text.skipToContent text.skipToNavigation
background-image

Die Katze und der General von Haratischwili, Nino (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 31.08.2018
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
eBook (ePUB)
22,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die Katze und der General

Alexander Orlow, ein russischer Oligarch und von allen 'Der General' genannt, hat ein neues Leben in Berlin begonnen. Doch die Erinnerungen an seinen Einsatz im Ersten Tschetschenienkrieg lassen ihn nicht los. Die dunkelste ist jene an die grausamste aller Nächte, nach der von der jungen Tschetschenin Nura nichts blieb als eine große ungesühnte Schuld. Der Zeitpunkt der Abrechnung ist gekommen. Nino Haratischwili spürt in ihrem neuen Roman den Abgründen nach, die sich zwischen den Trümmern des zerfallenden Sowjetreichs aufgetan haben. 'Die Katze und der General' ist ein spannungsgeladener, psychologisch tiefenscharfer Schuld-und-Sühne-Roman über den Krieg in den Ländern und in den Köpfen, über die Sehnsucht nach Frieden und Erlösung. Wie in einem Zauberwürfel drehen sich die Schicksale der Figuren ineinander, um eine verborgene Achse aus Liebe und Schuld. Sie alle sind Teil eines tödlichen Spiels, in dem sie mit der Wucht einer klassischen Tragödie aufeinanderprallen. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2018 'Was ?Die Katze und der General? leistet, ist ein gnadenlos exakter Blick auf Russland in der Umbruchzeit der neunziger Jahre, als die kommunistische Entindividualisierung umschlug in eine Raubtiergesellschaft, die noch auf den alten Strukturen basierte und dadurch umso grässlichere Hierarchien schuf: Fast alle wurden dabei zu Niemanden. (...) eindrucksvoll.' Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung 'Ich verschlinge das Buch, kann nicht aufhören, lebe mit den Figuren, bange mit ihnen, will nur lesen und nichts anderes machen. Großartig! Und darüberhinaus ist dieser Roman auch noch klug aufgebaut. Nino Haratischwili ist eine begnadete Erzählerin.' Heide Soltau, NDR Info

Nino Haratischwili, geboren 1983 in Tbilissi, ist preisgekrönte Theaterautorin, -regisseurin und Autorin des Familienepos 'Das achte Leben (Für Brilka)' (FVA 2014), das in zahlreiche Sprachen übersetzt und u. a. mit dem Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft, dem Anna Seghers-Literaturpreis, dem Lessing-Preis-Stipendium und zuletzt mit dem Bertolt-Brecht-Preis 2018 ausgezeichnet wurde. 'Die Autorin ist ein Genie.' Volker Weidermann, WDR 'Die beste Geschichtenerzählerin unserer Generation.' Maria-Christina Piwowarski, Buchhandlung ocelot Berlin

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 750
    Erscheinungsdatum: 31.08.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783627022648
    Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
Weiterlesen weniger lesen

Die Katze und der General

1995/Malisch

Heiß wallt dein Herz bei schauerlichem Werk. Er wiederholte den Satz lautlos, lutschte die Worte auf seiner Zunge wie ein Sauerdornbonbon, sauer und köstlich zugleich. Er hatte das dünne, bald auseinanderfallende Büchlein mit anderen, solider wirkenden Büchern in den moosgrünen Seesack gepackt, den seine Mutter ihm für seine Abreise aus Moskau bereitgelegt hatte.

Sie hatte ihm den Sack kommentarlos auf das Sofa im Wohnzimmer gelegt, mit allerlei Leckereien und sentimentalem Zeugs, die Hälfte hatte er heimlich nachts in seinem Zimmer, nur wenige Stunden vor der Abreise, wieder herausgenommen, um sich nicht den Anfeindungen auszusetzen, die solche mütterlichen Geschenke unweigerlich nach sich ziehen. Und Anfeindungen gäbe es ohnehin.

Aber er konnte sich nicht verkneifen, ein paar Bücher aus seinem Bücherregal mitzunehmen, ohne auf die Auswahl zu achten, sich dem Zufall überlassend. Hauptsache, ein paar Bücher begleiteten ihn in diese ungewisse und erschreckende Dimension, die den Namen "Krieg" trug und von der er niemals angenommen hätte, dass sie jemals mit seinem Leben zu tun haben würde. Diese beiläufig getroffene Auswahl im abgenutzten Seesack seines toten Übervaters war der einzig erprobte Gefährte auf seinem gefährlichen Weg. Klar, Bücher zählten in dieser Dimension nichts, im Gegenteil, sie stellten einen bloß, markierten einen als Schwächling, in dieser Dimension galten andere Gesetze, das hatte er während seiner abgebrochenen Militärausbildung gelernt, sie würden seine ohnehin wenig beneidenswerte Position noch lächerlicher machen, aber er konnte Moskau nicht ohne sie verlassen, wenigstens ein paar von ihnen mussten mit.

Er hatte nichts zu dem Seesack gesagt, und auch seine Mutter hatte geschwiegen, Worte wären in dem Augenblick sinnlos gewesen. Natürlich beabsichtigte sie, damit ein Zeichen zu setzen. Er konnte es förmlich spüren, welche Aufforderungen und Erwartungen auf dessen Boden lagerten und ihn um viele Kilos schwerer machten.

Er sah sie vor sich, wie sie den alten Seesack seines Vaters aus dem hintersten Winkel des schweren, nach abgestandener Luft und nach etwas anderem, Unaussprechlichem riechenden Eichenschrank ihres Schlafzimmers hervorholte, wo auch Vaters Armeeabzeichen, seine Medaillen, das Bündel seiner Briefe an sie aus der Zeit in Afghanistan und seine Pfeife aufbewahrt wurden, und wie sie ihre Gebete und ihre Hoffnungen in ihn hineinlegte, die mindestens genauso schwer wogen wie die Bücher. Für sie waren diese Reliquien aus dem wuchtigen Eichenschrank heilig. Und der Seesack war vermutlich der Heilige Gral. Dieser Sack hatte seinen Vater überallhin begleitet, durch karge Berge und staubtrockene Wüstenlandschaften, durch Stürme und Kugelhagel, durch Bombardements und Schreie, begleitet auf dem langen, nach Eisen riechenden Weg. Sie hatte immer diesen bestimmten Gesichtsausdruck, wenn sie von seinen Heldentaten berichtete, was sie in seiner Kindheit nahezu unermüdlich getan hatte, als hätte sie einen Eid abgelegt, nach seinem Tod nur noch dafür zu leben, den Hinterbliebenen und vor allem dem einzigen Sohn zu erzählen, welch ein Titan er war, auf die Welt gekommen, um mindestens die Menschheit zu retten, die in Afghanistan aber gar nicht gerettet werden wollte.

Zunächst hatte er all diese Geschichten geliebt, als kleiner Junge immer wieder nachgefragt, jedes Detail wissen wollen. Ob Papa auch die Strelka-2 ausprobieren durfte, ob Papa seinen Tapferkeitsorden im Tajbeg-Palast überreicht bekommen hatte? Ob Gorbatschow damals auch dort war oder ihm erst in Moskau gratuliert hatte? Besessen sog er jedes Detail dieser vergangenen, geheimnisvollen Welt in sich auf. Aber mit den Jahren wurde dieses Bedürfnis von einer nahezu unerträglichen Sehnsucht abgelöst: diese Welt so fern wie möglich von sich zu halten, nichts mehr über Afghanistan zu hören, nichts von der Operation Storm-333, über Mohammed Nadschibullah, über da

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen