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Die Nebel des Morgens Verbotene Erinnerungen des letzten Nibelungensohns. Roman von Alvarez, Viola (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 17.03.2009
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Die Nebel des Morgens

Europa im späten fünften Jahrhundert. Ein Skalde wird von zwei Soldaten entführt und verschleppt. Obwohl der Dichter seit zwei Jahren kein Wort mehr gesprochen hat, ist er für den machtgierigen Auftraggeber der Entführung, einen minderen Burgunderkönig am Rhein, wertvoller als pures Gold.

Denn er ist Bryndt Högnisson, das Kind von Königin Brynhild und ihrem heimlichen Geliebten Hagen von Tronje. Und Bryndt ist der Einzige, der die Wahrheit über die namenlose Tragödie im Hunnenland kennt ...

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 703
    Erscheinungsdatum: 17.03.2009
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783838700304
    Verlag: Bastei Lübbe AG
    Größe: 1190 kBytes
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Die Nebel des Morgens

Vor dem Anfang

Eine Geschichte mit ihrem Anfang zu beginnen, hieße zu glauben, dass es ein Ende geben könnte. Beides ist eine Lüge. Diese Geschichte hat keinen Anfang, und sie hat kein Ende.

Es gibt nur Erinnerungen und Vergessen. Das Vergessen gewinnt schließlich immer. Der Kampf zwischen Lügen und Wahrheit endet auf einem verlassenen Schlachtfeld, und nichts bleibt außer stummen Trümmern, die beiden gedient haben.

Dies ist die Geschichte meiner Familie. Alle haben sie mittlerweile so oft gehört, dass es jedem so vorkommt, als ginge es dabei um Leute, die man wirklich kennt. Für mich trifft das zu.

Ich erzähle von wirklichen Menschen, nicht jenen Sagengestalten, die überlebensgroß durch hehre und doch simple Lieder sirren. Ich weiß, wie sie aussahen, wie sie klangen, wie sie rochen.

Ich wünschte, ich könnte sagen, dass dies wirklich nur meine Geschichte ist, eine Familiengeschichte. Etwas, das wir alle haben, vor dem wir alle fortlaufen, was uns trotzdem sagt, wer wir sind.

Heimlich, verborgen hinter meiner Stille, der Gleichmut gegen die Dummheit und Brutalität, die mich umgibt, wünsche ich mir, dass es allein meine Erinnerung an Untergegangene, Vergessene und Verzerrte wäre, die mir erklären würde, was unerklärlich ist. Eine Geschichte, die mich in dieser Welt verankert, in der es mir immer so schwer gefallen ist zu sein. Ich wünsche mir, dass mein Leben einen Sinn hätte durch meine Geschichte, das Leid, die Tränen, das viele ungewollte Sehen, die Worte, die mir so leicht kommen. Aber es ist nicht nur meine Geschichte. Es ist die Geschichte so vieler Menschen, fast alle tot zu dieser Zeit, eine Geschichte der Untergegangenen. Es gibt Menschen, die habe ich gesehen, in Nord, Ost, Süd und West, denen ist nie etwas Besonderes geschehen. Sie leben, sie arbeiten, sie sterben. Ich habe diese Menschen lange beneidet.

Was macht meine Geschichte anders?

Es ist etwas daran, das mit Recht zu tun hat.

Vielleicht ist das der Sinn meines Lebens, vielleicht der einzige, diese Geschichte zu erzählen, um das Unrecht zu Recht zu machen, die Lügen zu Wahrheit. Mag sein, dass ich nicht das Ende dieses Liedes bin, sondern nur eine Wendung.

Ich überlasse es, Ihr Fremden, Eurem Urteil.

Wenn meine Mutter diese Geschichte erzählte, später in ihrer Krankheit, dann fing sie immer so an:

"Als die Götter sich langweilten, begannen sie ein Spiel.

Sie warfen uns alle in einen Beutel wie Runen und schüttelten uns im Dunkeln hin und her. Dann leerte Odin selbst den Beutel aus und lachte. 'Jetzt wollen wir sehen!', sagte er, 'jetzt wollen wir sehen, wo sie hingehen werden, wenn ihnen nicht mehr schwindlig ist!' Und seine Raben lachten auch.

Dann sahen die Götter uns zu, wie wir versuchten, uns zurechtzufinden. Aber es unterhielt sie nicht lange. Als die Götter sich langweilten und spielten, gaben sie nicht Acht. Es geschahen Fehler", sagte sie. Dann sah sie mich an.

War ich das in ihren Augen? Ein Fehler? Oder bat sie im Gegenteil mich um Verzeihung für die Fehler, die sie selbst gemacht hatte. Fehler, die mein Leben lange formen sollten, zu lange. Ich brauchte so viele Jahre, bis ich aufhörte, nur der Sohn meiner Eltern zu sein. Alte Fehler, junge Fehler, es ist egal.

Ich bin lange kein Kind mehr. Ich glaube nicht an die Götter und ihre Spiele. Ich glaube nur an den Wind und seine Worte. Ich bin nicht verrückt, auch wenn alle das denken.

Meine beiden Wächter unterhalten sich oft darüber, wie seltsam ich ihnen vorkomme. "Der hat sie doch nicht alle", sagt der, der wie ein Hahn aussieht. Das sagt er jeden Morgen, seit sieben Tagen. "Der ist so verrückt wie eine Fledermaus", sagt dann der andere jedes Mal in seiner nervtötenden Einfallslosigkeit. Jeden Morgen, seit sieben Tagen. Der Hahn und der Einfallslose - das ist nun meine Gesellschaft. Sie finden alles, was ich tue oder meistens eher nicht tue, bemerkenswert, als Beweis

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