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Die Klavierstimmerin von Link, Almuth (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 01.03.2015
  • Verlag: Societäts-Verlag
eBook (ePUB)
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Die Klavierstimmerin

Dorothea Abt umgibt ein düsteres Geheimnis. Die Klavierstimmerin, die sich eigentlich ein Leben für die Musik wünscht, wird zwischen ihrer exzentrischen Mutter und dem wankelmütigen Ehemann zerrieben. Schließlich eskaliert die Situation und sie muss eine Entscheidung treffen - sie fasst einen bitteren Entschluss, der ihr ganzes Leben bestimmen wird. 'Die Klavierstimmerin' ist ein Roman der leisen Zwischentöne, in seiner Leichtigkeit und Trauer fast wie eine Etüde von Chopin. Almuth Link studierte Musik und Germanistik und war als Oberstudienrätin im Schuldienst tätig. Heute lebt sie als freie Schriftstellerin und Journalistin in der Nähe von Bad Homburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 215
    Erscheinungsdatum: 01.03.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783955421410
    Verlag: Societäts-Verlag
    Größe: 448 kBytes
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Die Klavierstimmerin

Kapitel 1

M eine Mutter ist nie erwachsen geworden, bis zu ihrem Tod nicht. Als wir sie beerdigten, beerdigten wir ein achtundfünfzig Jahre altes Kind. Ich war also von einem Kind großgezogen worden, das es sich mit zweiundzwanzig in den Kopf gesetzt hatte, man müsse sich sozial engagieren und jemanden heiraten, der dies auch deutlich sichtbar zuließe. Der unverheiratete blinde Klavierstimmer Kurt Abt, der eines Tages das ziemlich heruntergewirtschaftete alte Klavier ihres Vaters, meines Großvaters, stimmte, schien ihr als Opfer geeignet. Fröhlich und ausgelassen wie sie war – hübsch musste sie ja nicht sein, da er sie nicht sehen konnte – fiel es ihr nicht schwer, sich sogleich mit ihm, dem fünfundzwanzig Jahre älteren Mann zu befreunden, mit ihm anzubandeln und ihn relativ schnell zum Standesamt zu führen. Vom Tag ihrer Heirat an gab sie ihre Arbeitsstelle als Blockflötenlehrerin in einer Jugendmusikschule auf, um, wie sie mir später oft erklärte, ganz für ihren Mann und den Haushalt anwesend zu sein. Anwesend war sie, aber weder für ihren Mann noch für ihren Haushalt, sondern überwiegend für ihr neues Hobby, das Tanzen. Unter den Klängen lauter Musik, in einem eng anliegenden, silberglänzenden Anzug, übte sie, die Lehne des Küchenstuhles als Stange benutzend, Ballettschritte – und bettelte bald den lieben Kurt um Geld für Ballettstunden an. Weil er ihr herzlich zugetan war, gab er irgendwann nach, obwohl er nur ein bescheidenes, vor allem aber unregelmäßiges Einkommen hatte. Erst als ich mich nach zwei Jahren voranmeldete, ließ ihre Tanzbegeisterung nach und machte einem neuen, wesentlich solideren Hobby Platz: dem Kochen. Kurt, so erzählte sie, wurde auf Grund ihrer ausufernden abendlichen Menüs immer dicker, auch sie selbst legte zu-sätzlich zur Schwangerschaft kräftig zu, und ich wurde, was mir einleuchtete, schon als Siebenpfünder geboren. Meine Mutter hieß Erika. In ihrem runden Gesicht strahlten lebhafte braune Augen unter dichten dunklen Augenbrauen und sie hatte einen vollen lachenden Mund, in dem sich hübsche Zähne zeigten. Die braunen Haare hatte sie zu zwei Zöpfen geflochten. So ist sie mir aus frühester Kindheit in Erinnerung geblieben. Später wurden die Augen matter, die Augenbrauen und Haare grau, die Zöpfe, von denen sie sich zu meinem Leidwesen bis zu ihrem Tod nicht trennte, immer dünner, der Mund schmal. Ihre Eltern hatten in Frankfurt-Rödelheim eine kleine Änderungsschneiderei, die recht gut lief. Jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, dass sie sich je über mangelnde Arbeit beklagt hätten. Könnten sich Enkelkinder ihre Großeltern aussuchen, so würde ich ihnen unbedingt raten, sich für Schneider zu entscheiden! Sie sind nicht nur immer da, sondern sie verbreiten auch eine unvergleichliche Gemütlichkeit. Ihr Arbeitsraum befand sich in der damaligen Eschborner Landstraße, in einem alten, niedrigen Backsteinanbau eines Hinterhofes, neben einer Bäckerei. Durch ein kleines Tor, vor dem meist ein Mülleimer stand, gelangte man in den Hof und von dort, durch eine schwere Holztür mit geschwungener, abgegriffener Türklinke, direkt in mein Paradies. Im Winter war es zuerst die bullerige Wärme, die einem wie eine Wolke entgegenschlug, im Sommer arbeitsamer Schweißgeruch, gemischt mit den verschiedenartigsten Düften alter Parfüms aus den Garderoben. Das Rattern der beiden Nähmaschinen hörte schlagartig auf und für ein paar Minuten gab es nur noch eine laute, zärtliche Begrüßung. Der Raum war so groß wie ein mittleres Wohnzimmer, gleich links von der Eingangstür stand ein alter, aber gut funktionierender

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