text.skipToContent text.skipToNavigation

Die letzten Tage meiner Kindheit Roman von Nadal, Rafel (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 27.04.2018
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
8,99 €
inkl. gesetzl. MwSt.
Sofort per Download lieferbar

Online verfügbar

Die letzten Tage meiner Kindheit

'Die Welt ist eingeteilt in wir und sie. Wir sind mehr, aber wir verlieren immer.' Diese Lektion lernt Lluc schon früh. Am letzten Tag des Spanischen Bürgerkriegs muss der Achtjährige mitansehen, wie seine Mutter erschossen wird. Bei der fürsorglichen Senyora Stendhal findet er ein neues Zuhause - und verliert es schon bald wieder. Lluc sinnt auf Rache. Er träumt davon, in die Berge zu ziehen und sich dem Widerstand gegen Franco anzuschließen. Denn er will nicht sein Leben lang auf der Seite der Verlierer stehen ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 239
    Erscheinungsdatum: 27.04.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732556106
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Originaltitel: La senyora Stendhal
Weiterlesen weniger lesen

Die letzten Tage meiner Kindheit

U rsprünglich hatte ich das Antiquariat bloß betreten, um mich vor dem Regen in Sicherheit zu bringen, doch als ich wieder herauskam, hielt ich einen Schatz in den Händen.

Über Gironas Altstadt ging eine Sintflut nieder. Die von den Ziegeldächern herabstürzenden Wassermassen brachten die Kanäle zum Überlaufen und ergossen sich in Strömen von der Placeta de l'Institut Vell die Carrer de la Força hinab. Mein Mantel troff, und meine Schuhe waren pitschnass. Verzweifelt blickte ich mich nach allen Seiten um, doch ich konnte nirgends einen Balkon oder Hauseingang entdecken, wo ich mich hätte unterstellen können. Also rannte ich die Straße hinauf. Als ich in eine Pfütze trat, drang die Nässe bis zu meinen Strümpfen.

Ein Blitz tauchte die Kathedrale in helles Licht, und kurz darauf dröhnte die gesamte Altstadt. Der Regen prasselte noch heftiger. Ich lief weiter bis ans obere Ende der Straße und stand unversehens im Eingang von Cortés' Antiquariat. Endlich im Trockenen schüttelte ich mich wie ein nasser Hund und drückte die Tür auf.

Im Laden schlug mir ein infernalischer Lärm entgegen. Unter lautem Lachen flatterten zwei Japanerinnen, ein uraltes Weiblein und eine junge Frau, zwischen den Stapeln alter Bücher und Zeitschriften umher. Überschwänglich hüpften sie von einem Bein aufs andere, tanzten und juchzten, bis ihnen vor Lachen fast die Luft ausging, dann fielen sie einander in die Arme, und das Ganze fing von vorne an. Sie konnten sich gar nicht mehr beruhigen. Der Antiquar hatte mein Eintreten nicht bemerkt. Strahlend beglückwünschte er die beiden Japanerinnen, die mit ihren hochroten Köpfen aussahen, als stünden sie kurz vor einem Herzanfall.

Da mir niemand Beachtung schenkte, verzog ich mich diskret in die Ecke mit den alten Postkarten und verschanzte mich hinter den Kästen, die der Buchhändler nach Themen und Ortschaften geordnet hatte. Achtlos ließ ich die Fotos und Ansichtskarten durch die Finger gleiten, weil ich meinen Blick nicht von den Japanerinnen abwenden konnte. Gerührt und mit Freudentränen in den Augen fielen die beiden Frauen einander abermals in die Arme. Nach einer ganzen Weile drückte ihnen der Antiquar unter tiefen Verbeugungen, die der Übergabe einen feierlichen Anstrich verleihen sollten, einen Umschlag in die Hand. Die Frauen bezahlten, und bevor sie in den Regen hinaustraten, drückten sie zu meiner wachsenden Verblüffung auch ihn an die Brust. Noch nie hatte ich eine Japanerin einen Fremden mit einer solchen Selbstverständlichkeit umarmen sehen. Cortés begleitete die beiden zur Tür und winkte ihnen nach, bis sie auf ihrem Weg die Straße hinab, unter zwei roten Regenschirmen, verschwunden waren.

Schmunzelnd trat Cortés zurück in den Laden. Mit einem ungläubigen Kopfschütteln setzte er sich und machte sich daran, die aussortierten Postkarten einzusammeln, die auf der Verkaufstheke liegen geblieben waren. Plötzlich schrak er zusammen. Er hatte mich hinter den Schachteln mit den alten Ansichtskarten entdeckt. Es hätte nicht viel gefehlt, und er wäre von seinem Hocker gefallen.

"Donnerwetter, Lluc, bist du schon lange da? Ich habe dich nicht hereinkommen sehen."

"Lange genug, um die Sache mit den Japanerinnen mitzubekommen. Was hatte das denn zu bedeuten?"

Die beiden japanischen Touristinnen, Großmutter und Enkelin, waren in den Laden gekommen, um sich alte Postkarten anzuschauen, ein Ritual, dem sie offenbar schon seit Jahren frönten: Wo auch immer sie auf ihren Reisen hinkamen, verbrachten sie viele Stunden damit, nach alten Postkarten aus Japan zu suchen, stets voller Hoffnung, eine ganz bestimmte Ansicht ihrer Heimatstadt Nagasaki vor der Zerstörung durch eine der beiden amerikanischen Atombomben am Ende des Zweiten Weltkrieges zu finden. Erfolglos hatten sie Antiquariate in der halben Welt durchstöbert, bis sie an diesem Nachmittag, in einer Ecke des Globus, in der sie es am wenigsten erwarteten, die ersehnte K

Weiterlesen weniger lesen

Kundenbewertungen