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Die Töchter der Róza Bukovská von Becker, Zdenka (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 04.01.2013
  • Verlag: Residenz Verlag
eBook (ePUB)
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Die Töchter der Róza Bukovská

Die Geschichte einer slowakischen Familie als Paradigma eines Lebens in der Heimatlosigkeit. MIT SIEBZEHN HABEN ES TÖCHTER NIE LEICHT mit ihren Müttern: Die Leine ist immer zu kurz und in der Tschechoslowakei wohl noch ein Stückchen kürzer. Wenn die Leute sagen: 'Ganz die Mama' freut sich die Mutter mehr als die Tochter. Jasmine Bukovská gibt ihrer Mutter Róza keinen Anlass zu dieser Freude, sie gleicht ihrer Tante: jener Frau, die ihr Vater liebte und immer noch liebt. Eine Ehe hatte die Familienräson vereitelt. Dann kam Róza, die jüngere Schwester, stillte mit dem verhinderten Schwager ihre Neugier aufs Leben, wurde schwanger und durfte geheiratet werden. Drei Töchter gingen aus dieser Ehe hervor und machten den Blumenstrauß komplett: Iris, Jasmine und Kamilla. Zu Hause wird es eng, in der Wohnung wie im Land. Der Frühling des Jahres 1968 ist die Zeit des großen Aufbruchs: Iris, die große Schwester, nutzt eine Lücke im Eisernen Vorhang und wandert nach Amerika aus, und auch für Jasmine wächst die Versuchung, Heim und Heimat hinter sich zu lassen ... Zdenka Becker ist zwischen den Ländern und in zwei Sprachen daheim. In einem fragenden, nicht eitel überformulierenden Ton erzählt sie vom Abhandenkommen alter Bindungen und der Suche nach einer neuen Identität.

Zdenka Becker geboren 1951 in Eger (ehem.CSSR), studierte an der Wirtschaftsuni in Bratislava und lebt seit 1975 in Österreich. 1986 begann sie auf Deutsch zu schreiben: Prosa, Lyrik und Theaterstücke. Zahlreiche Veröffentlichungen, darunter der Roman 'Berg', der verfilmt wurde, und Theaterstücke, die weltweit zur Aufführung kommen. Zuletzt: 'Odysseus Never Returned', New York, 2005. Übersetzungen ins Slowakische.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 410
    Erscheinungsdatum: 04.01.2013
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783701743506
    Verlag: Residenz Verlag
    Größe: 1303 kBytes
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Die Töchter der Róza Bukovská

9.

Werner verzauberte Eva von der ersten Minute an. Er fragte sie nach dem Weg, und als er begriff, dass die Kirche, die er suchte, direkt vor ihnen stand, stellte er die überflüssigste aller Fragen: "Wissen Sie, wo es Bananen gibt?"

Eva überlegte kurz, begriff aber, dass er nur Zeit gewinnen wollte, und beeilte sich mit der Antwort nicht. Wozu auch? Sie sahen einander an wie zwei Menschen, die mehr voneinander wissen wollten. Da waren die Bananen - oder worum ging es eigentlich? - völlig nebensächlich. Hoffentlich geht er nicht gleich weg, dachte sie. Was muss ich tun, damit er noch mehr fragt, noch länger mit mir redet? Es musste ihm ähnlich ergangen sein, denn er führte sie zu seinem Auto, öffnete den Kofferraum und zeigte ihr einen schmiedeeisernen Kerzenständer.

"Den habe ich gerade bei einem Antiquitätenhändler gekauft", sagte er. "Gefällt er Ihnen?"

"Er ist sehr schön", sagte Eva, ohne den Kerzenständer wirklich angesehen zu haben. Was sie aber faszinierte, waren seine Augen, die aus seinem Gesicht leuchteten.

"Trinken Sie einen Kaffee mit mir?", fragte er endlich, und sie antwortete nicht nur mit den Worten, sondern mit dem ganzen Wesen: "Ja, gern."

Sie gingen in ein nahes Bistro, bestellten jeder einen Espresso und Mineralwasser und erzählten einander ihre Lebensgeschichten. Werner war achtundzwanzig und Wiener. Er arbeitete als Musikagent für Popgruppen.

"Mein Gitarrenspiel hat für eine Musikerkarriere nicht gereicht ... zum Glück." Er lachte, wobei seine wie Perlen aufgereihten Zähne in der Dunkelheit des Bistros glänzten. "Mein jetziger Job ist viel interessanter. Und ich studiere ein bisschen ..."

"Ein bisschen? Wie kann man ein bisschen studieren?"

Er wirkte wie ein Mann von Welt - selbstsicher, erfahren, souverän. Trotz seiner Jugend.

"Und was machst du beruflich?", ging er nahtlos zum vertrauten Du über. Alles, was er sagte, klang wie Magie. Eva verstand nicht, was mit ihr los war. Sie zitterte und genoss das Zittern. Sie atmete kurz und flach und war dabei entspannter als je zuvor.

"Ich arbeite bei einer Zeitung", sagte sie.

"Ah, Journalistin", lachte er auf. "Ich habe viel mit Journalisten zu tun. Mit guten, aber auch mit schlechten. Ich wette, du bist eine tolle Journalistin."

"Leider nein", sagte sie. "Ich bin nur die Redaktionssekretärin, die auf einen Studienplatz wartet. Und es ist gar nicht sicher, ob ich ihn jemals bekommen werde."

"Komm nach Wien", sagte er, als ob es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre. "In Österreich kannst du sofort mit dem Studium anfangen. Und nebenbei arbeiten. Das geht."

Sie tauschten Adressen und Telefonnummern. Werner versprach Hilfe, sollte Eva es sich mit Wien einmal überlegen. Da war aber für sie nichts zu überlegen. Sie konnte es sich nicht vorstellen, irgendwo anders als in Bratislava zu leben. Und nicht nur das. Sie wollte aus unerklärlichen Gründen auch die Familie Bukovský nicht verlassen. Egal, wie sie waren, sie boten ihr ein Nest, das sie nicht verlassen wollte und konnte. Wahrscheinlich aus Angst, anderswo keinen adäquaten Ort zu finden. Sie kam sich vor wie eine Nesthockerin, wie ein junger Kuckuck, der sich in einem fremden Nest ausbreitet und die rechtmäßigen Kinder verdrängt.

Werner faszinierte sie trotzdem. Er erweckte in ihr Gefühle, die sie bis dahin nicht gekannt hatte. Nachts im Bett stellte sie sich vor, dass sie heirateten, eine Kinderschar erzogen und miteinander glücklich alt wurden. Und trotz seiner österreichischen Herkunft und einer anderen Sprache waren ihr die erträumten Orte ihres Zusammenseins bekannt. Es waren ihre Orte.

Zwei Wochen später, es war an einem Sonntagmorgen, läutete es an der Tür. Eva öffnete und fiel fast in Ohnmacht. Werner stand vor ihr und lächelte.

"Da bin ich", sagte er.

Seit ihrer ersten Begegnung hatten sie keinen Kontakt gehabt. Er schrieb nicht und rief auch nicht an. Und

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