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Die Tatarenwüste von Buzzati, Dino (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 08.10.2014
  • Verlag: AB - Die Andere Bibliothek
eBook (ePUB)
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Die Tatarenwüste

Die Wiederentdeckung eines vergessenen italienischen Autors: Die Meditation eines Moralisten über die Vergänglichkeit des Lebens Durch ein einsames und bizarres Gebirge reitet der junge Offizier Giovanni Drago seinem scheinbar immer weiter in der Ferne entrückenden Ziel entgegen - einer abgeschiedenen Festung mit Blick auf die legendäre weiße Steinödnis. Hier, an der Grenze zu einem bedrohlichen Reich, tritt er seinen Wachdienst an, hier wartet er heroisch inmitten der militärischmonotonen Routine auf das große Ereignis, die Konfrontation mit dem Heer der Tataren. Giovanni Drago verwartet in der Tatarenwüste sein Leben, sie wird ihm Sinn und sie wird sein Schicksal. Am Vortag von Mussolinis Kriegserklärung ist Die Tatarenwüste, damals ein Kultbuch, Dino Buzzatis überwältigende existenzialistische Lebensparabel. Deren magisch reale Bilder entfalten einen Sog, der die absurde Fatalität dieser tatarischen Fata Morgana, wo sich die Jahre entleeren, Wirklichkeit werden lässt. Dino Buzzati, geboren 1906, nahe der Dolomiten bei Belluno, war Romancier und Novellist, Dramaturg und Poet, Autor von Opernlibretti, Maler und Illustrator der eigenen Bücher - vor allem aber Zeit seines Lebens Reporter und Redakteur beim Corriere della Sera in Mailand, wo Dino Buzzati 1972 starb. "Die Tatarenwüste" ist innerhalb des vielseitig umfangreichen Werkes, nur teilweise übersetzt und fast vollständig vergriffen, sein wichtigster Roman.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: none
    Seitenzahl: 250
    Erscheinungsdatum: 08.10.2014
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783847753339
    Verlag: AB - Die Andere Bibliothek
    Serie: Die Andere Bibliothek Bd.333
    Originaltitel: Il deserto dei Tartari
    Größe: 3608 kBytes
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Die Tatarenwüste

1

Nach seiner Ernennung zum Offizier verließ Giovanni Drogo an einem Morgen im September die Stadt, um sich nach der Festung Bastiani, seinem ersten Bestimmungsort, zu begeben.

Es war noch finster, als er sich wecken ließ und zum erstenmal seine Leutnantsuniform anlegte. Als er fertig war, betrachtete er sich beim Schein einer Petroleumlampe im Spiegel, doch die erhoffte fröhliche Laune wollte sich nicht einstellen. Im Haus war alles still, nur aus dem Zimmer nebenan drangen leise Geräusche zu ihm herüber: Giovannis Mutter stand soeben auf, um ihn zu verabschieden.

Das also war der Tag, den er seit Jahren herbeisehnte, der Beginn seines wirklichen Lebens! Er gedachte der freudlosen Zeiten auf der Militärakademie. Er erinnerte sich der trübseligen Abende, die er über seinen Büchern verbracht hatte, während unten auf der Straße freie und wohl auch glückliche Menschen vorübergingen, er sah sich von neuem in winterlich-eisigen Schlafsälen erwachen, auf denen der Alpdruck zahlloser Strafen lastete, und er dachte daran, mit welcher Ungeduld er die Tage gezählt hatte, einen nach dem anderen - diese Tage, die nie zu enden schienen.

Jetzt war er endlich Offizier, jetzt brauchte er sich nicht länger mit Büchern abzuquälen, brauchte nicht mehr vor der Stimme des Feldwebels zu zittern. Das alles war vorbei. Jene Tage, die ihm so hassenswert erschienen waren, hatten sich selbst für immer aufgezehrt, waren zu Monaten und Jahren geworden, die niemals wiederkehren würden. Ja, er war jetzt Offizier und würde Geld haben, und vielleicht würden ihm die Blicke schöner Frauen folgen. Aber im Grunde - ganz unvermittelt kam ihm der Gedanke - war für ihn, Giovanni Drogo, die schönste Zeit der ersten Jugend schon vorbei. Und wie er so in den Spiegel starrte, gewahrte er auf seinem Gesicht, das zu lieben er sich stets vergebens bemüht hatte, ein kümmerliches Lächeln.

Unsinnig das alles: Warum gelang ihm nicht das gebührend sorglose Lachen, während er sich von der Mutter verabschiedete? Warum konnte er ihre letzten guten Ratschläge kaum beachten und nur den Klang ihrer so vertrauten, guten Stimme vernehmen? Warum irrte er nervös im Zimmer umher und suchte vergeblich die Uhr, die Reitpeitsche, die Mütze, während sich doch alles am richtigen Ort befand? Schließlich zog er ja nicht in den Krieg! Dutzende von Leutnants, seine bisherigen Kameraden, verließen gleich ihm zu dieser Stunde fröhlich lachend ihr Elternhaus, als ginge es zu einem Fest. Warum brachte er nur leere, sinnlose Phrasen über die Lippen, statt der Mutter zärtlich und beruhigend zuzusprechen? Das schmerzliche Gefühl, das jeden befällt, der zum erstenmal aus dem elterlichen Haus, der Geburtsstätte seiner Hoffnungen, auszieht, die Ängste, wie jeder Wechsel sie verursacht, die Rührung beim Abschied von der Mutter - das alles erfüllte seine Seele. Außerdem war da aber ein beharrlich bohrendes Gefühl, für das er keinen Namen fand: eine unbestimmte Vorahnung schicksalhafter Dinge, als sollte er eine Reise antreten, von der es keine Heimkehr gab.

Sein Freund Francesco Vescovi ritt mit ihm eine Strecke des Weges. Der Hufschlag der beiden Pferde hallte durch die menschenleeren Gassen. Es dämmerte. Noch lag die Stadt in tiefem Schlaf, nur da und dort öffneten sich in den obersten Stockwerken die Fensterläden, zeigten sich müde Gesichter, starrten teilnahmslose Augen sekundenlang nach dem Wunder des Sonnenaufgangs.

Die beiden Freunde schwiegen. Drogo versuchte sich vorzustellen, wie die Festung Bastiani wohl aussehen mochte, doch es gelang ihm nicht. Er wußte weder genau, wo diese Festung lag, noch, wie weit es bis dorthin war. Wenige Stunden, hatten die einen gesagt, einen Tagesritt, die anderen. Doch von denen, die er danach gefragt hatte, war keiner je selbst dort gewesen.

Als sie das Stadttor erreichten, begann Vescovi so lebhaft von allerlei Belanglosigkeiten zu reden, als habe Drogo bloß einen Spazierritt vor. Dan

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