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Die goldenen Jahre Roman von Eskandarian, Ali (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 09.11.2015
  • Verlag: Berlin Verlag
eBook (ePUB)
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Die goldenen Jahre

Alis Leben ist ein Tanz auf dem Vulkan. Mit seinen Freunden bewohnt er ein leerstehendes Fabrikgebäude in Brooklyn. Sie feiern gemeinsam, teilen sich Drogen und Frauen und vor allem machen sie zusammen Musik. Aber Ali, der ein paar Jahre älter ist als die anderen, weiß, dass das für ihn nicht alles sein kann. Er weiß, was Liebe ist - und was es heißt, sie wieder zu verlieren. Und er weiß, dass ihn schon die Emigration aus dem Iran, als er noch ein Kind war, für immer für ein bürgerliches Leben verdorben hat. Er beginnt zu schreiben, um herauszufinden, worum genau er eigentlich trauert. Auch weil "Die Goldenen Jahre" vom Lebensgefühl einer verlorenen Generation erzählt, hat es das Zeug zu einem Kultbuch. Es geht um Sex & Drugs & Rock'n'Roll - noch mehr aber um die Einsamkeit in der Metropole, um die Heimatlosigkeit des Emigranten, um Lust und Qual des Lebens am Limit. Der gewaltsame Tod des Autors lässt seinen stark autobiographischen Roman geradezu prophetisch wirken - aber Gänsehaut bekommt man bei der Lektüre dieses eindringlichen Manifests eines wunderbaren Künstlers in jedem Fall.

Ali Eskandarian wurde am 11. September 1978 in Florida geboren, wuchs aber in Teheran auf. Seine Familie emigrierte über Deutschland in die USA, und seine Teenagerjahre verbrachte Ali in Dallas, Texas. Immer schon suchte und fand Ali Zuflucht in Musik und Kunst. 2003 zog er nach New York. Im selben Jahr kam sein Debut-Album "Nothing to Say" bei Wildflower Records heraus. Neben seiner Solo-Karriere spielte und tourte Eskandarian mit mehreren Bands, vor allem mit der iranischen Exil-Band "The Yellow Dogs", mit denen er auch in einem Haus in East Williamsburg, einem Stadtteil von Brooklyn, lebte. Er hatte gerade die Arbeit an seinem ersten Roman abgeschlossen, als er am 10. November 2013 dem Amoklauf eines Musikerkollegen zum Opfer fiel und zusammen mit zwei Mitgliedern der Yellow Dogs in ihrem gemeinsamen Haus erschossen wurde.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 208
    Erscheinungsdatum: 09.11.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783827077974
    Verlag: Berlin Verlag
    Größe: 1374 kBytes
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Die goldenen Jahre

Manhattan

"Ich werde ganz ruhig und langsam reden, damit du alles verstehst, was ich sagen will", denke ich mir, als ich zu Mana aufsehe. Sie sitzt mir am Tisch gegenüber und blickt mir direkt in die Augen. Ihre Minestrone ist heiß und der Dampf steigt ihr ins Gesicht. Sie sitzt mit dem Rücken zum Fenster. Ich will gerade etwas sagen, aber bevor ich den Mund aufbekomme, kommt eine Harley Davidson mit orangefarbenem Benzintank an den Bordstein gedonnert, rüttelt mir das Hirn durch und wirbelt meine Gedanken durcheinander. Ich gucke dem Fahrer zu, wie er den Motor abdreht und absteigt.

"Und?", fragt Mana nach. "Was wolltest du gerade sagen ...?"

"Ach, eigentlich nichts. Klar, ein paar gab es schon. Na und? Nichts Besonderes, da gibt es eigentlich nichts zu erzählen."

Mana hatte am Morgen angerufen, ganz unerwartet, und wollte mit mir lunchen gehen. Ich sei pleite, hatte ich ihr gesagt, und sähe aus wie ein Schlafwandler. Sie sagte, ich solle duschen und mir um das Geld keine Sorgen machen. Ich freute mich und konnte ein vertrautes Gesicht gut gebrauchen.

Als ich am Union Square ankam, saß sie schon auf einer Stufe an einem der U-Bahn-Eingänge mit ihren blauen Kuppeln, und ihre großen braunen Augen leuchteten beglückt. Wir hatten uns immer hier verabredet, von Anfang an. Wir spazierten in der Kälte Richtung Süden und rauchten ihre Camel-Importzigaretten, dann suchten wir uns einen gemütlichen Laden zum Essen.

"Erzähl schon", sagt sie.

Ich fange an, meine Spaghetti dampfen, und der Duft nach Kapern und grünen Oliven versetzt mich zurück in die Zeit, als mein Vater Mitbesitzer eines italienischen Restaurants in Dallas war, des Sweet Basil Italian Ristorante an der Südostecke der Kreuzung Trinity Mills Lane und Midway Road.

"Wir können ja was trinken", platze ich plötzlich heraus.

"Ich dachte, du willst noch warten", sagt sie mit diesem süßen mütterlichen Unterton.

"Ich brauche was, damit mein Herz nicht mehr so rast", antworte ich und versuche dem Kellner zu winken.

"Und? Was war jetzt mit diesen Frauen?", sagt Mana.

Ich versuche, die Polarität des Ganzen zu erklären, so gut ich kann, und wie ungeeignet ich dafür war, auf der Fleischpiste herumzukrauchen, diesem monströsen gottverlassenen Korridor zwischen East River und Brooklyn-Queens-Expressway, voller moderner Unabhängigkeitskämpfer und Nymphen mit halbsynthetischen Seelen, Armen, Beinen, Mösen, Schwänzen und lutschbereiten Mündern, mit zinn-gepanzerten Herzen, die Nervengifte ausspien; Tausende Schwänze und Mösen im Wiegeschritt zu den Melodien von damals und heute, alles voller Körpersäfte, Schleim, Müll, Ratten, Pisse und Kotze, klebrig und geheimnislos.

Sie hört zu, isst ihre Suppe und ich merke, wie viel besser es ihr geht als nach unserer Trennung vor achtzehn Monaten. Noch nicht wieder richtig gut, aber so gut, dass sie es erträgt, wenn ich von anderen Frauen erzähle. Als sie an der Reihe ist, berichtet sie sofort von ihren gescheiterten Versuchen mit einem guten Typen. "Ganz normal", in ihren Worten. Irisch-italienische Abstammung, ein alter Schulfreund aus der Zeit an der Brooklyn Tech, Deserteur, arbeitsloser Tankwagenfahrer, der bei seinen Eltern in der Upper West Side wohnt, schwerer Trinker, Kettenraucher ... so weit, so gut.

Sie hatten sich auf einer Beerdigung wiedergetroffen, hingen zusammen ab, eines Nachts war sie auf seinem Bett eingeschlafen, und als sie gegen sieben Uhr morgens wieder wach wurde, war er im Wohnzimmer mit zwei Männerfreunden am Koksen. Eigentlich hatte er ihr geschworen, dass er keine Drogen nahm.

"Du bist wenigstens Musiker, aber er ist einfach ein arbeitsloser Trucker. Er hat eine nackte Frau im Bett liegen und kokst die ganze Nacht mit zwei Männern durch?" Vielleicht hat er damals keinen hochgekriegt, denke ich. Noch ein bisschen Märchenstunde, dann braucht sie auch was zu trinken und bestellt eine Blo

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