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Die Lichtsammlerin von Kramlovsky, Beatrix (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 13.05.2019
  • Verlag: hanserblau
eBook (ePUB)
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Die Lichtsammlerin

Großmutter, Mutter und Tochter. Dazwischen zwei Kontinente, ein Jahrhundert und ein Geheimnis, das die Familie zerreißt: Marys Großmutter Rosa wird wie eine Heilige verehrt. Wenn Mary nach dem Grund fragt, bleibt ihre strenge Mutter Erika stumm. Wollte sie doch mit der Flucht nach Australien in den 1940er Jahren alles hinter sich lassen. Als alte Frau kehrt Erika in ihre Heimat zurück, und die Erinnerung kommt mit aller Macht wieder. Sie erzählt, und ihre Tochter Mary begreift, warum für die Frauen ihrer Familie Liebe immer nur Verlust bedeutet hat.
Beatrix Kramlovsky erzählt mitreißend die Geschichte dreier starker Frauen, die sich in den Zerwürfnissen des 20. Jahrhunderts behaupten.

Beatrix Kramlovsky, geboren 1954 in Oberösterreich, lebt als Künstlerin und Autorin in Niederösterreich. Sie studierte Sprachen und veröffentlichte Kurzgeschichten, Gedichte und Romane. Ein Aufenthalt in Ostberlin (1987-1991) führt zu einem Publikationsverbot in der DDR. Sie wurde mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet. Neben ausgedehnten Reisen liebt Beatrix Kramlovsky die Arbeit in ihrem großen Garten. 2019 erschien ihr Roman Die Lichtsammlerin bei hanserblau.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 256
    Erscheinungsdatum: 13.05.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783446263154
    Verlag: hanserblau
    Größe: 2045 kBytes
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Die Lichtsammlerin

Ein Dilemma

Es hatte 2011 mit Anrufen zu seltsamen Tageszeiten begonnen, mit einer verzagten Stimme, die irritiert klang, manchmal voller Angst, und mir oft fremd erschien. Es endete ein Jahr später mit Anrufen der besten Freundin meiner Mutter, die mir klarmachte, dass ich in Europa gebraucht wurde, auf einem Kontinent, der mir nichts bedeutete.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete ich als Journalistin bei einem privaten Radiosender, wo ich Skripts schrieb, aber auch als Sprecherin für Features, die ich mir selbst aussuchen konnte. Es war ein großartiger Job. Ich lebte mit Jerry, den ich seit vielen Jahren liebte. Wir waren erst zusammengezogen und hatten geheiratet, nachdem ich diese Stelle 2009 angenommen hatte. Meine Mutter hatte ich lange nicht mehr gesehen. Ich weiß, wie das klingt, aber es gab Gründe dafür.

Und jetzt das: ein Hilfeschrei, als wäre plötzlich ich die Mutter und sie das bedürftige Kind.

»So läuft es«, sagte Angie ungerührt, als ich sie um Rat bat. »Da müssen wir alle durch.«

»Du meinst uns Töchter«, warf ich ein und erschrak kurz über die Säure in mir.

»Natürlich die Töchter. Kannst du dir vorstellen, unsere Brüder würden ihre Freizeit beschneiden, ihre Karrieren unterbrechen?«

»Joey ist im Norden und beglückt vermutlich Touristinnen. Außerdem hast du leicht reden, deine Mutter wohnt nur eine halbe Stunde entfernt. Meine wohnt auf der anderen Seite der Erdkugel.«

»Du wirst dich trotzdem entscheiden müssen: Entweder du holst Ricky her oder du fliegst zu ihr hin.«

»Sie hasst Australien. Immer noch.«

»Dann bleibt dir nichts anderes übrig. Sie ist deine Mutter.«

»Ich habe ein eigenes Leben.«

»Sie verliert ihres gerade.«

Ähnlich verlief das Gespräch mit meinem Boss. Er sah die Notwendigkeit, die Pflicht des Kindes, es stand für ihn außer Frage, dass ich mich um eine Langzeitversorgung vor Ort kümmern musste. Es würde doch ähnlich wie bei uns funktionieren, sagte er, Europa sei fortschrittlich. Gehörte Österreich nicht zu den reichen Ländern? Es hatte vorbildlich im Balkankrieg den Flüchtlingsstrom versorgt. Oder nicht? Außerdem gab es dort jede Menge Kunst, Kultur, Musik, Schlösser. Was für eine Chance für mich, das alles zu sehen. Wurzelpflege, sagte er. Ganz wichtig für Immigranten. Ob ich nicht den Aufenthalt für eine neue Reihe nutzen könnte. Natürlich halte er mir den Platz frei, eine so ausgezeichnete Journalistin, Rechercheurin, Stimme einer ganzen Generation hier im Südosten. Blablabla.

Es geht um Demenz, nicht um eine Wiederentdeckung, dachte ich. Wieso verstand niemand meinen Schock? Mein wunderbarer Job, mein glückliches Leben mit Jerry. Körper auf Distanz. Mir graute.

Das Verhältnis zu meiner Mutter war von Anfang an schwierig, auch wenn Daddy das selten zugab. Aber Daddy war fünfzehn Jahre tot. Mama hatte sein Grab seit der Beerdigung nie wieder besucht. Manchmal redete sie am Telefon über ihn in ihrem Österreichisch, das breiter geworden war, sich anders anhörte als in meiner Erinnerung. Wenn sie schnell sprach, verstand ich nur Bruchstücke.

Früher wollte meine Mutter immer wissen, wo ich mich gerade aufhielt. Herumtreiben in den Terrarien anderer, nannte sie das. Manchmal reiste sie in Europa, im Gepäck die Bücher, die ihr helfen sollten, das Unbekannte heranzuholen. Meine Mutter hielt wenig von mir, aber sie hielt prinzipiell vom Leben wenig, erwartete sich lieber ein opulentes Feuerwerk danach und einen Himmel voll immerwährender Sicherheit. Überraschungen traute sie nicht. Als die Krankheit sich eingenistet hatte, kam zu ihren vielen Ängsten die Furcht vor dem Vergessen dazu.

Ich war 1955 in Melbourne zur Welt gekommen. Zu diesem Zeitpunkt hatten meine Eltern bereits zwei Jahre an der Grenze zwischen New South Wales und Victoria hinter sich. Mein Vater hatte beim Bau der Wasserkraftwerke am Murray-Fluss m

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