er Jahr für Jahr grüne und rote Früchte

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