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Die Liebenden von Dschidda Roman von Addonia, Sulaiman (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 20.10.2014
  • Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
eBook (ePUB)
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Die Liebenden von Dschidda

Er hat ihr Gesicht nie gesehen und ihre Stimme nie gehört - und doch liebt er sie mehr als sein Leben. Fiore liebt Naser, und Naser liebt Fiore. Verbotenerweise. Denn Fiore trägt den Schleier, und Naser ist fremd in der saudiarabischen Metropole Dschidda. Pinkfarbene Schuhe werden zum geheimen Erkennungszeichen und ein blinder Imam zum unwissentlichen Boten ihrer Liebe. Doch überall lauern die tausend Augen der Religionspolizei.

Sulaiman Addonia wurde in Eritrea geboren. In seiner Kindheit verbrachter er nach dem Om Hajar Massaker von 1976 etliche Jahre in einem Flüchtlingscamp im Sudan. Später lebte und studierte er in Dschidda, Saudi Arabien. Seit 1990 lebt er in London. Die Liebenden von Dschidda ist sein erster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 383
    Erscheinungsdatum: 20.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783455813029
    Verlag: Hoffmann und Campe Verlag
    Originaltitel: The Consequences of Love
    Größe: 702kBytes
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Die Liebenden von Dschidda

Der Schwarzweißfilm

Der zweite Freitag im Juli 1989 war ein Tag des Aufbruchs. Alle, die sich einen Urlaub leisten konnten, machten sich an jenem Abend in der Stadt Dschidda zur Abreise bereit. Ich hatte mein Fenster weit geöffnet, um die feuchte Brise hereinzulassen. Die Luft war geschwängert vom Geruch des würzigen Kabsa und dem Duft von Herrenparfüm, Aromen, die sich ausbreiteten, wenn der Tag sich dem Ende neigte.

Das Telefon klingelte. Nach dem sechsten Läuten griff ich zum Hörer. Es war Dschasim. Er wollte, dass ich ins Café kam, um sich von mir zu verabschieden. Am nächsten Tag würde er nach Paris reisen. Er fuhr regelmäßig ins Ausland und brachte stets Geschenke mit nach Hause, von denen er annahm, dass sie bei denen, die er liebte, Wollust entfachten. Außerdem sollte ich die Briefe bei ihm abholen, die ich meiner Mutter zuletzt geschrieben hatte. Seit ich Dschasim kannte, gab ich sein Café als Absenderadresse an. Ich hatte schon viele Briefe an sie losgeschickt, aber sie kamen immer wieder zurück.

Als ich Dschasim vor einigen Jahren kennenlernte, lebte ich in einer winzigen Wohnung in einem kleinen zweistöckigen Gebäude. Mehr konnte ich mir nicht leisten, da ich in der Autowäscherei nur vierhundert Rial monatlich verdiente. Das Haus lag am ärmlichen Ende einer langen Straße, die in einen Kreisel mündete und aussah wie ein Mann mit einem Riesenbauch und langen dünnen Beinen. Hinter dem von Geschäften und Restaurants gesäumten Verkehrsrondell verengte sie sich wieder in Richtung Kharentina.

Tagsüber glänzten die weiß getünchten Häuserzeilen in der Sonne, und auf der Straße tummelten sich weit mehr Männer in weißen thobs als Frauen mit schwarzen abajas . Es war eine Szenerie wie in einem alten Schwarzweißfilm.

Ich spazierte an Häusern vorbei, in deren Gärten die Bäume sich sanft im Wind wiegten wie Ballerinen. In der al-Nuzla-Straße stand das höchste Gebäude unseres Viertels, das mit seinen neun Stockwerken alle anderen weit überragte. Es war auch deshalb berühmt, weil darin reiche Leute wohnten.

Auf dem Gehweg vor mir schlenderten zwei junge Männer Hand in Hand. Sie gingen in den jemenitischen Laden. Kurz darauf blieb ich stehen, um einen Mann in dschallabija und taqiye vorbeizulassen, der eine Kiste mit Pepsi-Plastikflaschen trug. Ich stopfte mein T-Shirt in die Trainingshose und setzte meinen Weg fort.

Ein Hauch von Moschus lag in der Luft, der von der größten Moschee unseres Viertels herüberwehte. Bis vor kurzem hatte ich bei meinem Onkel direkt neben der Moschee gewohnt. Mein neues Zuhause lag zwar in derselben Straße, aber ein paar Häuserblocks entfernt. Sechs bärtige Männer warteten vor der Moschee. Sie standen so dicht beisammen, dass es aussah, als wären sie an Hüften und Schultern zusammengewachsen.

Als der blinde Imam die Moschee verließ, traten sie beiseite, um ihm Platz zu machen. Seinetwegen nahm ich nicht mehr an den Gemeinschaftsgebeten teil. Der Imam hatte sich bei einem großgewachsenen Mann untergehakt, der eine schwarze Ledertasche in der Hand hielt. Ihre langen Bärte bewegten sich leicht im Wind, als sie auf mich zukamen.

Ich wechselte rasch auf die andere Straßenseite, senkte den Kopf und ging in der ihnen entgegengesetzten Richtung weiter.

Plötzlich raste ein mir wohlbekannter Jeep mit getönten Fensterscheiben auf mich zu und kam mit quietschenden Bremsen zum Stehen. Ich erstarrte. Die Religionspolizei. Am liebsten wäre ich davongelaufen, aber meine Beine waren wie aus Blei. Drei bärtige Männer sprangen aus dem Wagen und näherten sich mir. Ich stand da wie festgenagelt. Aber sie gingen an mir vorbei in das Gebäude hinter mir.

Nur Sekunden später kamen sie mit Mohsin in ihrer Mitte heraus. Ich hatte zwar nie mit ihm gesprochen, kannte ihn aber aus der Schule. Mohsin war nicht zu verwechseln - er ahmte den romantischen Stil von Omar

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