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Die Herzlichkeit der Vernunft von Schirach, Ferdinand von (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.10.2017
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag
eBook (ePUB)
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Die Herzlichkeit der Vernunft

Sokrates oder das Glück der Bescheidenheit, Voltaire oder die Freiheit durch Toleranz, Kleist oder das Wissen um den Menschen, Terror oder die Klugheit des Rechts, Politik oder das Lob der Langsamkeit: Ferdinand von Schirach und Alexander Kluge unterhalten sich über Grundfragen des Rechts und der Gesellschaft, über Theater und Literatur, über die Gefahren der direkten Demokratie und der sozialen Medien und darüber, was den Menschen im eigentlichen Sinn menschlich macht. 'Die Herzlichkeit der Vernunft' ist ein sehr persönlicher Dialog der beiden Schriftsteller. Der Spiegel nannte Ferdinand von Schirach einen "großartigen Erzähler", die New York Times einen "außergewöhnlichen Stilisten", der Independent verglich ihn mit Kafka und Kleist, der Daily Telegraph schrieb, er sei "eine der markantesten Stimmen der europäischen Literatur". Die Erzählungsbände "Verbrechen", "Schuld" und "Strafe" und die Romane "Der Fall Collini" und "Tabu" wurden zu millionenfach verkauften internationalen Bestsellern. Sie erschienen in mehr als vierzig Ländern. Sein Theaterstück "Terror" zählt zu den weltweit erfolgreichsten Dramen unserer Zeit. Ferdinand von Schirach wurde vielfach mit Literaturpreisen ausgezeichnet. Er lebt in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm u.a. "Die Herzlichkeit der Vernunft", ein Band mit Gesprächen mit Alexander Kluge, sowie sein persönlichstes Buch "Kaffee und Zigaretten".

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 192
    Erscheinungsdatum: 16.10.2017
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641227456
    Verlag: Luchterhand Literaturverlag
    Größe: 986 kBytes
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Die Herzlichkeit der Vernunft

KLUGE

399 vor Christus wurde Sokrates zum Tode verurteilt.

SCHIRACH

Philosophen, Künstler, Schriftsteller, Theologen, Historiker - fast jeder glaubt heute, der Prozess gegen Sokrates sei der erste Justizmord gewesen. Der Prozess gegen ihn wird mit dem Prozess gegen Jesus Christus verglichen, hier wie dort sei ein Unschuldiger zum Tode verurteilt worden und das nur, weil er nicht glauben wollte, was er glauben sollte. Die Athener seien Mörder, Sokrates ein Märtyrer für die Demokratie und das freie Denken. Aber vielleicht stimmt das nicht ganz und wir müssen uns Sokrates und Athen genauer ansehen.

KLUGE

500 Athener traten als Richter über Sokrates auf. Eine gewaltige Zahl.

SCHIRACH

Die Idee der Schöffen, der Laienrichter, ist sehr alt. Auch in Deutschland gab es bis 1924 noch Gerichte mit 12 Geschworenen. Dann hat ein sparsamer Justizminister das abgeschafft. Heute sind bei den höheren Gerichten jeweils zwei Schöffen beteiligt, Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, sie dürfen keine juristische Vorbildung haben. Aber die Idee, dass die Bürger selbst Recht sprechen, kennen schon die Athener. Dort urteilen 300, 500, manchmal sogar 6000 Richter über einen Fall. Das ist keine Herrschaftselite, das sind die Menschen auf dem Markplatz.

KLUGE

Sokrates sagt, seine Ankläger werden den Schuldspruch noch bereuen.

SCHIRACH

Das ist natürlich nicht sehr klug. Richter zu bedrohen funktioniert fast nie.

KLUGE

Sokrates ist schon siebzig Jahre alt, verheiratet und hat drei Kinder, als ihm der Prozess gemacht wird.

SCHIRACH

Er ist der Sohn einer Hebamme und eines Steinmetzen. Er lernt das Handwerk des Vaters. In drei Schlachten kämpft er als Soldat für Athen. Als sein Vater stirbt, erbt er ein kleines Vermögen. Er steht fast dreißig Jahre auf dem Marktplatz und geht allen furchtbar auf die Nerven. Er befragt Handwerker, Politiker und Priester so lange, bis sie zugeben müssen, dass sie nichts wissen. Viele ärgern sich über ihn, er sei eine Zumutung, sagen sie, aber jeder weiß natürlich, wie klug dieser Mann ist. Die adligen Familien bitten ihn, dass er ihre Kinder erzieht. Sokrates nimmt kein Geld wie die anderen Philosophen, er will unabhängig bleiben. Das wenige, was er hat, reicht zum Leben, manchmal bekommt er ein paar Drachmen von reichen Freunden zugesteckt. Zu Hause sieht es nicht gerade erfreulich aus. Seine Frau, Xanthippe, ist mehr als anstrengend. Einer seiner Freunde fragt Sokrates, warum er ausgerechnet eine Frau geheiratet habe, die - so der Freund wörtlich - "unter allen lebenden, ja, unter allen die jemals gelebt haben und noch künftig leben werden, die Unerträglichste ist." Sokrates antwortet, wie wohl nur ein sehr ausgeglichener Philosoph antworten kann. Er habe sich gedacht: "wenn ich sie ertrage, werde ich mich leicht in alle andere Menschen finden können." Das ist seine grundsätzliche Einstellung zur Ehe. An anderer Stelle sagt er: "Heirate auf jeden Fall! Kriegst du eine gute Frau, wirst du glücklich. Kriegst du eine böse, dann wirst du ein Philosoph."

KLUGE

Sokrates sah aus wie ein Silen.

SCHIRACH

Ein behaarter Waldgott mit Hängebauch und Pferdebeinen. Einmal tritt er bei einem Schönheitswettbewerb an. Sein Gegner ist der hübscheste Jüngling Athens.

KLUGE

Sokrates preist sich selbst ausnahmsweise.

SCHIRACH

Er erklärt dem Publikum, seine dicke Stulpnase sei perfekt, er könne damit viel besser riechen als der schöne Jüngling. Auch seine in verschiedene Richtungen schielenden Augen seien von Vorteil, er könne damit nämlich nicht nur geradeaus, sondern auch zur Seite sehen. Und sein großer Mund könne viel mehr abbeißen, seine dicken Wulstlippen weicher küssen. Natürlich bekommt der schöne Jüngling alle Stimmsteine. Der alte Philosoph sagt, man lerne daraus, dass Schönheit keine Frage der Argumentation ist.

KLUGE

Luca Giuliani vom Wissenschaf

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