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Die nackten Masken von Malerba, Luigi (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 28.03.2013
  • Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
eBook (ePUB)
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Die nackten Masken

Spiele der Macht und Leidenschaft in Rom: Nach dem Tode Leo X. wird ein asketischer Flame zum Nachfolger. Die freizügige, lebenslustige römische Gesellschaft stürzt ins Chaos. Dieser historische Roman hat Malerba in Deutschland bekannt gemacht. Nach langer Regierungszeit voll Luxus und Korruption stirbt der Medici-Papst Leo X., der große Gegner Luthers. In Rom wählen die zerstrittenen Kardinäle ratlos einen Abwesenden zum neuen Papst, einen Flamen und mickrigen Asketen. Diese unerhörte Wahl führt zu Aufregung und zu Aufruhr: Die korrupte Bürokratie zittert, die Fetten fallen vor Schreck vom Fleisch, Huren und Künstler bangen um Kundschaft, Bestochene um Bestechungen, das Volk tobt über den Ausländer. Die Kardinäle müssen sich in acht nehmen, verrammeln sich in ihren Palästen und versuchen, ihre gewohnten Intrigensuppen auf häuslicher Flamme zu kochen: Wie komme ich zu frischem Geld, neuen Frauen, noch mehr Pfründen? Luigi Malerba wurde 1927 in Berceto bei Parma geboren. Er gehörte zu den Gründern des Gruppo 63, schrieb Theaterstücke, Drehbücher, Erzählungen und Romane. Der phantasievolle Geschichtenerzähler, der zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren Italiens zählt, starb 2008 in Rom.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 288
    Erscheinungsdatum: 28.03.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783803141323
    Verlag: Verlag Klaus Wagenbach
    Originaltitel: Le maschere
    Größe: 1926 kBytes
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Die nackten Masken

Der chinesische Schlaf

Kardinal Cosimo Rolando della Torre machte gerade ein Schläfchen in seinem Arbeitszimmer in der Beletage seines Palasts an der Piazza dell'Oro am Ende der Via Giulia. Hinter den Scheiben der zwei hohen Fenster, die auf den Tiber hinausschauten, glühte die Sommersonne und entzog der feuchten Erde in den Wein- und Gemüsegärten längs des Flusses einen dichten Dunst, der seit den ersten Morgenstunden reglos über Rom lag und die Umrisse der Engelsburg verwischte und das ganze Panorama des Borgo und des Vatikanischen Hügels verschwimmen ließ. Schon zweimal war ein Vogel gekommen und hatte mit den Flügeln gegen die Scheiben geschlagen, in der Hoffnung, eine Bleibe und vielleicht ein wenig Futter zu finden, und hatte den Kardinal aus dem Schlaf gerissen, der sich nun fragte, warum wohl alle gerade bei ihm Schutz suchten, der ohnedies so viel Mühe hatte, die in seinem Palast ansässige familia zu erhalten. Einem kurzen Gedanken folgend, sagte er sich, daß sein magerer Kardinalsunterhalt ihm nicht erlaube, seinen Hausstand zu vergrößern, nicht einmal um die Gegenwart dieses lästigen Vogels, der nicht begriff, daß dies kein günstiger Moment war, ihn um Gastfreundschaft zu bitten.

Der Kardinal hatte die Füße in erholsamer Haltung auf eine Fußbank gestützt, in den für den nachmittäglichen Schlaf gelösten Pantoffeln. Den Füßen pflegte der Purpurträger alle seine Beschwerden zuzuschreiben, auch die häufigen Anfälle von Migräne, und ihnen widmete er weiche Samtpantoffeln, seidene Strümpfe und auch ein paar Gebete. In der Hand, die von der Armlehne des strengen Sessels herunterbaumelte, der zwischen den beiden Fenstern stand, hielt der Kardinal einen großen Schlüssel fest umklammert. Dann und wann umnebelte sich sein Sinn für eine kurze Weile, die Augen fielen ihm zu, der Kopf sank nach hinten und die Finger lockerten ihren Griff, bis der Schlüssel herunterfiel und das metallische Klirren auf dem Marmorboden den kaum begonnenen Schlaf unterbrach.

Der Kardinal richtete den Kopf wieder auf, öffnete wieder die Augen, und streckte langsam die Hand aus, um den Schlüssel aufzuheben. Dann lehnte er den Kopf erneut gegen die Rückenlehne seines hohen Sessels, senkte die Augenlider, und war erneut zum Schlaf bereit. Kein Gedanke durchzog seinen Sinn, nur das verschwommene Bild eines weiblichen Gesichts, das in einer Wolke von Traum und nachmittäglicher Schwüle erschien und verschwand.

Kurze Augenblicke der Ruhe verstrichen, bis die Hand ihren Griff lockerte und der Schlüssel durch das gewohnte metallische Klirren auf dem Marmorboden seinen Schlaf abermals unterbrach. Geduldig und mit eingeübter Hartnäckigkeit hob der Kardinal den Schlüssel auf und schickte sich an, die seltsame Übung zu wiederholen.

Mit dieser Kriegslist, die wie eine ausgeklügelte Folter erscheinen mochte, wollte der Kardinal sich nicht für die Sünden bestrafen, die er trotz der hohen Würde des Purpurs sicherlich begangen hatte. Er bediente sich vielmehr einer alten chinesischen Methode, um in ständiger Alarmbereitschaft zu sein. Es scheint in der Tat, daß jene kurzen Momente, in denen der Schlaf den Geist verdunkelt und sich unserer Glieder bemächtigt, diejenigen sind, die eine wahre Erholung gewähren - mehr als ein langer Schlaf. Und Gott weiß, wie sehr der Kardinal della Torre Erholung nötig hatte in jenen Tagen städtischer Turbulenzen und zermürbender Verhandlungen innerhalb der Römischen Kurie. Beunruhigungen, Intrigen, Bitterkeiten, Verdächtigungen, zusammen mit den Qualen der Migräne, hatten sich um die Person des Kardinals, seinen Palast und seine familia verdichtet.

Der Kardinal war mit der Zeit an die täglichen Täuschungen gewöhnt, die notwendig waren für das Überleben in jener Periode fortgesetzter Ungewißheiten und jäher Veränderungen an der Spitze der provisorischen Regierung des Kirchenstaats - von Mal

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