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Die Kunst des wirkungsvollen Abgangs Erzählungen. von Amann, Jürg (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 30.01.2014
  • Verlag: Haymon Verlag
eBook (ePUB)
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Die Kunst des wirkungsvollen Abgangs

Siebzehn Erzählungen in vier Abschnitten: tragisch und ernsthaft, aber gleichzeitig ironisch, doppelbödig und voller Humor.

Jürg Amann, geboren 1947 in Winterthur/Schweiz, lebte bis zu seinem Tod im Jahr 2013 in Zürich. Studium der Germanistik in Zürich und Berlin, Literaturkritiker und Dramaturg, seit 1976 freier Schriftsteller. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Ingeborg-Bachmann-Preis, Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis. Bei Haymon: 'Zwei oder drei Dinge'. Novelle (1993), 'Über die Jahre'. Roman (1994), 'Und über die Liebe wäre wieder zu sprechen'. Gedichte (1994), 'Schöne Aussicht'. Prosastücke (1997), 'Kafka'. Wort-Bild-Essay (2000), 'Am Ufer des Flusses'. Erzählung (2001), 'Mutter töten'. Prosa (2003), 'Übermalungen. Überspitzungen'. Van-Gogh-Variationen (zus. mit Urs Amann, 2005), 'Zimmer zum Hof'. Erzählungen (2006), 'Nichtsangst'. Fragmente auf Tod und Leben (2008) und 'Die Reise zum Horizont'. Novelle (2010). Zuletzt erschienen: 'Wohin denn wir'. Roman (2012) und 'Lebenslang Vogelzug'. Gedichte (2014).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 109
    Erscheinungsdatum: 30.01.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783709973288
    Verlag: Haymon Verlag
    Größe: 954kBytes
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Die Kunst des wirkungsvollen Abgangs

Die Baumschule
Als Karr zu uns aufs Land hinauskam, war es, um ein neues Publikum zu finden. In der Stadt hatte er, bis zu dem Tag, an welchem er, in der Stunde, bevor er seine Klasse, wie man sagt, ins Leben entlassen sollte, seinen Mädchen zum Abschied eine Rose mitbrachte, in atemraubendem Tempo – eine Stunde hatte dort vierzig Minuten – und tatsächlich mit von Minute zu Minute immer atemloser werdender Stimme, indem er sich schließlich bis an den Rand des Wahnsinns erhitzte, ihnen Büchners "Lenz" vorlas und sie zum Ende mit einem gefährlichen Flackern im Blick bat, im Leben nicht unglücklich zu werden wie ihre Mütter, mit denen sie es deshalb so schwer hätten, wie mancher andere Lehrer seine Lektionen erteilt. Dies aber mußte durchgedrungen sein, Karr wurde zum Rektor geladen, und bevor noch das neue Semester begann, war er zwar nicht gerade gekündigt, aber doch ersetzt. Das war im Frühjahr. Etwas an seiner Lektion hatte mißfallen. Die Rose, Büchner oder die Sache mit den Müttern.
Auf dem Land bekam er vorerst keine neue Stelle, die Zeiten waren schlecht, wohl war ihm auch sein Ruf vorausgedrungen, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Gedanken, die er früher an seine Schüler, je nach der Blickweise, verwendet oder verschwendet hatte, spazieren zu führen, und dies in seinem Kopf, der ihm dazu als Korb diente. Mit einem Korb oder Kopf voll fertigen Lektionen, aber auch voll noch ungeordneten Gedanken sah man ihn, vor allem im Hochsommer, wohl den Schatten suchend, durch die Wälder ziehen, vornehmlich am Fluß entlang, aber auch über den Berg, wo, wie er wußte, Rilke auch gegangen war. Bis er ihm zu schwer wurde oder zu heiß und er ihn in einer Wirtschaft unterwegs, meist aber, wenn er ihn noch erreichte, im Garten des Restaurants Tößegg im Schatten der Kastanien für eine Stunde oder zwei abstellen mußte. Und von Tag zu Tag, je mehr es schon auf den Herbst zuging, wurde er ihm früher schwer, weil er ja insgesamt immer voller wurde und am Ende zu voll, weil er ja auf jedem neuen Umgang immer Neues noch in ihn hineinfüllte, indem er die Welt, die an seinem Kopf vorbeizog, oder vielmehr, an der sein Kopf vorbeizog, durch diesen Kopf hindurchgehen ließ oder zumindest in ihn hinein und dann in seinem Kopf hin und her und nichts, das er einmal drinnen hatte, je wieder herausließ, da er ja kein Publikum hatte, sondern höchstens von einer Ecke in die andere schichtete und wieder, was zuunterst lag, nach oben holte. Er war, durch die Umstände, von einem Lehrer zu einem Denker geworden, und als solcher war er auch im Dorf bekannt.
Dies war, wie gesagt, gegen Herbst. Seine Umgänge wurden täglich kürzer, seine Einkehren länger, sein Kopf, wie auch gesagt, immer schwerer, unhaltbarer. Schon neigte er sich bedenklich zwischen den Achseln einmal vornüber, einmal hintüber, während Karr mit besonders aufrechtem Gang, die Hände auf dem Rücken, verzweifelt das Gleichgewicht zu wahren bemüht war. Aber der Tag war absehbar, an dem der Kopf ihm vom Rumpf kippen und er, Karr, ihn am immer länger sich ausziehenden Hals auf der Erde hinter sich herschleppen und bei jeder Richtungsänderung in die Gefahr kommen würde, sich selber auf den Kopf zu treten. Kurz, die Entwicklung zielte auf den Punkt hin, an dem Karr, dessen Umgänge, Bannumgänge nannte man das im Dorf und meinte damit, daß man den eigenen Bereich, die eigenen Grenzen abschreite, begründet durch die begründete Furcht, einmal den Rückweg nicht mehr zu schaffen, ohnehin schon mehr zu Drehungen um die eigene Achse geworden waren, einfach zu Hause blieb, im Hause seinen Kopf, ihn ins Kissen bettend, niederlegte aufs

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