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Die Leute, die sie vorübergehen sahen von Bradfield, Scott (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.01.2013
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
12,99 €
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Die Leute, die sie vorübergehen sahen

Die Dreijährige Sal Jensen wird entführt. Doch das Leben bei ihrem neuen Daddy ist erst der Beginn einer seltsamen, atmosphärisch dichten Reise. Selbstständig beginnt Sal, auf der Suche nach einem Zuhause, von Haushalt zu Haushalt zu wandern und begegnet dabei den absonderlichsten Individuen: dem wortkargen Waschsalon Besitzer, der abgehalfterten Vermieterin, einem altjungen Mann ... Unsentimental und philosophisch heiter kommentiert Sal diese narzisstische Erwachsenenwelt. Scott Bradfield ist mit seinem neuen Roman ein großer Wurf gelungen. Die Entführung Sals ist keine Opfergeschichte, sondern ein sezierender, weiser, oft auch humoristischer Blick auf die amerikanische Gesellschaft. Mitreißend bis zur letzten Seite!

Scott Bradfield 1955 in Kalifornien geboren, studierte amerikanische Literatur. Heute lebt er in London und Connecticut, wo er an der University of Storrs unterrichtet. Schon bei seinem Debüt 'Die Geschichte der leuchtenden Bewegung' wurden Bradfields elektrisierende Beschreibungskunst und die poetische Intensität gefeiert. Zuletzt erschienen: 'Gute Mädchen haben's schwer' (2005).

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 240
    Erscheinungsdatum: 29.01.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701743292
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 767 kBytes
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Die Leute, die sie vorübergehen sahen

Wie sie gerettet wurde

Es war, als gehöre die Welt, die früher anderen gehört hatte, plötzlich auch ihr. Sie stand auf, wann sie wollte, ging zu Bett, wann sie wollte, ging in die Küche und aß, was sie wollte, ging ins Bad oder in den Park oder trank Saft, wann sie wollte, und niemand versuchte ihr Vorschriften zu machen - wenn sie etwas tun wollte, dann tat sie es einfach. Wenn sie Erdnussflips und Brezeln zum Frühstück wollte, aß sie Erdnussflips und Brezeln. Wenn sie bei fremden Leuten im Garten in einem Liegestuhl schlafen wollte, in die Hundedecke gewickelt und mit einem alten Paar Ohrenschützern, das sie irgendwo gefunden hatte, auf dem Kopf, dann machte sie das. Manchmal fuhren die Leute, bei denen sie wohnte, tagelang weg, und dann konnte sie im Haus tun und lassen, was sie wollte. Sie blieb die ganze Nacht auf und schlief den ganzen Tag und ließ den Fernseher laut an; sie wickelte sich in Duschvorhänge und tanzte in der Wanne. Ihre einzige Verpflichtung bestand darin, zu denen, bei denen sie gerade wohnte, genauso höflich zu sein wie diese zu ihr, also ihnen nie mit persönlichen Fragen nach ihrem Kommen und Gehen zur Last zu fallen.

"He, Mäuschen!", riefen sie, wenn sie mit Päckchen und Koffern beladen zur Haustür hereinkamen, flaschen- und schlüsselklimpernd. Manchmal nannten sie sie "Püppchen" oder "Mädel" oder "Rabauke" oder "Kumpel" (es gab sogar einen weißhaarigen alten Herrn, meist ausstaffiert mit schwarzem Leinenanzug und beigefarbenem Kaschmirschal, der sie gern "Lucy" nannte). Und immer brachten sie ihr Geschenke mit - Leckereien aus dem Lebensmittelladen, Puppen in knisternder Kunststoffverpackung, Schokoladenriegel groß wie eine Badezimmerwaage und Comics mit Superhelden. "Haben wir dir gefehlt? Hast du alles gefunden, was du brauchtest? Schau, wir haben dir auch wieder Erdnussflips mitgebracht, die magst du doch so, und hier diese superbilligen Kindervideos aus dem Wohltätigkeitsladen, mit, warte mal, das sind Glücksbärchis, und auf dem hier ist Snoopy. Hast du überhaupt schon mal einen Snoopy-Cartoon gesehen, Mäuschen? Wer Snoopy nicht gesehen hat, hat nicht gelebt." Diese Begrüßungen waren Sals liebste Gruppenaktivität mit fremden Leuten. In diesen kurzen Minuten oder Stunden war es, als gehörten sie alle zusammen.

Sie lagen gemeinsam vor dem Fernseher, die Leute streichelten ihr das Haar, und sie rollte sich auf ihrem Schoß zusammen wie ein großes, knochiges Kätzchen, eingewickelt in uralte Bettwäsche aus staubigen Schränken oder vom Dachboden. Die Wäsche roch nach Veilchenseife, nach Mottenkugeln und Schneckenschreck. Das war wohl Salomes liebste Duftkomposition auf der ganzen Welt.

"Was für schönes goldenes Haar du hast", sagten sie zu ihr. Der Rhythmus, mit dem ihre rauen Hände darüberstreichelten, wurde immer gleichmäßiger und sanfter. "Woher hast du nur so weiches, seidiges Haar? Und deine Haut ist so rosig und frisch, wie ein wunderschöner nagelneuer Seidenschal, den noch nie jemand gewaschen hat. Wie ist es nur möglich, dass wir ein so bezauberndes kleines Geschöpf gefunden haben, wie es da an der Schnellstraße entlangging und eine weggeworfene Apfelsine aß? Bist du nicht froh, dass wir dich gefunden haben, Schatz? Vielleicht machen wir dir irgendwann ein eigenes Zimmer im Untergeschoß zurecht. Hättest du gern ein eigenes Zimmer im Untergeschoß, Schatz? Du musst es nur sagen, dann bekommst du es."



Oft schlief sie auf ihrem Schoß ein, aber genauso oft kam es vor, dass sie vorher einschliefen. Das Streicheln der rauen Finger wurde langsamer, dann hörte es auf. Das Atmen ließ nach; sie schnarchten. Ihre Arme schienen umso schwerer, je mehr sie ermatteten, als halte nur der wache Geist sie wie einen Korken auf der Oberfläche der toten Materie, bis es schließlich Salome darunter zu heiß und eng wurde. Sie konnte die fremden Arme nicht wegheben; sie konnte sich nur drehen und winden, konnte die Umklammerung gerade we

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