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Die Kur von Städeli, Martin (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.09.2014
  • Verlag: boox-verlag
eBook (PDF)
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Die Kur

Der Schriftsteller Winz Isenschmid gewinnt den Literaturwettbewerb von Tremelwald: Eine Woche Aufenthalt im noblen Hotel Alpina, wo er eine Geschichte schreiben und eine Lesung am kulinarisch-literarischen Abend am Ende dieser Woche halten soll. Ein toller Erfolg für den Schreibkünstler Winz! - Und auch ein Problem: Winz kann vor Publikum nicht lesen, er hat Angst. Kurzerhand bittet er seinen Freund, Conradin Stupan, für ihn zu lesen, ja sogar sich für ihn auszugeben! Froh über diese elegante Lösung möchte sich der Schreiberling wieder ans Schreiben machen. Doch seine Probleme haben jetzt erst richtig angefangen.

Martin Städeli, geboren 1965 in Bülach, wuchs in Zug auf und lebt heute in Bern. Er absolvierte das Lehrerseminar und studierte Germanistik. Martin Städeli ist vor allem mit seinen Kolumnen für die neue Zürcher Zeitung, seine Schreckmümpfeli für Radio SRF und seineKurzgeschichten in Zeitungen und Kalendern bekannt geworden. Seit 2011 veröffentlicht er unter anderem bei boox-verlag.

Produktinformationen

    Format: PDF
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 120
    Erscheinungsdatum: 20.09.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783906037110
    Verlag: boox-verlag
    Größe: 879 kBytes
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Die Kur

Wollknäuel

In jedem Buch, das etwas auf sich hält, folgt früher oder später eine Rückblende. Diesen schönen Brauch möchte die vorliegende Erzählung ebenfalls pflegen. Sie stoppt deshalb die Uhren, lässt sie dann in aller Eile zurücklaufen und hält sie vor etwas über einem Jahr wieder an.

Gleicher Ort, gleiche Personen: Conradin ist zu Besuch bei Winz. Selbst die Handlung gleicht dem Geschehen, das sich rund ein Jahr später zutragen wird.

"Ich kann nicht", behauptete Winz. "Ich kann nicht!"

"Zeig!", Conradin nahm Winz den Brief aus der Hand und las.Winz sass auf dem Bürostuhl und drehte unschlüssig von einer Seite auf die andere.

"Sehr geehrter Herr Isenschmid. Herzlichen Glückwunsch ... etc., etc. ... hat die Jury aus der grossen Zahl von Einsendungen Ihren Beitrag ... etc., etc. ... eine Woche Aufenthalt in Tremelwald im -Hotel Alpina ... etc., etc., ... zum Abschluss einen kuliterarischen Abend, Geniesser-Menü mit Lesung ... etc., etc. ... bitten wir um baldige Zusage und verbleiben mit freundlichen Grüssen ... etc., etc."

Was Conradin als 'etc.' abkürzte, hatte die Sekretärin des Tourismusbüros Tremelwald natürlich sinnreich formuliert. Die bemerkenswerte Unterschrift, Kringel von königsblauer Tinte, vornehm, blaublütig geradezu, stammte, wie Conradin aus dem Schreiben schloss, vom Leiter des Tremelwalder Tourismusbüros.

Wer sich nicht verkneifen konnte, die Kosten des Aufenthalts in eine Preissumme umzurechnen, erhielt als Resultat natürlich einen Klecks, einen königsblauen Tintenklecks sozusagen. Denn sobald Geld in die Nähe von Kultur gerät, steigert sich sein Wert ungemein, wenig bedeutet viel und in solchen Fällen gilt stets die Anerkennung als Leitwährung. Künstler verachten Materielles ohnehin und Beifall nährt schliesslich ausgezeichnet, ohne Gefahr der Überfettung. Nur der Vermieter verlangt Ende Monat mehr als nur Lob für seine gelungene Wohnung.

"Gratuliere", sagte Conradin, nachdem er den Brief gelesen hatte. "Tremelwald. Mondäner Ort."

"Danke. Aber ich muss den Preis ausschlagen."

"Ach?!"

"Tja."

"Weshalb? Kannst du die paar Tage nicht freinehmen?"

"Doch, schon", erwiderte Winz.

Conradin legte geziert die Fingerspitzen aneinander. "Besitzest du etwa keine den gehobeneren Ständen angemessene Kleidung?"

"Mumpitz."

"Schaffst du es am Ende nicht, deine Geschichte in einer Woche zu schreiben?", wollte Conradin wissen.

"Na hör mal!"

"Dann begreife ich nicht, warum du den Preis ausschlagen willst."

"Sinn erfassen mangelhaft", teilte Winz seinem Freund Noten aus. "Ganz deutlich steht geschrieben 'mit Lesung'."

"Na und?", fragte Conradin, "wo liegt das Problem? Du sitzt an ein Tischchen, bekommst ein Glas Wasser serviert und liest einer stattlichen Menge leerer Stühle deine Geschichte vor. Ach nein, die Lesung soll ja ein, Moment, ein Geniesser-Menü auflockern, dann hast du vielleicht sogar Publikum."

Winz hielt auf seinem Bürostuhl an. "Ich kann nicht vorlesen." ... der Junge steht da mit dem Rücken zur Tafel, vor sich die Klasse. Er sieht nur Augen. Augen, die ihn erwartungsvoll mustern.

"Ich höre ...", sagt der Lehrer. Der Lehrer sitzt am Pult, seine Finger spielen mit einem Bleistift. Der Lehrer ist alt. Und müde.Der Junge versucht sich zu erinnern.

"Ich höre nichts", sagt der Lehrer.

Die Klasse lacht.

Der Junge weiss nicht, wie er die Augen abwehren soll. Sie stossen ihn weg. Erst vor einigen Wochen ist der Junge in das Dorf gezogen. In eine alte Schule zu einem müden Lehrer. Der Junge sieht noch keine Augen, die ihn freundlich anblicken.

"Hast du überhaupt gelernt?", fragt der Lehrer.

Der Junge nickt.

Die rechte Hand des Lehrers knallt den Bleistift auf das Pult.

Der Junge zuckt zusammen. "Ja", sagt er.

"Wie?"

"Ja", sagt der Junge noch einmal.

"Dann erzähl den anderen, was du

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