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Die Nacht vor der Scheidung Roman von Márai, Sándor (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 10.12.2012
  • Verlag: Piper Verlag
eBook (ePUB)
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Die Nacht vor der Scheidung

Es ist die Nacht vor der Scheidung, in der der angesehene Budapester Arzt Imre Greiner seinen Freund aus Jugendzeiten, den Richter Kömüves, um ein dringendes Gespräch bittet. Nur von ihm glaubt er Antwort auf eine entscheidende Frage zu erhalten. Obsession und existentielle Einsamkeit, emotionale Nähe und der Zerfall einer Lebensordnung - unter der Vorahnung des Zweiten Weltkriegs verbinden sich die Schicksale dreier Menschen auf tragische Weise. 'Ein Liebes-Beziehungs-Drama am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, psychologisch tieflotend und brillant erzählt.' Focus Sándor Márai, 1900 bis 1989, gehörte zu den gefeierten Autoren Europas, bis er 1948 mit seiner Emigration nach Italien und in die USA in Vergessenheit geriet. Mit der Wiederentdeckung des Romans 'Die Glut' wurde er 1998 weltweit gelesen und als einer der bedeutendsten Schriftstellers des 20. Jahrhunderts erkannt. Der Niedergang des europäischen Bürgertums zählt zu seinen wichtigsten Motiven.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 224
    Erscheinungsdatum: 10.12.2012
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492960069
    Verlag: Piper Verlag
    Originaltitel: Valas Budan
    Größe: 1973 kBytes
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Die Nacht vor der Scheidung

1

Zu Anfang September war es noch sehr heiß. An einem solchen Frühherbstnachmittag, der von Sonne durchglüht war, studierte der junge Richter Christoph Kömüves in seinem Amtszimmer die Akten der Scheidungsprozesse.

Ein Fall erregte seine besondere Aufmerksamkeit, weil er das Ehepaar, das am nächsten Tag geschieden werden wollte, persönlich kannte. Der Ehemann, ein bekannter junger Arzt, Leiter des Laboratoriums einer hauptstädtischen Heilanstalt, war sein Schulkamerad gewesen. Sie hatten zusammen die Unterprima besucht und einander auch später noch bei geselligen Anlässen des Universitätslebens, bei Bällen und Versammlungen getroffen. Der Richter hatte stets gern an diesen bescheidenen, stillen, fast schüchternen Schulgenossen zurückgedacht. Jetzt, als er die Akten durchblätterte, stand die Gestalt des Arztes klar vor ihm: Er sah wieder den zwei- oder dreiundzwanzigjährigen jungen Mann, wie er bei einem längst vergangenen Universitätsball in der prächtigen Halle eines großen Hotels herumstand und mit belegtem Lächeln undder hilflosen Geste des in der großen Welt nicht beheimateten Menschen die freundlich-herablassenden Fragen der hohen Herren beantwortete. In der Gruppe befand sich auch er, der junge Rechtspraktikant, der plötzlich Sympathie für den schon fast vergessenen Schulkameraden empfand.

Dies war der Augenblick einer jäh aufflammenden, durch nichts begründeten Zuneigung. Dann jedoch, als wären sie durch unüberwindliche Schranken getrennt, gingen sie mit wenigen oberflächlichen Worten und höflichem Lächeln aneinander vorbei. Die unbeholfenen und zaghaften Annäherungsversuche wiederholten sich: Von Zeit zu Zeit begegneten sie einander auf der Straße, begrüßten sich freundlich, wußten aber zugleich, daß auch diese Begegnung nur zu einem flüchtigen Händedruck und einigen verlegen gestammelten Worten führen würde, obgleich sie über mehr und "anderes" sprechen wollten.

Worüber eigentlich? Der Richter verlor sich in Gedanken und trat versonnen ans Fenster. Vom Gefängnishof drang das Rumpeln eines Lastwagenszu ihm hinauf. Er hörte die Befehle der Gefängniswärter, dann den dumpfen Fall schwerer Gegenstände, wahrscheinlich waren es Säcke. Diese Zeichen menschlicher Betriebsamkeit drangen in die Stille seines Amtszimmers, dessen Fenster gegenüber der von kleinen Luftlöchern unterbrochenen Feuerwand des Gefängnisses lag. Er, als ein im Rang untergeordneter, am Anfang seiner Laufbahn stehender Beamter, hatte vorerst diesen wenig komfortablen, im Sommer stickigen, an Winternachmittagen schon frühzeitig dunklen Raum erhalten. Die straßenseitig gelegenen größeren Zimmer wurden von den älteren und höhergestellten Beamten genutzt, und er hielt dies auch für durchaus angemessen. Ja, nun sah er es deutlich, im Hofe hoben Gefangene Säcke von einem Lieferwagen und verschwanden mit ihrer Last auf den Schultern im Gänsemarsch hinter der Falltür des Untergeschosses.

Der Richter arbeitete bereits seit drei Jahren in diesem Zimmer und beobachtete täglich einige Minuten lang das Leben und Treiben dort unten. Die Sträflinge wurden zum Spaziergang auf diesen Hof geführt, die Angehörigen der Verhafteten und Verurteilten eilten in der Besuchszeit hierher, und dies war auch der Weg der Gefangenen, wenn sie zum Verhör oder zur Verhandlung ins Gerichtsgebäude bestellt waren. Bis zum Überdruß kannte Kömüves die eintönige Melodie dieser traurigen, düsteren Welt, aber es verging trotzdem kein Tag, an dem er sich nicht ans Fenster gestellt und dem Treiben eine Weile zugesehen hätte, als wollte er sich immer wied

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