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Die Liebenden im Chamäleon Club Roman von Prose, Francine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 21.03.2016
  • Verlag: C. Bertelsmann
eBook (ePUB)
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Die Liebenden im Chamäleon Club

Ein meisterhafter Roman über die Macht des Bösen
und die unvorhersehbaren Konsequenzen der Liebe

Sie war Wettkampfsportlerin und erfolgreiche Rennfahrerin. Später arbeitete sie in einem Pariser Transvestitenclub. Sie trug Männerkleidung und liebte Frauen. Sie verriet ihr Land an die Deutschen und arbeitete unter der Besatzung für die Gestapo.

Basierend auf einer wahren Biografie entwirft Francine Prose die faszinierende Lebensgeschichte von Lou Villars, die auf der Suche nach Liebe und Anerkennung immer tiefer in einen Strudel aus Gewalt und Tod gerät. Der vielstimmige Roman lässt die spannungsreiche Vorkriegsepoche und die Zeit des Zweiten Weltkriegs lebendig werden. Francine Prose erzählt von Liebe und Kunst, von Krieg und Spionage, von Verführung und Verrat - und wie Geschichte sich verändert, abhängig davon, wer sie erzählt.

Francine Prose, geboren 1947, hat zahlreiche preisgekrönte Romane und Sachbücher veröffentlicht. Sie war für den National Book Award nominiert und ist Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Die Autorin lebt in New York.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 544
    Erscheinungsdatum: 21.03.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783641148140
    Verlag: C. Bertelsmann
    Originaltitel: Lovers at the Chameleon Club
    Größe: 963kBytes
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Die Liebenden im Chamäleon Club

Paris

14. Mai 1924

Liebe Eltern,

gestern Abend besuchte ich einen Club in Montparnasse, in dem Männer sich wie Frauen kleiden und Frauen wie Männer. Papa hätte es sehr gefallen. Und Mamas Gesicht hätte sich zu diesem besonderen Lächeln verzogen, mit dem sie auf Papas Leidenschaft für alles Französische reagiert.

Das Etablissement nennt sich Chamäleon Club. Man muss von der Straße ein paar Stufen hinabsteigen, und man braucht ein Kennwort. Es lautet: Aufmachen, Polizei! Die Gäste finden das amüsant.

Eine Bar, eine Bühne, eine Tanzfläche, lederbezogene Bänke mit kleinen Tischen davor. Ein typischer Pariser Nachtclub, bis auf die Klientel. Aber das Überraschendste daran: Die Besitzerin ist Ungarin. Sie nennt sich Yvonne. Sie ist groß und blond, trägt Rot und hat eine Schwäche für Matrosen. Sie singt mit einer dieser rauchigen Stimmen, für die Papa schwärmt, verhalten und tränenerstickt. Als sie sang, hörte ich Papas Phonographen leise und gedämpft aus seinem Arbeitszimmer.

Yvonnes Lied handelte von einer Frau, deren Geliebter, ein Matrose, auf See ertrunken ist. Nie habe ich ein traurigeres Lied gehört, nicht mal von den Zigeunern. Yvonne sang mit geschlossenen Augen und fuhr sich dabei mit einer Hand durchs Haar. In der anderen, an die Stirn gedrückten Hand hielt sie eine unangezündete Zigarette.

Nie werde ich ihn wiedersehen, sang sie. Nie. Nie wieder. Vom verstimmten Klavier ertönte ein schwermütiges Arpeggio, während das Tenorsaxophon ihre Stimme umkreiste. Die anderen Musikerinnen senkten ihre Instrumente, lehnten sich zurück und sahen Yvonne zu. Es ist vorbei, sang sie. Alles vorbei.

Mir fuhr ein Frösteln in die Glieder, obwohl es im Club verraucht und heiß war. Ich tastete nach meiner Kamera, wie ich als Junge nach Euren Händen suchte, um mich daran festzuhalten. Aber ich hatte sie in meinem Hotelzimmer gelassen. Ich hoffte, ein wenig Anschluss zu finden, bevor ich darum bat, Fotos von Bankiers und Diplomaten machen zu dürfen, deren Frauen womöglich nichts davon wussten, dass ihre Gatten in Stöckelschuhen und Kleidern zum Tanzen gingen.

Selbst nach einem Jahr in Paris war es etwas gewöhnungsbedürftig. Am schwersten fiel mir, nicht zu starren. Oder wurde das Starren von mir erwartet? Diese Paradiesvögel zu fotografieren, wird eine Herausforderung sein, meint Ihr nicht?

Lediglich mit einem Lächeln - oder sagen wir, einem Lächeln in den Augen - versuchte ich, meine Bewunderung für die Eleganz der Frauen im Smoking kundzutun, die Frauen in Abendkleidern begleiteten. Als scherten sich diese prächtigen Pfauen auch nur einen Deut darum, was ein mittelloser ungarischer Künstler von ihrer Garderobe hielt! Selbst Papa gibt zu, dass die Franzosen schon immer gemischte Gefühle für jeden hegten, der nicht seit der Zeit der Neandertaler in Frankreich gelebt hat, wenngleich sie hier in Montparnasse alles Exotische mögen.

Als Yvonne die zweite Strophe beendete, hatten sich alle in sie verliebt. Ich ließ meiner Rührung freien Lauf und weinte wie alle anderen. Das Meer wusste, wo ihr Matrose war. Wir haben ihn gesehen, sagten die Wellen. Er schläft jetzt bei uns. Du wirst seine Lippen nie wieder küssen, seinen Körper nie wieder an deinem spüren.

Yvonne löste sich aus ihrem Lied, in das sie ganz versunken war, richtete sich auf und breitete die Arme aus. Das Publikum explodierte. Sie zündete die Zigarette an, stieß eine lange Rauchwolke aus und hieß die Menge in ihrem Zuhause willkommen, das sie als das ihre betrachten sollten, einen Ort, an dem sie so frei sein konnten, die Hosen runterzulassen, die Beine auszustrecken und sich zu amüsieren. Sie sagte auch noch anderes in dieser Manier und machte dazu ein paar Witze, die Mama in Verlegenheit gebracht hätten, wohingegen Papa den französischen Humor goutiert hätte.

Ich spürte, dass Yvonne uns dafür auslachte, so traurig zu sein, obgleich sie es war, die uns mit ihrem Lied übe

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