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Die Universität Roman von Maier, Andreas (eBook)

  • Erscheinungsdatum: 12.02.2018
  • Verlag: Suhrkamp
eBook (ePUB)
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Die Universität

Frankfurt, die Universität, 1988, 1989. Damals noch ein ganz anderes Studium, Magister, eigentlich völlige Freiheit in allem. Das Betätigungsfeld erstreckt sich vom Biertrinken im 'Doctor Flotte' bis hin zu Seminaren über Wahrheitstheorie, die den Studenten der Philosophie schon innerhalb eines Semesters zu Arztbesuchen treiben. Es droht ein völliger Verlust der eigenen Person, und auch die Zeiten geraten durcheinander: Auf der Suche nach einer Studentenbude stößt der Protagonist auf ein Erotikmagazin, in dem er eine alte Liebe aus dem Jahr 1983 wiederzuerkennen glaubt. Aus seiner Matratzengruft, in der er sich verzweifelt-lethargisch einrichtet, rettet ihn ausgerechnet ein Pflegefall: Gretel Adorno, die uralte Witwe des Philosophen, bei der er durch seinen Studentenjob Dienst tut. Er lässt sich von ihr zerkratzen und beschimpfen, aber eigentlich versteht er sich mit ihr besser als mit seiner ganzen Umwelt. Die Universität ist ein Roman über die Möglichkeit, überhaupt von so etwas wie 'Ich' oder 'Person' zu sprechen. Es ist jener Zustand Anfang zwanzig, in dem wir zwar noch im Rollenspiel der Jugend verhaftet sind, zugleich aber längst begriffen haben, dass es irgendwo anders hingehen muss. Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik. Er lebte wechselweise in der Wetterau und in Südtirol, zurzeit in Hamburg.

Produktinformationen

    Format: ePUB
    Kopierschutz: watermark
    Seitenzahl: 147
    Erscheinungsdatum: 12.02.2018
    Sprache: Deutsch
    ISBN: 9783518757062
    Verlag: Suhrkamp
    Größe: 1557 kBytes
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Die Universität

Die Universität

D ie Universität macht zum ersten Mal Semesterferien, es ist wieder Frühling, und ich packe meinen Rucksack. Damals lebte ich noch in Friedberg, es war das Jahr 1988. Wo ich hinfahre, sage ich niemandem, ich glaube, es war eine jener Phasen, in denen ich wochenlang mit keinem sprach (außer abends im Lascaux, unserer Kellerkaschemme, in der wir herumlungerten, aber auch da saß ich inzwischen meistens schweigend). Italien, näher gesagt Südtirol, sollte es sein.

Es ist ein blendend sonniger Tag, die Zeit der Kirschblüte. Draußen ein Fest, überall. Ich fahre die Strecke nach Frankfurt, die früher mein Onkel J. täglich zu seinen Schichten nahm, Nieder-Wöllstadt, Ober-Wöllstadt, Karben, Dortelweil, Bad Vilbel.

Voller Enthusiasmus komme ich in den Hauptbahnhof hinein. Dort würde ich mir eine Karte für den nächsten Zug nach Italien kaufen. Aber in dem Moment, als ich in der Tür des Waggons stehe, vor mir der Bahnsteig, beginne ich zu lächeln, besser: zu grinsen. Die Stimme in mir fängt an zu sprechen. Es ist meine Kommentarstimme, mein innerer Meta-Ebenen-Kuckuck.

Die Stimme erklärt: So, du fährst jetzt nach Italien! Gleich gehst du zum Schalter und holst dir eine Fahrkarte, und dann steigst du in den Zug nach Italien, und dann bist du also in Italien! Zunächst nach München, dann durch die Alpen, und schon wirst du im sonnigen Italien sein, fast unter den Zitronen und den Orangen, wenn auch nur fast, denn du fährst bloß nach Südtirol. Komm, trete auf den Bahnsteig hinaus, wir sind doch bereits in Frankfurt! Da, schau, die Sonne, all die Reisenden, all die normalen, geschäftigen Menschen, und mittendrin du, denn du fährst ja jetzt nach Italien.

Ich laufe über den Bahnsteig, und die Stimme spricht weiter.

Jetzt bist du nicht mehr so ganz enthusiastisch! Eben warst du noch voller Elan und in deinem Eifer ungebrochen, aber nun kommst du etwas auf die schiefe Ebene. Da ist eine Bank, da könnte man sich hinsetzen, oder fühlst du dich nicht plötzlich erschöpft? Rede ich zuviel?

In der Tat fühle ich mich mit einem Mal überraschend müde, etwa so, wie wenn man beim Laufen unversehens stehenbleibt, irgendeinem unbegründeten Impuls folgend. Ich gehe daraufhin zum Bahnhofskiosk, hole mir ein Bier, setze mich auf eine Bank und nehme einen großen Schluck.

Jetzt gehen wir das noch einmal durch, sagt die Stimme. Gestern abend (denn es war schon Abend) faßt du also plötzlich diesen Entschluß. Warum nicht, man packt, setzt sich in Bewegung, reist, gerät unter die Sonne, vielleicht sogar unter die Zitronen (in Meran gäbe es Zitronen!), und immerhin: Bis Frankfurt hast du es schon geschafft! 35 Kilometer in den Süden, von Friedberg in der Wetterau nach Frankfurt am Main! Der Schalter in Friedberg hatte übrigens geöffnet. Erinnerst du dich? Er hatte geöffnet, dort hast du die Karte nach Frankfurt gelöst, du hättest auch gleich nach Bozen lösen können, oder nach Brixen, oder nach Meran!

Ich: Nein. Ich weiß nicht. In Friedberg sind sie am Schalter nicht so profund mit Auslandsfahrten, in Frankfurt dagegen geht das alles ganz schnell! Die Stimme: So, nicht so profund! In Friedberg nicht so profund mit Auslandsfahrten! Erinnerst du dich an deine letzte Turinfahrt? Da saßt du drei Stunden dort drüben auf dieser Bank, siehst du sie, die jetzt leer ist. Damals saßt du auf ihr, drei Stunden!

Ich: Ja, ich weiß es noch. Da war auch dieser Mann, dieser Verrückte, mit Bart, barfüßig, der diese Schulhefte, wie wir sie früher in Mathematik benutzten, auf dem Schoß hatte. Drei Stunden murmelte er Formeln vor sich hin, manchmal sah er aus, als hätte er eine Eingebung.

Die Stimme: War er denn kein Mathematiker?

Ich: Nein.

Die Stimme: Woher wußtest du das?

Ich: Er war barfuß! Wer sitzt denn drei Stunden barfuß am Bahnhof und hat Schulhefte auf dem Schoß, in die er dauernd etwas hineinschreib

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