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Die stumme Herzogin Roman von Maraini, Dacia (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 16.02.2015
  • Verlag: Piper
eBook (ePUB)
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Die stumme Herzogin

Sie widersetzt sich allen Konventionen ihrer Zeit: Im Alter von 13 Jahren wird die taubstumme Herzogin Marianna Ucrìa mit ihrem mürrischen Onkel verheiratet. Um dennoch ein selbstbestimmtes Leben zu führen, schafft sie sich ihr persönliches Glück. Marianna liest und schreibt, liebt Literatur und Philosophie- und nimmt sich schließlich einen Liebhaber aus dem Volk. Dacia Maraini, geboren 1936 in Fiesole bei Florenz, lebt heute in Rom. Sie ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Autorinnen Italiens - ihre Werke wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt. Sie warnominiert für den Man Booker International Prize 2011. Auf Deutsch sind unter anderem ihre Romane "Die stumme Herzogin", "Gefrorene Träume" und zuletzt "Der Zug in die jüngste Nacht" erschienen.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 352
    Erscheinungsdatum: 16.02.2015
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783492970587
    Verlag: Piper
    Größe: 2011 kBytes
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Die stumme Herzogin

1

Ein Vater und eine Tochter, da sind sie: er blond, schön, strahlend, sie plump, sommersprossig, ängstlich. Er in nachlässiger Eleganz, mit heruntergerutschten Strümpfen, schief aufgesetzter Perücke, sie in ein dunkelrotes Korsett gezwängt, das ihre wächserne Hautfarbe hervorhebt.

Die Augen des kleinen Mädchens folgen im Spiegel den Bewegungen des Vaters, der gebeugt steht und sich die weißen Strümpfe über die Waden zieht. Sein Mund bewegt sich, aber der Klang seiner Stimme dringt nicht bis zu ihr vor, er verliert sich, bevor er das Ohr des Kindes erreicht, fast als sei die geringe Entfernung, die sie voneinander trennt, nichts als eine Täuschung des Auges. Sie scheinen einander nah, doch sie sind tausend Meilen voneinander entfernt.

Das Mädchen beobachtet die Lippen des Vaters, die sich nun rascher bewegen. Sie weiß, was er zu ihr sagt, auch wenn sie ihn nicht hört: daß sie sich schnell von der Frau Mutter verabschieden solle, daß sie sich beeilen solle, mit ihm in den Hof hinunterzugehen und in die Kutsche zu steigen, denn sie seien spät dran, wie üblich.

Unterdessen ist Raffaele Cuffa, der immer, wenn er ins "Häuschen" kommt, vorsichtig und leicht schreitet wie ein Fuchs, vor Herzog Signoretto getreten und stellt einen großen geflochtenen Weidenkorb vor ihn hin, aus dem ein weißes Kreuz herausragt.

Der Herzog öffnet den Korbdeckel mit einer leichten Drehung des Handgelenks, in der die Tochter eine seiner typischen Bewegungen wiedererkennt: Es ist die verärgerte Geste, mit der er Dinge, die ihn langweilen, beiseite schiebt. Seine Hand fährt träge und sinnlich zwischen die gutgebügelten Stoffe, erschauert bei der Berührung mit dem eiskalten Silberkreuz, schließt sich um das mit Münzen gefüllte Säckchen und zieht sich rasch wieder zurück. Auf einen Wink hin beeilt sich Raffaele Cuffa, den Korb wieder zu bedecken. Nun bleibt nichts mehr zu tun, als die Pferde nach Palermo zu treiben.

Marianna läuft inzwischen ins Schlafzimmer der Eltern, wo sie ihre Mutter im Bett vorfindet, hingegossen zwischen die Leintücher, in einem mit Spitzen überladenen Nachthemd, das ihr an einer Schulter herabgerutscht ist, die Finger der einen Hand fest um eine emaillierte Tabakdose geschlossen.

Das Mädchen bleibt einen Augenblick stehen, überwältigt vom Duft des mit Honig versetzten Schnittabaks, der sich mit den anderen Ausdünstungen vermischt, die das Erwachen der Mutter begleiten: Rosenöl, geronnener Schweiß, getrockneter Urin, mit Lilienessenz parfümierte Pastillen.

Die Mutter drückt die Tochter mit einer bedächtigen, zärtlichen Geste an sich. Marianna sieht die Bewegungen der Lippen, doch mag sie sich jetzt nicht anstrengen, um den Sinn der Worte zu erraten. Sie weiß, daß sie ihr sagt, sie solle nicht allein über die Straße gehen, denn, taub wie sie ist, könnte sie leicht von einem Wagen zermalmt werden, den sie nicht kommen gehört hat. Und dann die Hunde, die kleinen wie die großen, sie solle sich nur ja von den Hunden fernhalten. Ihre Schwänze, das wisse sie sehr gut, würden lang und länger, bis sie sie jemandem um die Taille schlingen können, wie es die Schimären tun, und dann, zack!, spießen sie dich mit dem spitzigen Zweizack auf, und du bist tot, noch bevor du es merkst ...

Einen Augenblick lang starrt das Mädchen auf das dickliche Kinn der Frau Mutter, auf den wunderschönen, feinlinierten Mund, auf die glatten, rosigen Wangen, auf die unschuldigen, ergebenen, abwesenden Augen: Niemals werde ich so werden wie sie, sagt sie sich, niemals, nicht einmal, wenn ich dafür sterben würde.

Die Frau Mutter spricht noch immer von den Hundeschimären, die lang werden wie Schlangen, die einen mit ihren Schnurrbarthaaren kitzeln, die einen mit ihren boshaften Augen verzaubern, aber das Kind läuft weg, nachdem es ihr noch einen flüchtigen Kuß gegeben hat.

Der Herr Vater sitzt schon in der Karosse. Aber er schimpft nicht, er si

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