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Die Lage des Landes von Ford, Richard (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.09.2015
  • Verlag: Carl Hanser Verlag München
eBook (ePUB)
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Die Lage des Landes

Sportreporter, Makler, Ehemann und Vater - Frank Bascombe hat im Laufe seines Lebens schon einige Rollen übernommen. Mittlerweile 55 Jahre alt, freut er sich mit seiner zweiten Ehefrau Sally auf den nächsten, ruhigeren Lebensabschnitt im gemeinsamen Haus am Strand. Franks Hoffnung auf eine beginnende 'Permanenzphase' wird jedoch ein jähes Ende bereitet, als Sallys totgeglaubter erster Ehemann auftaucht und er selbst eine verheerende Diagnose erhält. Ein reicher, nachdenklicher, aber auch grotesk komischer Roman von Richard Ford über einen Mann in den vermeintlich besten Jahren und ein Amerika, dessen Sicherheit sich nach George Bushs 'gestohlener' Präsidentenwahl als trügerisch erweist. Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. Er hat acht Romane sowie Novellen, Kurzgeschichten und Essays veröffentlicht. 1996 erhielt er für Unabhängigkeitstag sowohl den Pulitzer Prize als auch den PEN/ Faulkner Award.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 618
    Erscheinungsdatum: 28.09.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446251052
    Verlag: Carl Hanser Verlag München
    Größe: 4982 kBytes
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Die Lage des Landes

Bist du bereit, deinem Schöpfer zu begegnen?

Letzte Woche habe ich in der Asbury Press eine Geschichte gelesen, die noch immer in mir brennt wie eine Nessel. Eigentlich war es eine typische Nachricht, wie wir sie jeden Morgen lesen, sie versetzt uns einen tiefen, sich ausbreitenden Stich des Schocks und Grauens, und wir starren eine Weile in den Himmel, dann wendet sich das Auge anderen Themen zu - Prominentengeburtstagen, Sportmeldungen, Todesanzeigen, neuen Immobilienangeboten -, was uns zu anderen Sorgen bringt, und am Spätvormittag haben wir sie schon vergessen.

Diese Story aber berichtete unter der verkrüppelten Schlagzeile "Pflegetode in Tex" detailliert von einem ansonsten normalen Tag am Fachbereich Krankenpflege des staatlichen Lehrer-Colleges San Ysidro (Paloma-Playa-Campus) in Südtexas. Ein frustrierter Pflegestudent (diese Leute sind immer Männer) betrat das Gebäude durch den Vordereingang und suchte den Kursraum auf, wo er gerade hätte am Unterricht teilnehmen sollen, genauer gesagt, an einem Test, der schon im Gange war. Reihenweise über die Arbeit gebeugte Studentenköpfe. Die Dozentin, Professor Sandra McCurdy, starrte aus dem Fenster und dachte an wer weiß was - eine Pediküre, einen Angelausflug, den sie mit ihrem Mann vorhatte (sie waren seit einundzwanzig Jahren verheiratet), ihre Gesundheit. Der Kurs hieß, ja, so plattfüßig und unsubtil kann das Schicksal sein, "Sterben und Tod - Ethik, Ästhetik, Vorbereitung". Worüber das Pflegepersonal ja Bescheid wissen muss.

Don-Houston Clevinger, der frustrierte Student - Navy-Veteran und Vater zweier Kinder -, hatte schon beim Test zur Semesterhalbzeit schlecht abgeschnitten und musste sich wohl auf eine schlechte Note und die Rückfahrkarte nach McAllen gefasst machen. Dieser Clevinger betrat den stillen Kursraum voller ehrfürchtiger Prüflinge und ging zwischen den Tischen hindurch nach vorn, wo Ms McCurdy mit verschränkten Armen sinnierend, vielleicht lächelnd am Fenster stand. Er richtete eine 9-mm-Glock auf den Punkt zwischen ihren Augen, etwa eine Handbreit entfernt, und fragte: "Bist du bereit, deinem Schöpfer zu begegnen?" Ms McCurdy, die sechsundvierzig war, eine überdurchschnittlich gute Lehrerin und Canasta-Spielerin, und die außerdem bei der Operation Wüstensturm in einem fliegenden Lazarett gedient hatte, blinzelte nur zweimal neugierig mit ihren immergrünen Augen und sagte: "Ja. Ja, ich glaube, ja." Woraufhin dieser Clevinger sie erschoss, sich langsam den verblüfften Krankenschwestern in spe zudrehte und mit einem Schuss an ungefähr dieselbe Stelle umbrachte.

Als ich das las, wollte ich mich gerade hinsetzen, in mein verglastes Wohnzimmer mit Blick über die grasige Düne, den Strand und die schläfrige Schindel des Atlantiks. Es ging mir übrigens insgesamt ziemlich gut. Es war sieben Uhr an einem Donnerstagmorgen in der Woche vor Thanksgiving. Um zehn hatte ich einen Vertragsabschluss mit einem "glücklichen Klienten" im Maklerbüro hier in Sea-Clift, was der Verkäufer und ich nachher im Bump's-Roh-Kost feiern wollten. Meine gesundheitlichen Beschwerden der letzten Zeit - ich hatte mir in der Mayo-Klinik die Prostata mit sechzig radioaktiven Smart Bombs aus titaniumumhüllten "Schrotkugeln" namens Jod-Seeds beschießen lassen - schienen auf dem Weg der Besserung zu sein (Systeme laufen, Waffen geladen und gesichert). Meine Thanksgiving-Pläne für ein halbfamiliäres Treffen zu Hause hatten mir noch nicht die Laune verdorben (Stress ist schlecht für die Halbwertzeit der strahlenden Jod-Seeds). Und ich hatte seit einem halben Jahr nichts mehr von meiner Frau gehört, was unter den Umständen ihres neuen und meines alten Lebens erklärlich, wenn auch nicht ideal war. Mit anderen Worten, alles, was das Lebensgefühl mit fünfundfünfzig ausmacht, lag um mich her verstreut wie Mohnblüten.

Meine Tochter Clarissa Bascombe schlief noch, das Haus lag still und leer, abgesehen von den

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