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Die Grammatik der Zeit von Brooks, Patricia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 15.05.2015
  • Verlag: Verlag Wortreich
eBook (ePUB)
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Die Grammatik der Zeit

'Die Straße ist leer und düster wie der Himmel. Da ist nichts. Nur ein Auto. Keine Landschaft. Spielt auch keine Rolle. Die Szene interessiert mich nicht. Ich träume. Träume Silvies Stimme... kalt und ärgerlich. Ich kann nicht verstehen, was sie sagt, verschenke den Augenblick. Das Auto entgleitet mir. Das Zeitgefüge kollabiert.'

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: AdobeDRM
    Seitenzahl: 280
    Erscheinungsdatum: 15.05.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783950399134
    Verlag: Verlag Wortreich
    Größe: 1393kBytes
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Die Grammatik der Zeit

1

D ie Straße ist leer und düster wie der Himmel. Da ist nichts. Nur ein Auto. Keine Landschaft. Spielt auch keine Rolle. Die Szene interessiert mich nicht. Ich träume. Träume Silvies Stimme... kalt und ärgerlich. Ich kann nicht verstehen, was sie sagt, verschenke den Augenblick. Das Auto entgleitet mir. Das Zeitgefüge kollabiert.

- Ich gehe, sagt Silvie.

Ich öffne die Augen. Sie steht vor mir, fertig angekleidet, Rock, Pullover, Stiefel, den Parka über den Arm geworfen. Ihre Hand liegt auf meiner Schulter. Es ist keine liebevolle Berührung, eher eine ungeduldige, das begreife ich. Ich richte mich im Bett auf und schaue auf den Wecker. So wie jeden Morgen, wenn sie sich auf den Weg zur Arbeit macht, ist es kurz nach acht.

- Und deswegen weckst du mich?

Sie nimmt die Hand von meiner Schulter und sieht mich auf eine Weise an, die mir nicht gefällt. Ich habe keine Ahnung, worum es geht, und verzettle mich damit, das bronzefarbene Glitzern in ihren Augen zu deuten. Ich finde nichts darin, das für mich spricht. Wortlos wendet sie sich um und schnappt ihren Rollkoffer. Den Koffer habe ich zuvor nicht bemerkt. Als die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fällt, ihre Schritte sich im Flur verlaufen, klingt das so wie immer. Bis auf das harte, rhythmische Klackern der Kofferrollen, das hinter ihr herläuft. Draußen ist es März und es beginnt zu regnen.

Ich gehe ins Badezimmer, pinkle, dusche und rasiere mich. Auf dem Waschbecken liegt Silvies Haarbürste, die Borsten verfilzt in einem Nest aus Staub und Fäden ihrer langen, dunklen Haare. Hat sie wohl vergessen. Ich putze die Zähne und versuche, die Bürste nicht zu beachten. In der Küche schalte ich die Kaffeemaschine ein, Silvie hat nicht einmal Kaffee getrunken, bevor sie das Haus verlassen hat. Dabei braucht sie das Koffein am Morgen, mit warmer Magermilch und Schaum. Am liebsten im Glas. Vielleicht wäre sie dann nachsichtiger mit mir gewesen. Ich stelle eine Tasse auf das Abtropfgitter und drücke die Taste. Schwarz und weich der Duft, der dem Kaffee entströmt. Riecht nach Silvie am Morgen. Es hat eine Zeit gegeben, da hat sie mich in der Früh geküsst. Ich kippe einen Schuss Milch in meinen Kaffee, kalt und aus dem Kühlschrank. Auf kindische Weise verschafft mir das eine kleine Befriedigung. Draußen vor dem Fenster fällt der Regen in dünnen Strichen. Für ein paar Sekunden verliere ich mich in diesem Flimmern und dem leisen Rauschen. Mit einem Mal wird mir klar, dass da eben etwas geschehen ist. Silvie hat mich verlassen. Seltsamerweise bin ich darüber nicht schockiert. Ich fühle mich überrumpelt. Ohne Vorwarnung in den Rücken geschossen. Aber sonst fühle ich nichts, nichts Bestimmtes. Kein Bedauern. Keinen Zorn. Keinen Schmerz. Als wäre zwischen mir und meinen Gefühlen ein Leerraum, eine weiße Zone. Der letzte Schluck Kaffee schmeckt sandig, ein Flaum von Sud schummelt sich in meinen Mund und reibt zwischen meinen Zähnen. Vielleicht sollte ich die Bohnen nicht so fein mahlen. Ich ziehe Jeans und ein schwarzes Sweatshirt mit Kapuze an, das erstbeste, das mir in die Finger kommt, und fahre ins Büro. Rainer wird überrascht sein, mich zu sehen. Er erwartet mich erst Donnerstag. Ich arbeite, wann immer ich kann, zu Hause. Aber heute brauche ich Gesellschaft, oder ich möchte mit Rainer streiten. So genau weiß ich das noch nicht.

Die Luft im Büro ist aufgeräumt, es riecht nach Ozon aus dem Drucker und regenfeuchten Jacken. Elektrisches Licht flutet die Räume und lässt im Kontrast dazu das matte Tageslicht an den Fenstern noch trostloser erscheinen. Rainer blickt überrascht über den Rand seines Bildschirms, als ich sein Zimmer betrete.

- Sag mal, hast du dich im Tag geirrt?

- Nein, Silvie hat mich heute Morgen verlassen, sage ich. Er hält das für einen blöden Witz und verzieht das Gesicht. Aber er greift das Thema nicht weiter auf. Über mein Privatleben will er sowieso nicht mehr wissen, als e

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