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Die Perlenfischerin Historischer Roman von Weiß, Sabine (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 29.03.2019
  • Verlag: Bastei Lübbe AG
eBook (ePUB)
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Die Perlenfischerin

Norddeutschland, an der Wende zum 13. Jh.: Bei der Zerstörung der alten Handelsstadt Bardowick wird die kleine Ida vom Rest ihrer Familie getrennt. Fortan wächst sie bei einer Einsiedlerin am Ufer des Flusses Ilmenau auf. In der Natur findet Ida Trost, und sie entwickelt ein Talent dafür, kostbare Perlmuscheln zu finden. Als sie Jahre später mehr über ihre wahre Herkunft erfährt, macht Ida sich gemeinsam mit ihrer Jugendliebe, dem Slawen Esko, auf die gefahrvolle Suche nach ihrer Familie. Ihr erstes Ziel: das noch junge Lübeck ... Sabine Weiß, Jahrgang 1968, arbeitet nach ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Journalistin. 2007 veröffentlichte sie ihren ersten Historischen Roman, der zu einem großen Erfolg wurde und dem viele weitere folgten. Im Sommer 2017 erscheint ihr erster Kriminalroman, Schwarze Brandung, dem weitere folgen. Unabhängig davon, ob sie gerade einen Krimi oder einen Historischen Roman schreibt: Sabine Weiß liebt es, im Camper auf den Spuren ihrer Figuren zu reisen und direkt an den Schauplätzen zu recherchieren. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nordheide bei Hamburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 703
    Erscheinungsdatum: 29.03.2019
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783732561407
    Verlag: Bastei Lübbe AG
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Die Perlenfischerin

1

Bardowick, im Jahre 1189 nach der
Fleischwerdung des Herrn, 26. Oktober

W enn doch das Seil um ihren Bauch nicht wäre, das sie zurückhielt! Ida zerrte an dem Hanf, kam aber keinen Schritt tiefer in den Fluss. Nur ein kleines Stück fehlte. Sie streckte sich noch einmal. Als es ihr endlich gelang, das Leinenhemd in die Strömung zu halten, war die Sechsjährige so gebannt von dem Anblick, dass sie kaum mehr spürte, wie ihr Körper eingeschnürt wurde. Immer neue Formen und Muster nahm der Stoff im Spiel der Wellen an. Wolkengleich waberte er, verwandelte sich in ein Schiff und gleich darauf in ein springendes Pferd.

"Ida, bist du denn noch nicht fertig? Deine Hände und Füße sind bestimmt schon halb erfroren!"

Das war ihre Mutter! Vor Schreck ließ Ida das Hemd los. Oje, sie hatte geträumt! Das Hemd sank, verschwand beinahe in den Strudeln, gerade noch konnte sie den letzten Zipfel packen. Wieder schaute sie den Bildern zu, die der Fluss ihr vor Augen stellte.

"Obacht!", schrie ihre Mutter.

Im gleichen Augenblick wurde Ida am Seil zurückgerissen. Wasser spritzte auf ihren hochgeschürzten Kittel.

Ihr Bruder stand am Ufer, das Seil in den Händen. "Siehst du den Prahm denn nicht, Trödeltrine?", fragte Bendix. Bis an den Rand war das Boot mit Salzfässern beladen und hielt direkt auf sie zu.

"Aua! Das tut doch weh!", schimpfte Ida.

Es war doch gar nichts passiert! Was Bendix sich einbildete! Dabei war er gerade mal acht, bloß zwei Jahre älter als sie. Ida fuhr mit der Zunge in die Zahnlücke, die ihre Vorderzähne hinterlassen hatten. Da war er, der neue Zahn; eine Spitze schaute schon heraus. Bald war sie groß, dann konnte sie machen, was sie wollte. Dann musste sie nicht mehr am Flussufer festgebunden werden. Sie konnte es kaum erwarten!

Ida stakste an den Frauen vorbei, die ebenfalls an der Furt wuschen oder Wasser holten.

Ein Pferd wieherte nervös. Wie immer warteten an der Hügelburg am anderen Ufer der Ilmenau Frachtwagen darauf, nacheinander die schmale Holzbrücke zu überqueren, die einzige weit und breit. Pferden machte der breite Fluss ebenso viel Angst wie ihrer Mutter; Magda sagte immer, die Ilmenau sei unberechenbar. Auch Ida hatte schon gesehen, wie ein Reiter in der alten, halb vergessenen Furt weggespült worden war - im Nu hatten die Fluten das kräftige Pferd mitgerissen. Das angstvolle Wiehern des Tieres war das Schrecklichste gewesen, das Ida je gehört hatte.

Die Mutter und Bendix hatten die saubere Wäsche bereits auf der Wiese zum Trocknen ausgelegt. Am Ufer nahm Magda Ida das Hemd ab und wrang es aus.

"Du bist ja ganz nass!" Ihre Mutter musterte sie streng. Ida schaute zu Boden und ließ andächtig den Flusssand zwischen ihren Zehnen hindurchquellen. "Ich glaube, wir werden auch dich in der Sonne ausbreiten müssen, was meinst du, Bendix?" Ihre Mutter umfasste sie wie ein Paket. Feixend ergriff ihr Bruder Idas Fußknöchel. Sie trugen Ida ins hohe Gras und kitzelten sie durch. Ida giekste und strampelte erleichtert, denn sie fand es ganz schrecklich, wenn ihre Mutter zürnte. Als sie vor Lachen nach Luft japsten, ließen die Geschwister sich auf die Wiese fallen, doch ihre Mutter scheuchte sie wieder hoch.

"Steht auf! Die Erde ist schon zu durchgekühlt, ihr holt euch was weg. Hoffentlich lässt das bisschen Herbstsonne unsere Hemden überhaupt trocknen. Vor dem Frühling werden wir kaum noch einmal waschen können", sagte Mutter.

Bendix war mit einem Satz auf dem Findling, aber Ida versuchte erfolglos, sich hochzuziehen, bis ihr Bruder sich erbarmte und ihr half.

Erst jetzt bemerkte sie, wie kalt ihr geworden war, und schmiegte sich an ihre Mutter. Die drei sahen dem Spiel von Sonne und Wolken auf der sanften, von Flussarmen durchzogenen Landschaft zu und beobachteten Schiffer, fahrende Kaufleute und Wäscherinnen. So wohlig und geborgen fühlte Ida sich, dass ihr die Lider schwer wurden.

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