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Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann Roman von Edwardson, Åke (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 14.10.2016
  • Verlag: Ullstein
eBook (ePUB)
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Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann

Åke Edwardson beschreibt minutiös das Drama eines Verlustes, erzählt von der Übermacht der Trauer und von dem Versuch, dem Unfassbaren etwas Sinn abzutrotzen. Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann ist ein sehr persönlicher Roman, von großer Allgemeingültigkeit. Was passiert mit einer Familie, die ihren Mittelpunkt verliert? Wenn das vertraute Leben von einer Sekunde auf die andere Vergangenheit ist? Und jedes Licht daraus verschwindet.

Åke Edwardson, geboren 1953, lebt mit seiner Frau in Göteborg. Einige Monate im Jahr verbringt das Ehepaar im Süden Spaniens, in Marbella. Bevor Edwardson einer der weltweit erfolgreichsten Krimiautoren wurde, arbeitete er als Journalist u. a. im Auftrag der UNO im Nahen Osten.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 336
    Erscheinungsdatum: 14.10.2016
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783843714549
    Verlag: Ullstein
    Größe: 3311kBytes
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Die Schwalben fliegen so hoch, dass man sie kaum sehen kann

Düsenjäger

I m Sonnenlicht sah Johan wie ein goldener Ritter aus. So war er ihr immer erschienen, als wäre er von einem besonderen Licht eingehüllt wie kein anderer, unerklärlich. Eigentlich kindisch. Er war nichts Besonderes, er war nur ein Mensch.

Sie stand am Fenster, an Andreas' Fenster. Manchmal ging sie in sein Zimmer, schaute hinaus und sah dieselben Dinge, die er gesehen hatte, all das, was sie fast ihr ganzes Erwachsenenleben lang gesehen hatte. Nichts hatte sich im Dorf verändert. Asekrysset war eines der ältesten im Land, es gab hier Wikingergräber. Vor der Kirche, etwa um 1100 erbaut, hielten manchmal Busse. Deutsche oder dänische Touristen stiegen aus, gingen hinein und bewunderten den Taufstein, über dem auch Andreas getauft worden war. Sie sah die Kirche in all ihrem Weiß strahlen. Immer leuchtete sie weiß, selbst nachts, wenn zwei Scheinwerfer das Tageslicht ersetzten. Als befürchteten sie, die Kirche würde verschwinden, wenn das Licht verlosch.

Sie war keine Kirchgängerin. Ihre eigene Konfirmation in Vrigstad hatte sie in übler Erinnerung. Sie war beim Abendmahl als Letzte an der Reihe gewesen. Der Pfarrer hieß Esaias Berg, damals war er noch nicht sehr alt. Später war er hier Pfarrer geworden, als ob er sie verfolgte. Im Konfirmandenunterricht hatte er nach Schnaps gerochen. Vielleicht war sie in der Kirche deswegen so nervös gewesen. Schließlich trat er zu ihr mit dem Leib und Blut Christi, hob den Becher, und sie trank, er hob den Kelch noch ein wenig höher, und sie trank mehr, bis es nichts mehr zu trinken gab und der süße Wein ihren Kopf schwer machte. Der Pfarrer beugte sich vor, und sie nahm wieder den Schnapsgeruch wahr. Oder war es Wein oder ein Kelch oder Blut, sie wusste nicht mehr, wie man es nannte, und sie hörte ihn dicht an ihrem Ohr zischen: "Na, hast du alles ausgesoffen, du kleine Schlampe?"

Esaias Berg war auf dem Weg vom Pfarrhof zur Kirche. Es waren nur wenige Meter, und der Pfad war gut ausgetreten. Er hatte schon den Friedhof erreicht, eine schwarze Gestalt zwischen den Grabsteinen, nicht weit von Mutters Grab entfernt. Ihr Grab lag nah bei der Pforte zum Pfarrhof, etwas abseits von den anderen Gräbern.

Die Sonne stand jetzt tief. Der Pfarrer schlängelte sich zwischen ein paar Grabsteinen hindurch und entdeckte ihn. Sein Mantel bewegte sich wie im Wind, aber es ging kein Lüftchen. Die Abendbrise war an ihnen vorbeigezogen. Johan hatte Esaias Berg nie anders als in altmodischer und frommer Kleidung gesehen.

Der Pfarrer überquerte die Straße und blieb direkt vor der Bank stehen. Noch immer war er ein Schatten vor der Sonne. Sein Gesicht konnte Johan nicht erkennen.

Esaias setzte sich neben ihn und strich sich über die Glatze. Lange Zeit hatte er wie ein Mönch ausgesehen, seine Tonsur war weiß geworden, und schließlich waren ihm auch die letzten Haare ausgefallen.

"Das ist ja wohl einer der heißesten Sommer, den wir je hatten", sagte er und knöpfte den Mantel am Hals auf. "Wer unter dieser Sonne arbeiten muss, hat ständig Durst."

"Es ist keine Sünde, durstig zu sein", sagte Johan. "Hast du kein Bier in der Sakristei?"

Er wusste, dass die Sakristei neben dem Chor nicht nur der Umkleideraum des Pfarrers war, sondern auch der Ort, wo gottesdienstliche Geräte verwahrt wurden.

"In den Nachrichten haben sie gesagt, dass gestern bei uns der bisher heißeste Tag war. Unser Dorf hält mal wieder den Hitzerekord im ganzen Land."

"Das habe ich nicht gehört."

"Ich hatte gehofft, der Abend im heiligen Raum der Kirche würde Kühle bieten, und habe gestern noch spät gearbeitet, aber einmal mehr habe ich mich als Unwissender erwiesen."

"Meinst du damit, dass du alles ausgetrunken hast?"

"Man kann sagen, es war nicht kühl genug. Gott zu dienen ist harte Arbeit", sagte der Pfarrer und strich sich wieder über den Schädel.

Johan fiel ein Bierplakat ein

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